Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1863)
- Date
- 1863-06-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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258 wärmt, das ihm Liebe für seine Religion, Anhänglichkeit an seinen Stamm, Neigung zu dessen Leben einflößt, so darf er sich nicht darauf beschränken, sie bloß lexicographisch und grammatikalisch verständlich zu machen, noch weniger darf er ihre Geschichte als bloßes historisches Object tradiren. Den religiösen Sinn, das sittliche Gefühl für das Verständniß ihrer jüdisch moralischen Grundsätze und Lehren zu bilden, und diese dem jungen noch mehr Gefühlsals Verstandsmenschen nicht bloß zu zergliedern und als etwas Fremdes klar zu machen, sondern als die beseligendste Wahrheit zu Gemüthe zu führen und zur Anerkennung zu bringen, darauf muß vorzüglich der jüdische Reglionsunterricht sein Augenmerk richten. Die biblische Geschichte soll von ihrer nationalen Seite ersaßt und ihre Erscheinungen müssen, vom biblischen Standpunkte aus betrachtet, als Schöpfungen der Vorsehung angesehen, und als solche auf die wahren und letzten Ursachen aller Veränderung im Natur- und Menschenleben, auf die göttliche Weisheit und ihre heiligen Zwecke zurückgeführt, nicht aber als Produkte menschlicher Berechnung und Willkür hingestellt, und aus ihren nächsten, dem menschlichen Willen und dem natürlichen Zusammenwirken der Verhältnisse entnommenen Gründen erklärt werden. Je festere Wurzel diese Lehren im kindlichen Herzen geschlagen, desto leichter werden sie in That übergehen, und die Anleitungen zur praktischen Religion, eine jüdische häusliche Erziehung vorausgesetzt, desto mehr fruchten. Eine Schule als Lehr- und Erziehungsanstalt des orthodoxen Judenthums darf aber ihren Religionsunterricht nicht auf die Bibel einschränken, sondern muß den Talmud, das religiöse Gesetzbuch der Orthodoxie, wenigstens den leichteren Theil desselben, die Mischna, mit auf ihr Programm setzen. — Das Talmudstudium kann und soll aber auch dadurch gefördert werden, daß befähigte, von der Cultusgemeinde subventionirte Talmudlehrer mit der Schule in Verbindung gesetzt werden, die den diesem Studium sich widmenden Kindern Privatunterricht, und zwar den Unbemittelten unentgeltlich ertheilen sollen.*) — Hat man dergestalt die Religion dem Zögling als eine lebendige Persönlichkeit, die Leib und Seele hat, hingestellt, so werden ihm einige Gesichtspunkte genügen, um den scheinbaren Widerstreit zwischen dieser und den anderen geistigen Bestrebungen zu heben. Der göttliche Beruf des Judenthums und sein Zusammenhang mit dem Berufe der Menschheit muß *) Das würde sehr schädlich sein; das Talmudstudium (Gemara) muß als integrirender Theil des Lehrplanes ausgenommen und an den Anfang der Lehrstunden gesetzt werden; davon dispensirt seien nur die nicht befähigten Schüler. Red. ihm so lebhaft als möglich zu Gemüthe geführt, und er, das moderne Leben im Lichte der Offenbarungslehre zu betrachten, gewöhnt, nicht aber diese ihm so gezeigt werden, wie sie dem seichten Modemenschen erscheint. Ueberhaupt ist es eine oouäitlo mus uou für eine jede Versöhnung des religiösen mit dem socialen Leben, daß dieses sich gefallen lasse, mit dem von jenem hergenommenen Maßstabe gemessen, und nach einem jenem eigenthümlichen Werthmesser geschätzt zu werden. Eine Verständigung zwischen dem Glauben und der Wissenschaft kann nur dann zu Stande kommen, wenn diese den obersten Grundsatz jenes anerkennt, nicht aber umgekehrt. Das oberste Prinzip des Judenthums, der Gottesgedanke, erklärt die Wissenschaft neben der Religion als eine wohlberechtigte Tendenz, erkennt sie als eine naturgemäße und deßhalb gottgefällige Entwickelung des menschlichen Geistes an. Je weiter wir aber auf dem stürmischen Meere des Lebens segeln, je tiefer wir in den Schacht der Forschung dringen, desto mehr verlieren wir den soliden Boden des Glaubens aus den Augen; und wenn auch die immer fühlbarere Leere im Herzen die Ahnung, daß nicht auf diesem Wege Befriedigung zu finden lei, uns nahe legt, und die immer bestimmter hervortretende Ueberzeugung, daß es in diesem Schachte keinen festen Punkt gibt, der sich selbst und die Anderen trüge, und unserm irrenden Fuß einen Halt bieten könnte, uns auf eine unserm Auge unsichtbare Macht, einen letzten Grund hinweist, so ist doch das, was wir da gewinnen, nur das Bewußtsein, daß etwas, was mit unfern Erkenntnißkräften nicht ermittelt werden kann, gleichwohl vorausgesetzt werden muß, nicht aber ein Prinzip, aus dem das Judenthum erklärt, nicht , ein Maßstab, nach dem sein Leben beurtheilt werden kann. Jene als ein Resultat der Wissenschaft und der Erfahrung gewonnene Ueberzeugug, daß alle Wissenschaft, die Welt und ihre Existenz zu erklären, und alle Schätze und Genüsse des Lebens, das Herz dauernd zu befriedigen, unvermögend, und daß die Religion es sei, die dies zu leisten im Staude ist, muß aber auch beim jugendlichen Zögling geweckt werden. Je mehr solche wahrhaft jüdische Bildungsanstalten ins Leben gerufen werden, die in ihrem Wirken von der Anerkennung der Gottähnkchkeit des Menschen einerseits und seiner praktischen Bestimmung auf dieser Erde andererseits sich leiten lassen, desto mehr werden wir jenes Vorurtheil schwinden sehen, das die Religion in die Klause sich zurückziehen und die im Leben thätige Intelligenz dieser den Gehorsam aufkündigen zu müssen glauben macht, und desto mehr wird das Judenthum auch nach Außen die Stellung einnehmen, welche sein göttlicher