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Der Israelit · 1863-06-03 · Heft 22 (3.6.1863) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
4 (1863)
Issue
Heft 22 (3.6.1863)
Date
1863-06-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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257 Heuchelei brandmarken? oder gar ihre wissenschaftlichen Kenntnisse, als mit moralischem Ernst, mit einem religiösen Streben gepaart, wie immer, nur nicht mit Bildung, Aufklärung und deren Synonymen benennen? Fast scheint dies bei Vielen der Fall zu sein. Nur zu oft pflegt man sich die Bildung hüben und drüben als den personificirten, flatterhaften und alles Heilige bespöttelnden Leichtsinn vorzustellen. Eifert ihr gegen diese Asterbildung, gegen die Frivolität, die sich den Namen Bildung usurpirt, so lasset es nicht beim Eifern bewenden. Diesen Jrrgeist könnet ihr nimmer mit euren Sprüchen bannen. Wollet ihr den umsichgreifenden, auf gänzlicher Verkennung des Wesens wie des Verhältnisses der Religion und der Wissenschaft^beruhenden, Angriffen und Uebergriffen gegen jüdische Lehre und jüdisches Leben einen Damm entgegensetzen, so errichtet Schulen, wo Beide gelehrt werden. Liegt euch das Heil eurer Brüder am Herzen, wie könnet ihr zugeben, daß Hunderte derselben dem sicheren Verderben entgegenrennen, warum wollet ihr den Hunderten von jüdischen Kindern, die zum Besuch der christlichen Schulen sich bemüßigt sehen, keine Gelegenheit bieten, die Religion ihrer Väter kennen zu lernen und eine Anstalt entbehren zu können, wo sie, die unschuldigen Kinder, unjüdische Bräuche, wie das Kreuzen der Finger während des Gebetes ihrer christlichen Schulcollegen, mitmachen müssen? Und wie steht es mit unserm Cheder und dessen Zöglingen? Das lichtvollste Buch, dessen Reinheit und Erhabenheit der Sprache schon als Beweis seiner Göttlichkeit angeführt wurde, die Thora will es ihnen durch den dunkelsten wort- und begriffärmsten Jargon verständlich machen und beibringen. Das Kind, das die Thora anfangs als einen Wirrwarr von ganz unzusammenhängenden corrumpirten Worten kennen lernt, wird sie unmöglich klar begreifen und also auch nicht liebgewinnen können. Wächst das Kind zum Jüngling heran und erfährt dieser, daß das von seinen jüdischen Lehrern nicht gar glimpflich behandelte Deutsch eine Sprache ist, die den Geist mehr anspricht und bildet, als deren jüdische Mundart, so entsteht in seinem Kopfe eine Collision zwischen den in dieser ihm beigebrachten, dunkeln und den von jener ihm zugeführten, klareren Vorstellungen, zwischen seinen verworrenen aus jüdischen und Len helleren aus nichtjüdischen Quellen geschöpften Begriffen, kurz eine Collision zwischen seiner früheren und jetzigen Denk- und Anschauungsweise, die nur zu oft, wie die Erfahrung lehrt, damit endigt, daß das in der gebildeten Sprache! Erlernte dem in der ungebildeten Erlernten vorge- , zogen und die Geringschätzung gegen die Chederlehrer! und ihre Redensart auch auf die Lehre übertragen § und so das Kind Mit dem Bade ausgeschüttet wird.! O, wie Vieles verdirbt doch der allzugroße Eifer! Ihr mißgönnt der Bildung den Anblick des Heiligthums, sie entweihet es, ihr verschließet ihr die Thüren zum Tempel, sie bricht vermummt durch's Fenster ein, und ein Fremdling Ln dieser geweihten Stätte, setzt sie ihren Fuß auf das Heiligste und Ehrwürdigste, und schleudert aus der Bundeslade jenes Adelsdiplom der Menschheit, jenes Document ihres göttlichen Ursprunges hinaus als eine werthlose, weil mit ihr unverständlichen Schristzügen bemalte Pergamentrolle. Die Orthodoxie läßt sich nun hier denselben Fehler zu Schulden kommen, der von ihr vor einer Generation in Deutschland begangen und nur zu spät erkannt und bereuet wurde. In Verkennung der reinmenschlrchen Tendenz, die unsere, auf dem Standpunkt des allgemeinen Bewußtseins stehende Bildungsepvche von den früheren und namentlich der griechischen ausgezeichnet, welche von dem griechischen Volksbewußtsein ausgehend, und mit heidnischen Elementen vermischt, von dem vor- und nachmackabäischen Judenthume zurückgewiesen werden mußte, hatte auch dort die Orthodoxie, statt sich zum Träger der Bildung im Judenthume zu machen, diese angefeindet, mit unversöhnlichem Hasse die Wissenschaft verfolgt, gebannt und gezwungen, bei den Religionsfeinden Zuflucht zu suchen, die sie als Waffe gegen die Orthodoxie mißbrauchte, um das Ruder ihrer Hand zu entreißen und die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen. Nun, ihr wackern Religionskämpfer unserer Stadt, noch führt ihr das Heft in Händen, sebet. daß die Zeit es euch nicht entwinde, kämpser nicht gegen den schwellenden Strom, der, in sein natürliches Bett geleitet, eurem Weinberg keinen Schaden, nur Gedeihen und Fruchtbarkeit bringt. Wenn es euch um euer Prinzip, um Aufrechthaltung des orthodoxen Judenthums mehr als um eitle Rechthaberei zu thun ist, so nehmt ihr euch der Schule an, und wendet euren jetzt noch maßgebenden Einfluß dahin an, daß diese Anstalt aus den unverwüstlichen Grundseulen des Glaubens errichtet und ein echt jüdischer Geist ihr eingehaucht werde. Um in ihr einen solchen Geist herrschend, und sie zur Stütze des talmudischen Judenthume» zu machen, braucht man nur ihrem Religionsunterricht keine einseitig theoretische, sondern eine vorwiegend praktische Richtung zu geben, in sein Programm Theile der talmudischen Literatur aufzunehmen, und die unparteiische Würdigung des modernen Lebens mit allen seinen löblichen und verwerflichen Intentionen vom Standpunkte des Judenthums zu seiner Hauptaufgabe machen. Soll der Unterricht in der Bibel ein fruchtbringender und wahrhaft jüdischer, d. h. das werden, was er dem jüdischen Kinde specifisch sein muß, ein Gotteswort, das seinen Geist erleuchtet, fein Herz er-

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