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Der Israelit · 1863-06-03 · Heft 22 (3.6.1863) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
4 (1863)
Issue
Heft 22 (3.6.1863)
Date
1863-06-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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256 auf's Tapet gebracht, und ein Kampf entbrannte darüber, der um so erbitterter geführt wird, jemehr die Personen statt der Sache in den Vordergrund gedrängt und zur Zielscheibe gemacht werden. Noch stehen die Parteien unbesiegt sich gegenüber. Wersen wir auf selbe und ihr Manöver einen flüchtigen Blick, so können wir schon, die gleichgiltigen Zuschauer ungerechnet, deren vier unterscheiden. Die eine, durch die Vorsteher und die junge Handelswelt vertreten, zu deren Fahne auch unsere deutschgekleideten Glaubensgenossen sich bekennen, bietet alle ihr zu Gebote stehenden Mcktel auf, um sich ein Terrain für eine Schule zu erobern, die sie als ihr eigenes Bedürfnis fühlt und für ein Erforderniß der vorgeschrittenen Zeit hält. Diese Partei hat eine moralische Bundesgenossin an einer anderen, die, strenge Religiösität mit praktischem Verständniß der Zeit, talmudifche und profane Kenntnisse vereinigend, eine Schule, um den frommen Juden zum gebildeten Menschen und den gebildeten Menschen zum frommen Juden zu erziehen, nicht nur als ein Bedürfniß des bürgerlichen, sondern noch mehr als eine Nothwendigkeit des religiösen Lebens erkannt hat, und die unter ihre Mitglieder auch die Spitze unserer Gemeinde zählt. Diese Parteigenossen, wiewohl so gering an Zahl, daß sie kaum den Namen einer Partei verdienen, könnten doch, wenn sie aneinander gereiht Mit ihren Überzeugungen hervor- und in den Kamps eintreten wollten, in diesem den Ausschlag geben, und sich auf die zu erri l tende Schule und ihren Geist einen entscheidenden Einfluß sicheren. Sie könnten es, weil sie dann einen Krystalisationskern für viele leichtbewegliche Atome im Gemeindeorganismus abgeben würden, die jetzt van einer noch geringeren aber rührigen und übeizeugungsfesten Fraction angezogen werden, von der, welche den beiden ersten gegenüberstehend, das Schulwesen für einen Krebsschaden im jüdischen Leben, für einen Ruin der Religion nicht nur ausgibt, sondern auch wahrhaftig hält. Wir dürften den großen Einfluß und die dominirende Stellung dieser, im aufrichtigen Glauben an ihre vermeintlich gute Sache starken Männer leichter begreifen und richtiger zu würdigen verstehen, wenn wir sie nicht als eine für sich stehende Partei, sondern als die Führer einer solchen oder besser als Fahnenträger uns vorstellen, um die sich die große Menge schaart. Ihre wenn auch unrichtigen, so doch aufrichtigen Worte erhitzen die Gemüther. Diesen führt der Eigennutz Kampfwenn auch nicht Gesinnungsgenossen aus den Reihen derjenigen zu, welche die geringsten Interessen ihres Geldbeutels höher als die höchsten Interessen der Gemeindanschlagen, und also der von ihnen selbst als nothwendig und gemeinnützig anerkannten Schule doch deshalb entgegenwirken, weil sie für selbe keine Kinder mehr haben und mit ihrem Gelde ohne persönlichen Nutzen zum Unterhalte derselben beisteuern müßten. Mit Leuten dieses Schlages, die aus kleinlicher Furcht und schnöder Gewinnsucht die heilige Sache kaltblütig verralhen, wollen wir hier nicht rechten. Die Männer aber, welche in dem Schulprojekt einen Anschlag gegen die Religion erblicken und das Schulwesen als Quelle aller Häresien betrachten und als solche bekämpfen, bitten wir einen Augenblick auch die entgegengesetzte Meinung in Betracht ziehen zu wollen, daß nämlich eine gute, zweckentsprechende Schule, weit entfernt das jüdische Leben zu untergraben, und die überhandnehmenden Ausschreitungen gegen dasselbe zu begünstigen, in jetziger Zeit das einzige Mittel ist, jenes zu heben und diese einzudämmen. „Ich bin gottlob ein Nogid (ein wohlhabender Mann) und kenne kein deutsch", dieses hie und da vorgebrachte Argument gegen das Bedürfniß einer jüdischen Schule scheint Wesen uud Zweck einer solchen ganz und gar zu verkennen. Dieser besteht nicht in der Hebung des socialen, sondern vorzüglich des religiösen Lebens, in der Versöhnung des positiven Judenthums mit dem gebildeten Bewußtsein, in der Versöhnung des Glaubens mit der Wissenschaft, der praktischen Religion mit dem praktischen Leben. Daß eine solche Versöhnung ohne das orthodoxe*) Prinzip aufzugeben möglich, unter den gegebenen Verhältnissen zur Aufrechthaltuug desselben nöthig, und welches die Einrichtung sei, die eine Schule, um sie zu bewerkstelligen, haben müsse, möge jetzt nachgewiesen werden. Das Erste wird ein jeder zugeben müssen, der im Judenthume eine von Gott geoffenbarte L.hre und in der Bildung eine Entwickelung des von eben diesem Gott geschaffenen Geistes und also in beiden Wahrheit erblickt, die nimmer das Charakteristische der Lüge annehmen und mit sich selbst in Widerstreit kommen kann. Und zeugen nicht jene Tugend und Geisteshelden unserer Geschichte, denen Niemand, der nicht einem Samuel seine Stern- und Heilkunde und einem Maimonides sein orthodoxes Judenthum absprechen will, den Ruhm wissenschaftlicher Bildung und orthodoxer Frömmigkeit versagen kann, zur Genüge für die Vereinbarkeit dieser Letzteren? Oder wollen wir die in ihrem Leben wie ihren Schriften sich aussprechende religiöse Tendenz als *) Dieses besteht in der Anerkennung des Talmud's als der religiösen Quelle und unverbrüchlichen Norm des praktischen Judenthums. Die unstatthaften N benbegrlffe, die von Refermsüchtigen dem Namen Orthodoxie untergeschoben werden, sollen uns den Gebrauch desselben ebenso wenig verleiden, wie die Gewohnheit der Judenfeinde, „Jude" zu schimpfen, uns diesen Namen verleiden kann.

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