Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1863)
- Date
- 1863-05-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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246 der Zeit entgehen fast dem weniger aufmerksamen Beobachter; ein solches Zeichen der Zeit ist die Aufhebung der sogenannten Juden wache in hiesiger Stadt, die sich fast unmerklich vollzogen hat. Mit dieser aber hat es folgende Bewandtniß: Kurfürst Johann Philipp (starb zu Würzburg 1673) harte die Umbach, welche ehemals durch Mainz in den Rhein floß, trocken legen und die Ufer derselben, die früher Bleichgärten waren, in Straßen (die drei Bleichen) umwandeln lasten. Die Stätte aber, wo früher die Umbach floß, blieb feucht und namentlich war es eine bestimmte Stelle, die nicht gut trocken zu legen war. Dadurch fehlten die Communikationsstraßen ins Innere der Stadt; um diese herzu stellen befahl der Kurfürst im Jahre 1662, daß die Mainzer Israeliten ihre Wohnungen und ihre Synagoge im Innern der Stadt aufgeben und sich in der schlechtesten Gegend, wo bisher eine Schwemme für die Schweine gewesen war, in abgesperrten Judeugasten ansiedeln sollten. Diese Verordnung blieb zwar im Jahre 1662 unausgeführt, wurde aber Anno 1671 wiederholt. Damals waren unsere armen Vorfahren gezwungen, ihre gesunden und bequemen Wohnhäuser im Innern der Stadt aufzugeben; auf dem Platze, wo die damalige Synagoge stand, wurde im Jahre 1686 von dem Kurfürsten Anselm Franz von Ingelheim, der Jngelheimer Hof gebaut*). Der neuentstandenen Judengassen wa-! ren zwei (nebeneinander) die offene und die geschlos-! sene. Die geschloffene hatte an jedem Ende Thore,! welche an chr. Sonn- und Festtagen geschloffen wur-! den; daher der Name. In den Eingang der offenen Judengaffe wurde ein Wachthaus gebaut. Dieses hatte einen doppelten Zweck: erstlich, jede Passage mit Fuhrwerk zu hindern, und zweitens die Juden vor etwaigen Angriffen des Pöbels zu schützen. Dies ist! die sogenannte Judenwache. Im Jahre 1798, nachdem sich die Franzosen der Stadt bemächtigt hatten, wurden die Thore der geschloffenen Judengaffe in feierlicher Weise unter Musik und festlichen Reden entfernt; die Gaffe selbst trägt seit einigen Jahren den Namen „Synagogengaffe." Das Wachthaus steht aber noch und war *) Dieses palastähuliche Gebäude befindet sich wieder in jüdischen Händen und zwar im Besitze der Herrn L. Strauß Söhne in Mainz. bis vor wenigen Wochen von k. k. österr. Militär besetzt. Seitdem ist die Wache ganz geräuschlos aufgehoben und das Haus an einen Schlaffer vermiethet worden, der es gestern bezogen hat. — Mainz, 14 Mai. In Lemberg lebte bis vor einem Jahre ein gewisser Nathan Romann, welcher in seiner Jugend Soldat, später Unteroffizier war; ins Civilleben zurückgetreten conditionirte er dann in verschiedenen Geschäften, bis er durch die Gnade des Kaisers eine Tabakstraffik im Christenbezirk erhielt. — Wir haben bereits wiederholt darüber berichtet, welche Animosität in Lemberg Seitens des Stadtraths gegen unsere Glaubensgenoffen herrscht; auch Romann wurde wegen feines Geschäftsbetriebs im Christenbezirk vielfach angegriffen, verfolgt und gequält, bis er den verzweifelten Entschluß faßte, sich — um allen diesen Quälereien auf einmal zu entgehen — taufen zu lasten. Kaum jedoch war der unglückliche Schritt geschehen, so kam die Reue. Schon nach wenigen Tagen überkamen ihn die furchtbarsten Gewissensbisse; wieviele getaufte Juden mögen von Gewifsensqualen gefoltert, ein elendes Leben Hinschleppen, weil sie nicht stark genug sind, einen übereilten furchtbaren Schritt wieder gut zu machen! Romann jedoch war stark ge-! nug; freilich ist das in Oesterreich, wie man uns > erzählt, unmöglich. Die bestehenden Gesetze verbieten dem getauften Juden, zur Religion seiner Väter zurückzukehren. Deßhalb war Romann gezwungen, sein Geschäft um ein Billiges zu verkaufen und mit Aufopferung eines Vermögens von 1500 fl. ergriff er mit Weib und Kindern den Wanderstab, verließ Vaterstadt und Vaterland, um in der Ferne den alten, theuren Glauben, die alte religiöse Ueberzeugung offen bekennen zu dürfen und beglückende Gewissensruhe wieder zu gewinnen. - In Straßburg hat er endlich das Ziel seiner Wünsche erreicht; wir haben das Zeugniß des dortigen Herrn Oberrabbiners Aron Arnold gesehen, das ihn nach i ftattgehabter und Vollzug der ihm aufgelegten Büßungen (ll'ri^) seine Rückkehr zum Judenthume! bezeugt. — Herr Romann entwirft uns eine ergreifende Schilderung seines unseligen Zustandes, nachdem er i Apostat geworden; jetzt fühlt er sich, wiewohl arm,! froh und glücklich. —! Möge der allmächtige Gott, allen Denen, die in