Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1863)
- Date
- 1863-05-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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232 Sinne dem Menschen zugeführt haben. Es ist klar, daß in solcher Anschauungsweise aus jedes höhere Geistesleben verzichtet werden muß; da gwt es Nichts, als was man messen und wägen kann, da wird der Körper mit seinen Bedürfnissen der Beherrscher des Weltalls und die Sorge sür diesen eigenen Körper absorbirt jedes höhere Streben. Im Verhältnisse der Menschen zu einander muß sich der crasseste Egoismus geltend machen; Jeder kennt nur das eigene Ich, und die Liebe, dieses erhabene und schöne Bindemittel der Menschen untereinander, weicht dem Eigennutz. Haben wir kein anderes Wissen, als dasjenige, welches uns durch unsere Sinne zugeführt wird, und exrstiren keine andere Dinge als solche, von denen wir Mssen haben, so muß vor allen Dingen die Existenz der unsichtbaren und unfaßbaren Seele des Menschen geleugnet werden — und mit der Seele alles Geistige und Seelische; da ist der Gedanke nichts Anders, als ein Bläschen, das sich im Gehirne bildet und das Nachdenken ein ähnlicher Prozeß wie die Verdauung. Selbstverständlich kann da auch von einer Fortdauer der Seele nach dem Tode nicht die Rede sein, ebensowenig von einer derernstigen Belohnung und Bestrafung, ja von Belohnung und Bestrafung überhaupt. Eine solche Lehre kennt keinen Gott und hat keinen Gott, ihr sind Tugend, Redlichkeit, Sittlichkeit nichts als Träume und Schäume eines blasentreibenden Gehirns; ihre Devise ist im Leben Genuß soviel als möglich und nach tum Leben die Vernichtung, der hoffnungslose Tod, rnO.-wv sie gleichen dem Viehe und schwinden hin wie das Vieh. Leider ist in unserer Zeit, die man nicht umsonst eine materialistische nennt, diese Lehre und die ihr entfließenden Ansi lten verbreiteter als man meint. Gar mancher bocnirte Naturforscher vermeint recht weise zu sein, wenn er Alles leugnet, was er nicht chemisch zu untersuchen vermag. Ihm folgt das große Heer der Aerzte, die sich mit Stolz Schüler von Vogt und Molleschott nennen; diese Anschauungen werden in tausend und aber tausend populä ren Zeitschriften verbreitet, aus denen der große Troß geschniegelter und gebügelter Ladendiener und Comptoirschreiber ihre Weisheit schöpft. — Daher so viel der Untreue in der Welt, so viel Unsittlichkeit und am Ende — der Selbstmord. — Während man die eben betrachteten Formen des Denkens als Sensualismus und Materialismus (Realismus) bezeichnet, so gibt es noch eine andere, den eben erwähnten entgegengesetzte Anschauung. Schaudernd vor den verderblichen Folgen der materialistischen Denkungsart wendet sich der Geist des Denkers zum geraden Gegentheil. Es ist unzweifelhaft, daß die Sinne gar oft täuschen, wie das Jeder an sich wohl schon mehrfach erfahren haben wird. Man möchte darauf schwören, daß man Dies oder Jenes gesehen oder gehört hat, während es sich herausstellt, daß man es doch nicht, oder wenigstens nicht so gehört hat. Ebenso unzweifelhaft ist es aber auch, daß wir in uns Anschauungen, Gedanken und Erkenntnisse vorfinden, welche uns, so meint man, unmöglich durch die Sinne zugeführt sein können. Solche Ideen sind diejenigen von der Welt in ihrer Gesammtheit, von der menschlichen Seele und endlich von Gott. Daher hat es gar viele Denker gegeben und es gibt deren noch heute, welche annehmen, daß gewisse Ideen dem Menschen angeboren sind, daß der Mensch manche Vorstellungen mit zur Welt bringt, die e st später durch Entwickelung und Erfahrung erregt und lebendig gemacht werden und noch später erst zur vollen Klarheit gelangen. — Freilich ist mir dieser Denkungsart, dem Idealismus, das höhere Geistesleben dem Menschen gewonnen. Aus dem unendlich tiefen Fond des eigenen Innern schöpft der Mensch ein Wissen, das ihm keine äußere Erscheinung zuzuführen vermag. Da der Mensch eine Welt im Kleinen, so ist die eigene Seele ein Spiegelbild des Universums. Im unbewußten Zustande schon hat die Seele des Menschen das All geschaut und jedes spätere Lernen und Erfahr.n ist nichts denn Erinnerung, die bei dem Einen klar und deutlich ihn zum großen Forscher und Denker macht, während sie bei dem Andern weniger deutlich ihn nur mittelmäßig befähigt. In dieser Anschauungsweise ist die Tugend kein leerer Wahn, es gibt eure Seele, die nach dem Tode noch fortdauert, um vom allmächtigen Gott Lohn oder Strafe zu gewärtigen. Alle Religionen sind mehr oder minder idealistisch und gründen sich mehr oder weniger auf die eben dargestellte Anschauungsweise. Aber mit dieser Anschauungsweise ist auch zugleich dem Wahne Thür und Thor geöffnet. Trotz der entsetzlichen Gefahren des Materialismus und seiner furchtbaren Consequenzeu hat derselbe wenigstens das Gute, daß er nicht dem Wahne und dem Aberglauben ausgesetzt,ist. Er glaudt nur das, was er sieht und empfindet, d. b. er glaubt gar nicht, sondern er muß durch sinnliche Beweise und Experimente überzeugt sein Der Idealismus hingegen nimmt willkürlich au, legt Voraussetzungen zu Grunde, die nirgendwo erwiesen sind, und wenn die Sinne manchmal täuschen, so kann das ganze Lehrgebäude des Idealismus ein Phantafiegebilde sein. Daher der Wahn und der Aberglaube, der so viele Menschen und Völker umnachtet, daher die Abgötterei und Vielgötterei, die ebenfalls der Menfch aus dem Fond seiner Erkenntniß zu schöpfen vermeint Wir haben nunmehr erkannt, daß der Realismus seiner Natur nach die Wahrheit zu erfassen nicht im Stande ist, daher für die höchsten Wahrheiten keine Mittel zur Erkenntniß besitzt; wir haben ferner