Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1863)
- Date
- 1863-05-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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222 gesetzestreue Gemeinde ist, wohl auch für R. die wohlthätigsten Folgen hätte haben können. Gabriel Rieffer studirte auf mehreren deutschen Universitäten die Rechtswissenschaft; dem positiven Judenthume wurde er sehr bald entfremdet und schon 1830 erklärte er in einer Schrift: „Ueber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland," daß ihm das jüdische (sog.) Ceremonialgesetz von keiner Bedeutung sei, da§ es aber schmachvoll wäre, sich taufen zu lassen, ehe die Emancipation völlig durchgeführt wäre. Dieser Mann, der solche Ansichten hatte, also so gut wie außerhalb des Judenthums stand, war der Vorkämpfer der politischeil und bürgerlichen Gleichstellung der Juden in Deutschland; sein Name wurde damals nicht nur von seinen Gesinnungsgenoffen hochgepriesen; diese letzteren aber trieben förmlich Götzendienst damit, wie sie es heute noch thuen. Wir wollen von dem bittern Gefühle schweigen, die solche übertriebene Auslastungen in dem Herzen jedes wahrhaften Juden erzeugen mußten und müssen; wir wollen uns hier darauf beschränken, über das Leben des Verstorbenen noch einige Data zu geben. Nachdem R sich vergeblich um verschiedene Anstellungen (als Privatdocent in Heidelberg, als Advokat in Hamburg) beworben hatte und, weil Jude, abgewiesen worden war, lebte er ganz der publizistischen Thätigkeit und kämpfte unaufhörlich für die Gleichberechtigung der Confessioneu Diese Kämpfe waren häufig von glänzendem Ei folge gekrönt und die Emanzipation im Kurf. Hessen im I. t831 war namentlich sein Werk. Die Beschaffenheit seiner Schriften war größtentheils polemisch, gegen die Judenfeinde gerichtet; doch hatten dieselben auch noch eine andere Seite, und viele, namentlich jüngere Glaubensgenossen sind durch sie vom geraden Wege des geoffenbarten Gotteswortes ab auf Irrwege geführt worden. Die polemische Seite seiner Schriften war es vorzüglich, die seinen Namen populär machte Namentlich war es seine Schrift gegen den Gymnasiallehrer vr. E. Meyer in Hamburg, die seinen Namen in alle Schichten der dortigen Bevölkerung trug. Damals war Börne gegen den ebenverstorbenen, vergötterten Göthe aufgetreten. Or. M-, ein Göthe- Anbeter erster Sorte, wollte seinen geliebten Dichter vertheidigen und glaubte dieses nicht bester thun zu können, wie wenn er ä la Haman das Volk schmähte, dem (der getaufte) Börne entstammte. Dem trat Rieffer mit aller Macht seiner hervorragenden Talente, mit aller Schärfe seines kritischen Verstandes, mit aller Wärme seiner hinreißenden Beredtsamkeit gegenüber. Wer lesen konnte, las damals Riesters Gegenschrift; sogar die Schüler des Johannäums (so heißt das Hamburger Gymnasium) lasen sie und versagten von dem Augenblicke an ihrem Lehrer Meyer Achtung und Gehorsam, so daß dieser gezwungen war, seine Entlastung zu nehmen. — Wie hier im Kleinen eine so großartige Wirkung von Rieffer erzielt wurde, so ging er siegreich aus allen Kämpfen hervor, aus den Kämpfen gegen Paulus, gegen Bruno Bauer und Andere. Im Jahre 1848 war R. Mitglied des Frankfurter Vorpalaments; noch in demselben Jahre wurde er in die deutsche Nationalversammlung gewählt, deren Vicepräsident er eine Zeit lang war. Im Jahre 49 war er Mitglied der Deputation, welche dem Könige Friedrich Wilhelm IV. von Preußen die deutsche Kaiserkrone anbot. — Nach Hamburg zurückgekehrt, erhielt er von der dortigen jüdischen Gemeinde die Stelle eines Gemeindenotars; später wurde er in die Bürgerschaft gewählt und vor circa zwei Jahren zum Obergerichtsrath ernannt. So hatte er denn das Ziel, nach dem er Jahrzehnte vergebens gestrebt hatte, endlich erreicht. Doch sollte er nicht in diesem frohen Bewußtsein sterben; er wurde im jüngsten Jahre nicht wieder in die Bürgerschaft gewählt; nicht er, aber die politische Richtung, der er angehörte (die sogen. Gothaer, Nationalverein rc.) hatte das Vertrauen seiner Mitbürger verloren. Riester starb am 22. April d. I. In Wort und Schrift wird sein Andenken in überschwenglichster Weise gefeiert; in allen Reformtempeln wurden an den jüngsten Sab batten Todtenfeiern gehalten, die jüd. Reformpreste treibt damit, wie wir bereits oben bemerkt haben, wahrhaften Götzendienst. Wir aber wollen des Mannes Verdienste anerkennen, uns aber auch nicht gegen die große Schattenseite seines Lebens, gegen seinen tatsächlichen Abfall vom jüdischen Gesetze blind stellen. — Mit Rieffer ist eine ganze Richtung zu Grabe getragen. Die Reformatoren aus Emancipations-Zwecken existiren nicht mehr; damit sind unsere gefährlichsten Gegner überwunden; den andern obzusiegen, dazu möge der allmächtige Gott den wahrhaften Israeliten seinen gnädigen Beistand verleihen. Wie uns von Hamburg aus mitgetheilt wird, ist Rieffer in seiner letzten Lebenszeit thatsächlich zum Gesetze zurückgekehrt. Er ließ sich in den letzten Wochen mit koscherer Kost aus der Restauration von Herschel's Hotel versehen. — Auch von dem unlängst verstorbenen Prediger am Hamburger Tempel vr. Salomon wurde zur Zeit Aehnliches berichtet. Die Emancipation der Holsteiner Jude«. Der Bericht des Ausschusses hatte, wie wir be» reits mitgetheilt haben, die Gemüther zum große»