Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1863)
- Date
- 1863-04-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447089-2447106--01855-2457149- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
200 Nlvt (Privatmittheilung). Eine vor einigen Wochen in Cannstadt tagende Versammlung von Israeliten hat beschlossen, bei der Kngl. Regierung um Aufhebung der isr. Oberkirchenbehörde zu petitioniren. Der erste Leitartikel zu Nr. 11 des Israelit bildet in allen isr. Kreisen Württembergs das Tagesgespräch. Oesterreichischer KaiserstaaL. Aus Tarnow berichtet man: „In dem Dorfe Szalowa bei Gorlice, im Sandecer Kreise, lebt ein jüdischer Prcpinatar, L. D., dessen 16jährige Tochter Leah seit beinah einem Jahre Unterricht bei einem katholischen Lehrer nimmt, der zugleich manche kirchliche Functionen in der Ortskapelle zu verrichten hat. Die Eltern dieses Mädchens, schlichte Dorfleute, fetzen das vollste Vertrauen in die Person des Lehrers und denken bei ihren mannichfachen Beschäftigungen nicht daran, den Unterricht zu überwachen. Eines Tages, als dieselben von einer Reise nach Hause kommen, kurze Zeit vor den Osterfeiertagen, finden sie die Tochter, der sie die Leitung der Wirtschaft während ihrer Abwesenheit anvertraut haben, nicht mehr, Kleider und Wäschkasten zum Theil geleert und vermissen außerdem manches Werthvolle. Sie allarmiren das ganze Dorf, schicken Boten nach allen Richtungen und bringen endlich in Erfahrung, daß ihre Tochter im Nonnenkloster zu Alt-Sandec sich aushält, wohin sie der Lehrer gebracht hat. Die Vorsteherin verweigert die Herausgabe und gestattet dem Vater nur, getrennt durch eine Bretterwand mit seiner Tochter zu sprechen. Von dem Bischof von Tarnow, dessen edlem und humanem Charakter die Anhänger aller Consessionen Gerechtigkeit widerfahren lassen, erwartet man eine versöhnende Entscheidung." (Ddsk.) Asien. Smyrna, 17. März. (Wir haben die traurigen Vorgänge in Smyrna bereits gemeldet und geben nunmehr folgenden ausführlichen Bericht nach den Isr.): Verflossenen Donnerstag, den 12. dieses fiel in unserer sonst so friedlichen Stadt ein Ereignest vor, das dem Mittelalter angemessen wäre und leicht in eine Bartholomäus-Nacht hätte ausarten können. Gegen Mittag hatte sich in der ganzen Stadt unter den Griechen der Lärm verbreitet, die Juden hätten einem Kinde die Hand abgehackt, um das daraus erhaltene Blut für die Mazoth zu verwenden. Alle Juden, welche sich in dem griechischen Quartier befanden, wurden geschlagen, verwundet, mehr oder weniger beschimpft. Diesmal waren es nicht Leute aus der untern Volksklrsse, sondern die sogenannten Gebildeten, welche den Pöbel gegen die Juden hetzten. Den städtischen Behörden muß man die Anerkennung aussprechen, daß sie sogleich den Polizeikommissär absandten, um weiteren Unfug zu verhüten. Man hat mehr als 30 Griechen festgenommen, unter diesen einen Namens Lavier, der bei seinen Landsleuten in einem gewissen Rufe steht. Wenn unsere Glaubensgenossen heute noch Bedenken tragen, sich aus dem Franken-Quartier zu entfernen, so werden sie doch von den Griechen wenigstens nicht niedergemetzelt. Alles Lob verdienen die eingeborenen Katholiken und die Europäer, welche mit Gefahr ihres Lebens die Juden gegen die fanatischen Griechen verteidigten. Man muß, um sich eine Vorstellung von der Sache zu machen, die Frauen gesehen haben, wie sie ihre Männer zur Mißhandlung antrieben Die Kaufleute, welche durch ihre gesellschaftliche Stellung nicht selbst theilnehmen konnten, trieben die gemeinen Griechen dazu an. Die Häupter der Nation unterließen es nicht, ihre Rechte als Unterthanen der Pforte und die bürgerliche Gleichheit zu reklamiren und dem Vizegouverneur, (der Gouverneur war abwesend) welcher eine große Energie entwickelte, gelang es, dem schmachvollen Verfahren ein Ziel zu setzen. Die fremden Consuln waren ungehalten und erstatteten ihren Gesandten in Constantinopel Bericht hierüber. Der Anlaß zu diesem barbarischen Akte ist folgender: In dem armenischen Quartier besteht eine amerikanische Schule von einem zum Protestantismus übergetretenen Juden geleitet. In dieser Schule sind Kinder verschiedener Glaubensrichtungen. Zwei dieser Zöglinge geriethen in Streit. Einer davon, der Schuldige, ein Knabe von 10—12 Jahren, wurde vom Direktor mit Schularrest bestraft. Als die Griechen