Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 14-15 (15.4.1863)
- Date
- 1863-04-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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164 wohlthuende Rathgebruin ' eine schirmende Lebensgefährtin. Sie ist die,Moylwollenvste, Mch unttbittlich eifersüchtige G-liMe, die keinen EHrtteN von Nebenbuhlerschaft duldet. Wohin der Jude sich wendet, steht ihm die Religion zur Seite. Sie begleitet ihn auf allen Wegen und Stegen seiner mühevollen Lebenswallfahrt. Sie nimmt Avtheil an seiner Freude wie an feinem Kummer. Im Glücke dämpft sie die freudige Aufwallung seines Herzens, mahnt ihn an Mäßigung und bewahrt seine Seele vor dem verderblichen Uebermuthe; im Unglücke wiederum tröstet sie ihn, wischt ihm mit weicher Mutterhand die Thränen von der Wange und bewahrt ihn vor Verzweiflung- Und siehe da! In dem winzigen Pergamentsröllchen der Mesusah ist diese herzliche Beziehung, dieses innige LiebeZverhältniß zwischen dem Juden und seiner Religion, diese unzertrennliche Zusammengehörigkeit Beider, in wenigen aber vielsagenden, bedeutsamen Worten beschrieben und geschildert. Die an den Pforten des jüdischen Hauses haftende Mesusah enthält jenes begeisternde, die absolute Einheit Gottes verkündende, den Juden zu aufopfernder Gottesliebe verpflichtende Gebot „Schema Jisraöl!" Und ihr erhabener Zweck ist, den Juden stets an die Buchung zwischen ihm und seiner Religion,j an den gerechten Anspruch der letzter« auf seine ungetheilteste Liebe, auf sein Gut und Blut zu mahnen. Die jüdische Religion verlangt von ihrem Bekenner, daß er ausschließlich in ihr und für sie lebe und athme, daß er um keiner Rücksicht willen sich von ihr trenne, daß ihm kein Opfer für sie zu groß sei, daß die Gottesliebe seinen ganzen Herzensraum ausfülle, nnd die Mesusah ist gleichsam der dies bestätigende und daran erinnernde Zeuge. Sie ist der göttliche Wegweiser des Inden auf der Bahn seines Lebens; der über seinem Haupte schwebende Schutzengel, welcher ihn bewacht und hütet, daß er in des Lebens vielfachen Versuchungen nicht wanke und an den unter der glatten Oberfläche des Lebensstromes im tiefen Abgrunde ruhenden Klippen und Felsenriffen nicht strauchle. „Ich habe Gott immer vor mir; denn ist er an meiner Rechten, dann wanke ich nicht." Wenn der Jude, die Pfosten seines Hauses überschreitend, hinauszieht in das bewegte Getriebe des Welttebens, begegnet sein Auge der Mesusah, in Welcher es heißt: „Du sollst Gott lieben mit Deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vermögen." Und diese goldene Lehre zieht mit ihm auf den Weltmarkt, in das buntscheckige Gewühl der praktischen Mhrigkeit und warnet und hütet ihn, daß er nicht sein Vermögen, welches er Gott schulde, auf Gott mißfällige Weise vergrößere und bereichere; daß er nicht für die Gemächlichkeit des Lebens, das ebenfalls Gott geweiht fei, eine gottlose Handlung übe. Wenn sr wieder vom aufgeregten Geschäftsrnarkte zu seinem ruhigen Familienkreise heimkehrend, die Schwüle seines traulichen HauseS betritt, glänzt ihm entgegen die Mesusah, und der auf ihrer Außenseite prangende, „die Allmacht" bezeichnende Name Gottes „Schadai", springt ihm in die Augen und gräbt sich ihm tief in die Seele als Warnung ein, daß er von den vielfachen, sanftberauschenden Genüssen des häuslichen Lebens sich nicht zum Abfalle von Gott verleiten lasse nnd unter de», Hn und seine Habe schützenden, festgebauten Mauern seines Hauses sich nicht sicher wähne vor dem zornigen Eindringen des göttlichen Armes; denn Gott ist die absolute Allmacht, er ist der Gott „Schadai"; der große einemzige Gott, der dem Menschen das Dasein gegeben und zu jeder Zeit wieder nehmen kann; der ihm den Lebeusodem, als ein zu unbestimmtem Termine abzuforderndes Darlehn eingehaucht, der alle Freuden spendet und alle Leiden verhängt, dessen zürnendes Auge, wie zündender Blitz, sicher vernichtet und dessen strafender Arm den Menschen all und überall erreicht. Wenn der Jude dieser allvermögenden Macht Gottes und seiner eigenen Winzigkeit eingedenk wird, dann zieht die echte, gottgefällige Demuth in sein Herz ein, dann fühlt er sich klein, ohnmächtig und zerbrechlich; und, anstatt die Stirne in stolzem, selbstgefälligem Behagen frech emporzurichten, senkt er sein Haupt mit schüchternem Gemüthe und tiefer Zerknirschung zur Erde. Ehrfurcht und Bewunderung Gottes durchdringen sein Wesen, und wie der hinfällige Wurm liegt er vor Ihm im Staube. Durch das heilige Pergament der Mesusah mit seinem erhabenen Inhalte, werden die Gedanken des Juden nach Aufwärts gerichtet, nach jenem klaren, blauen Himmelszelte, wo da thront der Gott der Liebe; der Gott, welcher maßlose Liebe spendet, aber auch maßlose Liebe verlangt; und seine Liebe zum vergänglichen Genüsse schwindet vor der mächtigen, alle Fasern seines Herzens durchdringenden Liebe zum Schöpfer; sein Verlangen und Sehnen nach irdischen Reizen flieht vor der glühenden „Sehnsucht nach den Vorhöfen Gottes." Es durchzieht sein Herz ein religiöser Schauer, es erfaßt feine Seele ein unbestimmtes, höheres Ahnen, und die Macht seiner Gewohnheit ist gebrochen, die Kraft seiner Leidenschaft zerstoben. Die kurzen Genüsse der Sinnenwelt verlieren für ihn ihren Reiz, ihren Zauber. Er denkt an die höhere Welt, an das Jenseits, an die Unendlichkeit, an seinen Ursprung und sein Ende, an die Ewigkeit, deren Mutterleib ihn gebar und deren Schooß seine Asche aufnehmen wird. Er wird durch die Mesusah, am Ein- und Ausgange seines winzigen, lehmgebauten Wohnhauses, gemahnt an fernen Eingang in das große Wohnhaus der Welt und an den endlichen Ausgang aus demselben. „Nackt ging