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Der Israelit · 1863-03-25 · Heft 12 (25.3.1863) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
4 (1863)
Issue
Heft 12 (25.3.1863)
Date
1863-03-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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139 drückt ihn mit warmer Innigkeit an ihr liebeglühendes Herz und zum Willkommengruß windet sie ihm um Stirne und Arm die schönen Kränze der heiligen Denkriemen (Tephillin), zum unveräußerlichen Geschenke, zum ewigen Andenken! Wir wollen nunmehr betrachten: was ist der Tephillin Sinn und Bedeutung, und welchen Werth haben sie für das religiöse Leben des Juden? Wenn einer jeden Nation die Geschichte ihrer Vergangenheit Stütz- und Anlehnungspunkte sür Gegenwart und Zukunft leihen muß, so ist dies umsomehr bei der jüdischen Nation der Fall. Das Judenthum, dessen Gegenwart oit traurig und düster und aller Lichtmomente baar ist, bedarf wahrlich, zu seiner Erhaltung und Aufrichtung gar sehr der Lehre und des Trostes der Geschichte. Diese trostbietende Geschichte nun dem Juden jeden Tag vor die Augen treten zu lassen und ihm dadurch Ermunterung und Belehrung sür's Leben zu verschaffen, ist Zweck und Bestimmung der Tephillin. Die Geschichte des jüdischen Volkes ist zugleich die Geschichte der jüdischen Religion, denn die Entwickelung der Nation ging immer mit der ihres Gottesglaubens Hand in Hand. Das wichtigste Moment dieser Deppelgeschichte ist die Befreiung Israelis aus der egyptischen Sclaverei; denn hier beginnt die erste Morgendämmerung seines nationalen und religiösen Bewußtseins. Als die Juden im Sclavenjoche Egyptens ächzten und unter der, von den feigen Söldlingen der gottlosen Pharaonen geschwungenen Zuchtruthe, ihr Körper sich krümmte, schrumpfte auch ihr Geist zusammen und ihre Seele war keineswegs einer Erhebung zu Gott fähig. Erst dann, als der Herr, „mit starker Hand und ausgestrecktem Arme", ihre Fesseln sprengte und sie, auf sichtlich wunderbare Weise, durch des Meeres Alles verschlingende Fluthen trockenen und sichern Fußes den Hafen der Freiheit erreichen ließ; erst dann fingen sie arr, „Gott zu fürchten und an ihn, wie auch an seinen Diener Moses zu glauben." Mit der körperlichen Befreiung ging auch der erste Morgenstrahl ihrer geistigen Freiheit auf, denn der wahre Glaube fing damals an in ihrer Seele sich zu regen. Dann entwickelte sich dieser allmählich bis er endlich am Berge Sinai, als daselbst der Herr der Welt in Blitzesleuchten sich offenbarte, in mächtigen, das Weltall erschütternden Donnerworten seinem auserkorenen Volke die ewigen Heils Wahrheiten seiner Lehre verkündete und das von Ewigkeit her im Cchooße der Allmacht ruhende Kleinod der Thora Israel gab zum ewigen Gnadengeschenke, seine vollständige Reife erlangte. Die Erlösung Jsrael's aus Egypten ist also der hellste, bis in die fernsten Zeiten und spätesten Generationen leuchtende Glanz- und Lichtpunkt in der Gesammtgeschichte des Judentums. Denn außerdem, daß die jüdische Nation dadurch vom Untergange gerettet wurde, ist ihr noch verliehen worden der höchste Sieg, den je die Menschheit gefeiert: der Triumph des reinen Glaubens über den Unglauben, die Erhebung der Seele zur Anerkennung des wahren eineinzigen Gottes. Die Grundzüge dieser zwiefachen Erlösungsgeschichte nun sind in den Tephillin ausgezeichnet. Die in diesen geweihten Gehäusen ruhenden Pergamentstreifen sind die kurzgefaßten Annalen der jüdischen National- und Religionsgeschichte. Durch die Tephillin wird dem Juden vergegenwärtiget die Entwickelung seiner nationalen Existenz und seines Gottesglaubens. In kurzen Umrissen führen sie ihm vor die Augen, die trübe Zeit seiner körperlichen Sclaverei gepaart mit geistiger Versunkenheit und die Glanzperiode seiner leiblichen Befreiung und geistigen Wiedergeburt durch die Erleuchtung der Religion. Die Denkriemen haben die Bestimmung im Geiste des Juden, das Andenken der glücklichen Ereignisse längst geschwundener Zeiten aufzufrischen und zu beleben. Und wahrlich, was ist geeigneter, dem Juden in seiner Rathlosigkeit eine Lehre, in seinem Unglücke einen Trost, in seinem Wanken eine Stütze und in seiner Verzweiflung eine Ermunterung zu gewähren als jene, in den Tephillin ausgezeichnete denkwürdige Geschichte der wunderbaren Rettung seiner Nation von körperlichem und geistigem Verfalle? Jahrtausende schon wird die jüdische Nation von einem grimmigen Geschicke verfolgt, welches, seine giftigen Pfeile nach ihrem Herzen schleudernd, sie zu vernichten droht. Aber sie steht noch immer in ihrer ungeschwächten Ursprünglichkeit und jugendlichen Frische da; weil die Hoffnung aus eine bessere Zukunft, auf ein glänzendes Morgenroth der Freiheit, aus ein erlösendes Messiasreich sie aufrechterhält. Und diese ermuthigende Hoffnung, sie wird jeden Tag neu belebt, wenn der Jude die Tephillin anlegt, die, gleichsam Zeugenschaft ablegend von der einstigen Erlösung, ihm die Garantie bieten für die künftige, und das dürre Erdreich seines Daseins mit dem göttlichen Thaue des Trostes befeuchten. Wenn der Horizont des Juden sich gar sehr verfinstert; wenn dichtdüsteres Gewölk sich über seinem Haupte zusammenzieht und in unheilbringendem, zerstörendem Ungewitter sich zu entladen droht; wenn der, ihn all und überall verfolgende Haß seiner ungerechten Nebenmenschen, nach ihm seinen unersättlichen Schlund öffnet und mit ungestüm wilder Gier seine Opfer zu verschlingen verlangt; wenn die grausame Rachewuth seiner übermüthigen Feinde, seinem flüchtigen Fuße überall nacheilend, ihm auf dem ganzen Erdenrunde kein freies Ruheplätzchen gönnt, und er zuletzt matt und müde gleich einem zu Tode gehetzten Wilde rettungslos niedersinkt; dann wickelt er die Tephillin um Arm

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