Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1863)
- Date
- 1863-03-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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108 Art, wie man, wenn man guter Laune ist, mit einem possirlichen Hunde freundlich thut. Er trinkt mit ihm, er fährt mit ihm, er handelt mit ihm, aber bricht die Laune hervor, so läßt er ihn — obgleich der Jude vielleicht graue Haare hat — mit Kränkung aller Menschenwürde „Uak ^oÜ8" tanzen, d. h. Affensprünge machen. So ist des Juden Stellung nach Außen hin. Nicht so, wie Heine sagt: Hund mit hündischen Gedanken", sondern manchmal erfüllt von adelichen Gefühlen, getragen von rein menschlichen Gedanken der Treue, Liebe und Menschlichkeit — aber behandelt wie ein Hund. In der Familie aber und in der Gemeinde ist er ein Bürger — in des Wortes verwegenster Konsequenz. Sein ganzes Streben, sein ganzes Dichten und Trachten, seine Haltung, sein Haus, sein Anzug, die Erziehung, die er seinen Kindern gibt, beruht auf einem einzigen Prinip, das sich in dem Worte (in Ehren) ausspricht. Dem polnischen Juden gilt als besondere Ehrlosigkeit jede Verletzung der Keuschheit, jede Bestrafung durch die öffentliche Gewalt, jeder brüske Bruch mit der herkömmlichen Form der Religionsübung — aber auch die Unwissenheit und die Armuth. Die letztere schändet nicht gerade, aber sie läßt doch nicht zu, daß man „dolrorvsä" leben kann. Reich, gelehrt und geachtet. oder besser geehrt zu sein, darin liegt der höchste Ehrgeiz des polnischen Juden. Sehen wir uns lein Haus an. Ein Zimmer, „die Putzstube", ist gewiß mit irgendwelchen Luxusgegenständen geschmückt. Sollte er auch das ganze Jahr auf harter Pritsche schlafen; in der „Putzstub" muß ein Kanapee oder ein türkisches Sopha (Ottomane) stehen. An den Fenstern hängen stets Gardinen. Im Winter ist das Zimmer fast immer überheizt, in der Mitte hängt ein Kronleuchter von Glas oder Bronze, auf dem am Freitag Abend die Lichter angezündet werden. In einer Ecke summt den ganzen Tag der „Samowar" (eine überaus praktische, russische Theemaschine), denn bei der angebornen Mäßigkeit der Juden im Trinken ist der massenhafte Genuß des Thees zumeist das Reizmittel, womit sie sich gegen das Landesklima in Harmonie setzen. Dafür ist ihre Küche reichhaltiger und nur wegen unerträglich scharfer Würzung nicht schmackhaft. Unvergleichlich gut kochen sie alle Arten von Fischen. Die vielbesprochene Kleidung der Juden in Polen, die aus einem langen Rocke (Chlat), bald mit bald ohne Taille, einer pelzverbrämten Mütze und einem seidenen Leibgürtel besteht, ist nichts weniger als specifisch-jüdischen Ursprungs, sondern ist eben nur den Juden der Slawenländer eigen und ihnen mit den Slawen gemeinsam. Die eigentliche Haar- und Barttour beruht auf buchstäblicher Befolgung des Verbotes im 3. Buche Moses Kap. 21 V. 5. (— „Sie sollen auch keine Platte machen auf ihrem Haupte, noch ihren Bart abscheeren und an ihrem Leibe kein Mal pfetzen".—-) Nur in manchen Städten Polens wohnen die Juden in abgesonderten Vierteln; in den meisten, namentlich kleineren, Hausen sie unter ihren christlichen Mitbürgern. Wenn die Uebung der Ceremonien ein Heraustreten aus den Räumen des Hauses fordert, sind sie unbekümmert darum, ob die Seltsamkeit den Spott der Christen herausruft. Sie verstecken ihre religiöse Uebung nicht, ja zeigen dieselbe bisweilen mit einem gewissen Selbstbewußtsein. Namentlich wird die augenfällige Laubhütte am Laubhüttenfeste gern gezeigt. Seltsam genug sieht dann die Judenftraße aus. Aus Brettern werden vor dem Hause vier Wände zusammengezimmert und statt des Daches eine Menge Baumäste mit lebendigem Laub aufgethürmt. Im Innern werden die Wände mit seidenen leinenen oder damastenen Decken behängt. Schnüre, auf denen zahllose Roßkastanien aufgezogen sind, schmücken die Wandkanten, und Blumen oder Laubgewinde ziehen sich an der Decke bis in die Mitte hin, wo ein großer Kürbis hängt, dessen Samengehäuse sorgfältig ausgeleert ist. In dem Kürbisfleische sind paffende Inschriften ausgeschnitten und ein Licht, das im Innern angezündet wird, läßt die Buchstaben transparent erscheinen. In dieser Hütte ist mit weißem Linnen der Tisch gedeckt und ein Paar silberne oder blankgescheuerte Messingleuchter stehen in der Mitte. Ist das Mal, ob reichlich ob kärglich, gehalten, dann singt der polnische Jude seine eigenthümlichen Synagogengesänge, die halb in jenen slawischelegischen Molltonarten, halb in den phrygischen und lydischen Weisen der altersgrauen Anfänge der Musik erklingen. Unbewußt knüpft er die Jahrtausende an einander; in dem gesummten Liede ruht seine von Druck und Qual ermüdete Seele; hier ist er kein Hund, keines Menschen Knecht, hier fühlt er sich so gut wie alle Anderen, besser noch, mehr noch — — ein Kind des allmächtigen Vaters im Himmel. Und nachhaltig ist die Wirkung solcher sittlicher Augenblicke. Kein Volk der Erde kann sich gleicher Wohlthätigkeit rühmen, als die polnischen Juden. Freilich geben sie unvernünftig, unüberlegt. Sie erziehen förmlich die Bettler und schaffen der Arbeitsscheu und der Bettelei eine bedenkliche Zuversicht. Das Vertrauen auf ihre gutherzige Unterstützung ist so groß, daß leider eine beträchtliche Anzahl von Individuen darauf allein ihre Lebenshoffnungen bauen. Ich kenne Leute, die mehr als die Hälfte ihres Einkommens Jahr aus Jahr ein — an arme Leute — (ich kann es bei der Unvernunft ihrer Vertheilung nicht anders nennen) vergeuden. Keine Gemeinde ist ohne ein Krankenhaus, keine ohne ein Lehrhaus, des-