Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1863)
- Date
- 1863-03-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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100 findet und wird stets Friedrich der Große eine innige und ungelheilte Anerkennung, Verehrung und Bewunderung finden, trotz mancher von ihm ihnen noch applicirten Schikane und trotz der Richtbestätigung Mendelssohns als Mitglied der Akademie. Ist doch gerade die Charakteristik seiner freien Religions- Richtung „Toleranz" gewesen, und welchen Balsams bedurfte das damalige Judenthum mehr? In gewisser Beziehung ist ferner allerdings auch der S rtz richtig, daß Negatives im Christenthume, Positives im Judenthume wird. Gehen wir aber zur Schilderung der religiösen Feier selbst über! Obgleich der Beginn auf die 10. Stunde Vormittags angesetzt war, füllte sich schon lange vorher die Synagoge mit Besuchenden beiderlei Geschlechtes Den Veteranen d. h. denjenigen, welche die Campagne dieser drei Jahre mitgemacht haben, wurden Ehrenplätze unmittelbar, vor der Kanzel bereitet. Obgleich mehrere dieser Plätze, aus irgend einem Grunde unbesetzt blieben, betrug doch 16 die anwesende Zahl dieser Ehrenwerthen und Bewährten, dieser, welche die Feuerprobe der militärischen Brauchbarkeit und Tüchtigkeit der Juden bestanden und bewiesen haben. Es möchte demnach wenigstens 20 Veteranen jüdischer Religion der hiesige Ort noch zählen. Ein Viertel nach 10 leitete der gut geschulte Chor die Feier ein mit Vortragung des 61. Psalmes in sehr ergreifenden, ausdrucksvollen, im Oratorium- Stiele gehaltenen Weisen; wahrscheinlich ein Opus seines anerkannten Leiters. Roch während des Gesanges betrat Herr Rabbiner und Prediger vr. Sachs die Kanzel und gab nach Beendigung desselben in seiner meisterhaften Weise der Feier des Tages in einer einstündigen Rede Ausdruck und Geltung. Da dieser bereits in ganz Deutschland und wohl noch darüber hinaus hoch gefeierte Redner keiner seiner gehaltvollen Reden und gediegenen Predigten — vielleicht prinzipiell — durch den Druck eine größere Verbreitung gibt, so möchte es nicht unpassend sein, hier, eine, wenn auch nur trockene Analyse dieser an religiöser Anschauung, tiefen Gedanken, belehrenden Bemerkungen, geistreichen und anziehenden Bildern, blühender nnd blüthenreicher Sprache so überaus vollen Festrede den werthen Lesern mitzutheilen. Nur muß der werthe Leser sich zu diesem trockenen Gerippe noch hinzudenken jene lebendige und lebensvolle Carnation, jene seelenvolle Animation, die Herr vr. Sachs einem jeglichen Thema mitzutheilen und einzuhauchen versteht, und ist hierbei auch nicht jene Vortragsweise zu vergessen, durch die Herr Or. Sachs begeistert begeisternd seine Hörer hinreißt. Der Gang dieser Festrede war ungefähr folgender : I. Erinnerung ist ein Eigenthum und Vorzug des Menschen, besonders aber Eigenthüm und Vorzug des edlen Menschen, der dem Wahren dient und das in Nichts, so es vorübergegangen ist, sich Auflösende scheut. Erinnerung ist auch Eigenthüm und Vorzug eines Volkes, so es sich nach seiner Vergangenheit umwendet, nicht um W verwerfen, sondern um Lichtpunkte nnd Leitsterne zu finden. — Was ist es aber, das in der Gegenwart zur Erinnerung berechtigt und was aus der Vergangenheit den Stempel der Erinnerungswürdigkeit aufgedrückt mit hinüberbringt? Nicht das Toben der Schlachten, nicht das Lärmende der bunt vorüberziehenden Erscheinungen, sondern das beständig Gilttge, das für immer Fortwirkende ist auch zugleich das Erinnerungswürdige. Aus diesem erkennen wir Gottes Wirken und erkennen dies um so mehr, je entfernter das Vergangene sich uns gegenständlich gegenüber stellt. „Ich erhebe mein Wissen in die Ferne, und meinem Schöpfer zolle ich Gerechtigkeit" sagt der sinnige Paitan. So ist das wahrhaft Erinnerungswürdige nicht ein Ausfluß der menschlichen Kraft, geht nicht hervor aus den Machtverhältnissen, sondern wird erzeugt durch den Geist, durch den göttlichen Geist, und deßhalb vermag es viel und auf lange hinaus. Dies spricht der Prophet aus (Secharia4,6) rvttvL OS« '2 NW2 V'NW „Nicht durch Stärke und nicht durch äußere Machtmittel, sondern durch meinen Geist, spricht der Ewige der Heerschaaren" diese ewigen Worte mögen auch unser heutiger Text sein. — Auch bei Friedrich dem Großen ist das aus dem Geiste Hervorgegangene, was die Erinnerung an ihn wachruft. Er stand aus der höchsten Höhe seiner Zeit, war ihr Gesetzgeber, hob das Volk zu sich hinauf; keine andere Gemeinschaft fand damals zwischen Herrscher und Volk statt, als eben dieses Streben des Königs, das Volk und des Volkes Wohl zu heben und zu fördern. Er selbst wollte nur der erste Diener im Staate sein und war es auch; er diente dem Staate, erhob Preußen zu einer Großmacht, „daß es im Rathe der Völker sitze und seine ruhmgekcönten Regenten den Thron der Ehren einnehmen." Und sowie der Patriarch so lange! mit dem Fürsten der Finsterniß rang, bis er ihn selbst! segnete, so wich auch Friedrich vom Schauplatze der! Erde erst, als selbst seine Feinde ihn anerkannten, seine hohen Verdienste und Herrschertugenden nach Gebühr würdigten. Die Geschichte hat dieses Urtheil bestätigt, indem sie ihn „den Großen" nennt. Wahrlich hier hieß es und galt es offenbar 'ai v'rw -r^>. II. Ein Jobel war verflossen, allein nach 50 Jahre»