Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1863)
- Date
- 1863-02-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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96 England. London. Ein Correspondent theilt uns mit, daß Donnerstag den 8. Januar in HliäckloZZsx-strsot eine jüdische Wittwe, Namens Mendoza, im Alter von 87 Jahren starb, welche eine Nachkommenschaft von 156 Personen hinterließ, nämlich 5 Söhne, 3 Töchter, 62 Enkel und 86 Urenkel. (I. CH.) Feuilleton. Briefe über Polen. Mitgetheilt von Ur. I. Caro.*) (Nacb dem Globus.) Die polnischen Juden und ihre Stellung. Man kann von der polnischen Städtebevölkerung nicht gut reden, ohne der Juden besondere Erwähnung zu thun. Einerseits geben sie den Städten oder manchen Stadttheilen ein eigenes Gepräge, andererseits sind sie ein geschichtlicher Faktor von einschneidender Bedeutung. Ihre Seelenzahl beläuft sich in dem heute russischen Polen auf ungefähr 600,000, beinahe ebenso viel (?), als das fanatische Königspaar Ferdinand und Jsabella, um die Zeit der Entdeckung Amerikas, aus Spanien vertrieben. Doch wie ganz anders stellen sich die polnischen Juden heute dar, jenen gegenüber, die, gehetzt von der Inquisition, getreten von einem fanatischen und unwissenden Volke, dennoch mit einem sichtlichen Adel der Seele und der Erscheinung selbst die Scheiterhaufen bestiegen. Massenhafte Verfolgungen der Juden weis't die Geschichte Polen's nicht auf; im Gegentheil, es werden die Schaaren der aus dem Westen herüberströmenden Söhne Jakob's mit jener Gastlichkeit ausgenommen, die den Polen eigen ist. Aber Schlimmeres wüthet gegen sie in diesem Lande, als Mord und Scheiterhaufen: es ist die Vernichtung der Ehre, mindestens nach außen hin. Diese sittliche Verstümme- 1?57, und die Parteikämpfe der Hauser Zborowski und Zamojski. Nach den Quellen bearbeiut. Gotha 1361." lung zertrümmert die edleren Beziehungen zu dem Allgemeinen, zum Staate, zur Gesellschaft, und die ganze Fülle menschlicher oder, wie man gewöhnlicher sagt, humaner Empfindung drängt sich in die innersten Kreise zusammen. In der Familie, in der mehr! noch von der Gemeinschaft der Leiden, als von der! Gemeinsamkeit des Zwecks oder der Idee fest umschlossenen Gemeinde, muß man das sittliche Vermögen aussuchen, das diesen Volksstamm, trotz der Schicksale, welche kein Analogon in der Weltgeschichte haben, über den Sturmfluthen erhalten hat. Aus der Familie und der Gemeinde heraus entwickelt sich auch weiterhin ihre Kulturwirkung, gerade wie bei den Deutschen, deren Kulturmission auch vom Staate schon lange nicht mehr getragen wird. Deutsche Schriftsteller, sobald sie über Juden, und polnische Juden insbesondere, reden, werden in der Regel zu lauter Juvenalen.**) Wie wohlfeil ist da der kleine Witz über die langen Röcke, über die langen Schläfenlocken, über den ungeschorenen Bart, und besonders über das barbarische — Gemauschel. Aber mir ist es noch nicht vorgekommen, daß das nationale Gewissen Einem von ihnen zugerufen hätte: Der Jargon der polnischen Juden ist weder ein Erbtheil des Mansche — noch des Judas, sondern es ist Deutsch, ein Denkmal deutscher Geschichte, so gut wie die Spitzbogenfenster und aufstrebenden Thürmchen der Nürnberger Häuser und Kirchen. Doch wir woli len der Reihe nach verfahren.! Aus dem siebenten uns achten Felde der Gnese-! ner Kathedralthüren, welche zwischen 1117 und 1180 angefertigt wurden, und welche Scenen aus dem Leben des Bischofs Aoalbert nach den Lebensbeschreibungen des Johann Canaparius und des Bischofs Bruna enthalten, sind zwei Darstellungen angebracht, welche ein Zeugniß für die Anwesenheit der Juden zu den Zeiten des heiligen Adalbert in Polen ablegen. Allein sowohl dieses als andere Anzeichen deuten doch nur! auf kleine Häuflein hin, die sich später in den russi-! scheu Steppen und in der tatarischen Horde verloren! haben müssen. Größere Einwanderungen fanden nach der Angabe des böhmischen Chronisten Cosmas von i Prag um die Zeit der Kreuz jüge statt, als der Lui-oiteutonieus eine Richtung genommen hatte, die von der religiösen Versenkung des Mittelalters vorgeschrieben war. Damals zerstreuten sich die deutschen Juden, gehetzt von den deutschen Rittern, über alle , Theile der damals bekannten Welt, und trugen , Reminiscenzen deutscher Nationalität und besonders! deutsche Sprache an Orte, wohin selbst der keine Entfernung vom Mutterlande scheuende deutsche Kolonist nicht gedrungen war. Daher kam es, daß fast