Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1863)
- Date
- 1863-02-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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89 Zeiten; sein Werk bleibt, während die damals herrschenden Zeitideen und ihre Träger längst verloren und vergessen find. Seitdem haben die Träger der Abrahams-Erkenntniß sich stets im Gegensatz gefunden und gewußt zu den herrschenden Zeitideen und somit zu dem größten Theile der Weltbewohner. Aus diesem Gegensätze entsprangen die Kämpfe, denen unser Volk so oft zum Opfer gefallen. Kein Weltreich, das feine Macht nicht erprobt hätte an Abrahams schwacher Nachkommenschaft; die Egypter, die Assyrier, die Babylonier, die Perser, die Griechen, die Römer, die Germanen, die Romanen, die Araber, die Türken, und Slaven. In neuerer Zeit hat dieser Gegensatz noch eine andere Gestalt angenommen; er findet sich in unserer eigenen Mitte. Seit der großen Umwälzung von 1789, ja, seit der Herrschaft jener Ideen, welche diese Umwälzung vorbereitet haben, ward auch Israel hineingerissen in den Strudel der allgemeinen Bewegung. In dem Drange nach weltlicher Bildung, durch das Sichbemächtigen der plötzlich sich öffnenden, bisher uns verschlossen gewesenen Nahrungszweige, ward das Studium der Gotteslehre vernachlässigt und die Erfüllung der göttlichen Gebote versäumt. Fast ein Jahrhundert ist feit den ersten Anfängen dieser Periode verflossen; wir haben jetzt Zeit gehabt uns zu ermannen, wir haben uns ermannt und werden als Männer kämpfen. Cultur und Bildung haben wir uns erobert — wir werden uns auch unsere heiligsten Schätze, die Gotteslehre und die Gottesgebote zu wahren und zu schützen wissen. Auch uns tritt man höhnend gegenüber, bezeichnet uns als verlorene Posten, verheißt uns, zermalmt zu werden von dem unaufhaltsam dal inrollenden Rade der Zeit und sieht geringschätzig unserm Bemühen zu, den flüchtigen Zeitideen die ewige Wahrheit entgegenzusetzen. „Seit einem Jahrhundert, spricht man, fällt das alte Judenthum unaufhaltsam in Trümmer; nicht Sabbatnicht Speisenicht Ehegesetze finden mehr Anklang selbst bei den Söhnen und Töchtern gottesfürchtiger Männer uud Frauen. Wollt ihr euch von den Trümmern begraben lasten, oder den natürlichen Lauf der Dinge hemmen?" Wohl, wir wollen es, denn es gibt noch andere Faktoren der Weltlenkung. Stark und kräftig ist der Wille des Menschen, und manchmal vermag sogar der die Wahrheit umfassende Gedanke des Einzelnen, sobald er zur mächtigen That wird, der gesammten Zeitrichtung eine andere Wendung, den Zeitideen einen andern Inhalt zu geben; denn die besondere Fürsorge Gottes ist am Ende derjenige Faktor der Weltenlenkung, welchem allüberall der letzte Entscheid zusteht. Wohlan denn, möge Jeder waffnen rrvI 'i'v' die von ihm im Gottesgeiste erzogenen, an die Gottesthat gewöhnten Kinder und Schüler, damit sie siegreich kämpfen unter Gottes allmächtigem Beistand. H. Wir haben oben gesagt, daß, wenn auch der natürliche Verlauf der Dinge gewöhnlich das Schicksal der Menschen und Völker entscheide, dieser doch wiederum von des Menschen freier Wahl vielfach abhängt. Ter freie Wille ist es. welcher die Ursachen hervorruft und dadurch die Folgen bedingt Was ist freier Wille? Nach gewonnener Ueberzeugung das Gute zu wollen und zu thun. Der auf das Böse gerichtete Wille ist nicht frei, ihn binden Leidenschaften und Begierden. Die Freiheit kann auch nicht eine solche sein, welche nur für den Einzelnen, oder für Wenige existirt, sondern sie muß für die Gesammlheit da sein und ihr Ausdruck ist das Gesetz, „und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben." Es gibt für die mißverstandene Freiheit, für die Entartung derselben zwei Formen, die Anarchie und die Despotie. Wenn die Gesammtheit eines Volkes das Gesetz nicht mehr achtet, wenn die Vollstrecker des Gesetzes sich nicht mehr Gehorsam zu verschaffen, wissen, da entsteht Anarchie, d. h. der Krieg Aller gegen Alle; das Eigenthum wird unsicher, Zucht und Sitte hören auf zu existiren. Einen solchen Zustand schildert uns der oben von uns erwähnte Midrasch und es war in den Tagen, da man die Richter richtete was der Richter dem Verurtheilten zu thun befahl, das vollzog der Verurtheilte am Richter. War über den Vernrtheilten Leibesstrafe erkannt worden, so zog er aus mit seinen Söhnen und Knechten und ließ die Strafe an dem Richter vollziehen, welcher das Urtheil gefällt hat. Israel war entartet, aus der Freiheit war die Willkür geworden. Auch in unseren Tagen herrscht wenigstens in religiöser Beziehung die Willkür, die Gesetzlosigkeit, die Schrankenlosigkeit. Sowohl auf der Kanzel als in der Presse wird die Stimme des Mahners verlacht und verhöhnt. Der Redner sowohl wie der Schriftsteller sollen Beide den Leidenschaften der Menge schmeicheln, vor ihren Thorheiten die Augen schließen, ihre Ungesetzlichkeiterl mit Stillschweigen übergehen, bei Leibe nicht Jemanden verletzen, dem Sabbatschänder schmeicheln, dem Trefotverzehrer zu Gefallen reden und überhaupt die Verletzung der Religion nicht zum Gegenstände eines Vorwurfs machen. Ja, wer also thut, der ist geliebt, geehrt und geachtet, das ist der echte Priester des Herrn, der Mann des Friedens, der Toleranz und der Menschenliebe. Weh aber Demjenigen, der seine Pflicht thut, gegen ihn ziehen die Abtrünnigen aus mit ihren Söhnen und Knechten, geben ihn preis der Verleumdung und erschweren ihm seinen Beruf, wo und wie sie nur kön-