Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1863)
- Date
- 1863-01-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447089-2447091--01646-2456925- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 sich bei dem dortigen Kreisgericht mit der Anzeige meldete, er wolle aus der katholischen Kirche scheiden. Auf die Frage, zu welcher Konfession er übertreten wolle, gab er die Antwort: zum mosaischen Glauben, der seiner Ueberzeugung nach der allein richtige sei. Der junge Geistliche ist keineswegs gestört, oder durch Süßere Motive geleitet; es scheint vielmehr seinem Glaubenswechsel in der Thal seine Ueberzeugung zum Grunde zu liegen. Auffälliger Weise meldete sich zu gleicher Zeit ein katholisches Mädchen, die gleichfalls eine Jüdin werden will, aber aus äußeren Gründen, um nämlich einen jungen Juden, der seine Religion nicht aufgeben will, zu heirathen.*) Breslau. Wir leben in der Zeit eines wirklich riesenmäßigen Fortschritts, in der sich Alles neu gestaltet, anders als vor- und ehedem. Politik und Religion, wie überhaupt alle Beziehungen, hat der Zeitgeist resormirt und verändert — ohne jedoch immer verbessert zu haben. Man glaubt namentlich, jede Religion entbehren zu können, vergißt aber ganz, daß Menschenrecht, bürgerliche Ordnung und Gesetze allein aus religiösem Sinne basiren. Auch ist jüngst der Versuch gemacht worden eine Vernunftreligion zu gründen, einen Cultus, der sich über kurz oder lang in ein Chaos wirrer Meinungen auflösen muß. Den an Verbreitung gewinnenden Jrrthum kann das Judenthum insbesondere nur bedauern; doch darf es nicht ruhig zusehen, wenn man unter dem Scheine und dem Namen des „Judenthums" dasselbe auszurotten versucht. Hiergegen mit Wort und That zu eifern ist dann die Pflicht jedes Einzelnen — und das ist die Ursache, welche uns die Feder in die Hand gibt. Herr vr. Geiger von hier, der Verfasser jener berüchtigten Broschüre, in der talmudischen wie biblischen Lehren auf gleiche Weise Hohn gesprochen wird, welche allgemeine Entrüstung hervorrief ohne sonst zu reüssiren — hat in jüngster Zeit zu wiederholten Malen einer verehelichten Frau, mit gerichtlicher Scheidung versehen, die Wie- Anm. d. Red.: Nach jüdischem Gesetze sind alle Proselyten treue zweifellos srststeht.; ' Es hat aber auch dann noch das betreffende Beth Din (Rabbinat) von der Ausführung dieses Schrittes dringend abzumahnrn. derverehlichung gestattet, ohne vorher nach jüdischem Gesetze die Scheidung zu vollziehen. Das so unendlich wichtige wie folgenschwere Gesetz, das die Scheidung gebietet, so leichtfertig zu umgehen, haben bis jetzt Wenige die Frechheit gehabt. Und dieser Mann, der so ganz außerhalb des Judenthums steht — jenes Büchlein, sowie ferne öffentlichen Predigten sind die unwiderleglichsten Zeugnisse dafür — er ist nach wie vor Rabbiner eines Theilcs der jüdischen Gemeinde zu Breslau, von welchem die Anzahl von Mitgliedern, die nur Erleichterungen eingeführt haben will, nicht aber die ganze Religion über den Haufen werfen möchte, nicht unbedeutend ist. Um so mehr muß es Wunder nehmen, daß sich diese Gemeinde von falscher Beredtsamkeit täuschen läßt — obschon die wahren Ansichten des I)r. Geiger nunmehr keinen Zweifel übrig lassen — und nicht einsehen lernt, daß er unter der Maske des „Rabbiners" dem Judenthume mehr Schaden zugefügt hat, als dessen ärgste Feinde, da man sich ja vor den: offenen Gegner*) hüten kann. Daß dem so ist, ist leider ein trauriges Zeichen von dem tiefem Verfall des religiösen Lebens. Jndeß darf mau sich mit der Hoffnung trösten, daß die Wahrheit sich endlich — wenn dieser Zeitpunkt auch in weiter Ferne liegt — Bahn brechen und daß auch die Breslauer Gemeinde zur richtigen Erkenntniß über Pflichten und Zwecke eines jüdischen Seelsorgers gelangen wird; daun wird sie auch einsehen, daß Dr. Geiger, der Gegner des Judenthums, nicht zugleich dasselbe lehren kann. Bis dahin jedoch ist es die allgemeine Pflicht, den Standpunkt, den 1)r. Geiger in der Wirklichkeit einnimmt, zu bezeichnen und seine wahren Absichten zu zeigen — und zu bekämpfen. Oe st erreicht scher Kaiser ft aat Petzrh. Der israelitische Kranken- und Leichenverein, baut im nächsten Frühjahre in der kleinen Kreuzgasse, woselbst er vor Kurzem ein größeres, 224 lUKlafter fassendes Gebäude ankaufte, zum Wohle seiner Mitglieder ein Waisenhaus, dessen Kosten, theils durch Spenden, theils durch Darlehen der Mitglieder, bestritten werden. Bekanntlich zählt dieser *) Ein solcher ist Herr vr. G. sicherlich. Red.