Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 3 (1862)
- Issue
- Heft 49 (10.12.1862)
- Date
- 1862-12-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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387 Geschichte Israels sehr reich an erhebenden und anfrichtenden Momenten, die sonst in der Gesammtgeschichte der Menschheit nicht wiederzusinden sind. Wir begegnen im Leben verschiedener Nationen höchst achtungswerthen nationalen Tilgenden, schölten, von Größe der Seele und Erhabenheit des Geistes zeugenden Zügen rührender Selbstverleugnung, begeisternden Heldennutths und flaunenöwerlher Todesverachtung; aber jenes erhabene Verdienst, unter den drückendsten und qualvollsten Lebensverhaltniffen, die nationale Aufgabe stets vor Augen zn haben, und, am Werke geistig religiöser Vollendung muthig zu arbeiten, unbekümmert um das ganze äußere Leben mit allen seinen Bedürfnissen und eisernen Notl-wendigkeiten, jenes rastlose, ewige, durch dis bittersten Leiden rächt erschlaffende Streben und Ringen, den Gottesglaubcn immer mehr zu verherrlichen und das nationalreligiöse Ideal zu verwirklichen; jene himmlische Erhebung und GottesLegeisterung', die zur Verehrung. Bewunderung und Anbetung hinrcißen, besitzt Israel nur allein. — Und wahrlich! diese hohen Eigenschaften, diese himmlische Geduld und Evttdnrchdrnugenheit kann nur ein Volk besitzen, das bestimmt ist, eine große Idee durch die Welt zu tragen und zu verwirklichen, das nicht dloS da ist, um an der großen Kette der Völker eine» müssigen Ring zn bilden und endlich in dem all g< meinen Schmelzticgcl der arbeitsamen Meisterin Weltgeschichte seine Anfiösnng zu finden, sondern, das Gott mit einem hohen Aufträge betraut und zur Erfüllung einer erhabenen Mission auserkoren. Jsrael's Leiden ünd Dulden, sein Ertragen und Hoffen, seine Gedrücktheit und sein Löweumulh, seine Hilflosigkeit und sein kühner Trotze seine äußere Schwäche und innere Stärke, seine Unbcdeulsamkcit und doch so hohe Bedeutung in der Welt, und endlich, seine irdische Dornenkrone und sein geistiger Strahlenglanz sind unzweideutige Beweise von der Göttlichkeit seines Weltbernses, davon, daß es von Gott aP Sendbote in die Welt geschickt Wurde,! jum astda dessen Wort zä verkünden, denuwohreu Glauben -u lehren und zu! verbreite»; um allda für den fahren Glauben zu leben, zu leiden, zu bluten, zu dulden und -- zu siegen. Dn nun Israel, von dieser selmv göttlichen Botschaft feierlich durchdrungen, sich nie von des Schicksals Gunst oder Ungunst in seinem geistigen, national-religiösen Berufe beirren jlixßj darum macht es die rühmliche Auß? nähme von andern Nationen des Alterthums, das; seine geistige Weltbedeutung eine bleibende uüd ewigdauernde ist. — Wenn wiv in die geschichtliche» Annalen anderer Völker einen spähenden Blick werfen, so finden wir, daß zu allen Zeiten! und aller Orten die innere und geistige Bedeutung der letzteren nur sv zlange gedauert, solange ihre äußere Stellung eine bedeutende und selbstständig mächtige war. Die unvergeßlichen, ewig denkwürdigen Schöpfer der Kunst und Wissenschaft im hohen Alterthume, die großen Lehrmeister der Menschheit, deren unsterbliche Werke noch henke, nach Jahrtausenden, ans dnn Felde des Wissens und Schönlcbcns uns zu Stütz- und Anlehnnngspunklen dienen; ich meine die, im dankbaren Andenken der Welt ewig sorltebenden Griechen; wie lange bat ihre geistige Thätigkeit, ihr heilsames Wirken und Schassen gedauert? Solange sie ihr eigenes unabhängiges Reich und eine ausgedehnte Macht besaßen; so lange sie ans dem Gipi lpuukte des irdischen Glückes standen, und eine, nicht nur freie, sondern von aller Welt geachtete und gefürchtete Nation bildeten. Solange die stolze Noma fast den ganzen Erdball mit ihren eisernen Krallen umfaßte, beinahe über der gesammten Menschheit ihr gewaltiges Scepter schwang, und vom Ausgange der Sonne bis zn deren Niedergänge ihre Machtgebote erschollen; solange waren die Römer ein großes, geistigschöpserischcs Volk, das die Mit- und Nachwelt mit den herrlichsten intellektuellen Gaben beschenkte. So wie aber nur die äußere Macht gesunken, sank und verschwand auch die geistige ganz und gar. Diesen Nationen ist gewiß besondere Höhe des Geistes und vorzügliche Seelengröße nicht abzusprechen, allein sie übten das Gute und Nützliche, wohl im Dienste eines menschlich edlen Triebes, einer erhabene,; Idee, nicht aber im Dienste des überirdischen allmächtigen Wesens, im Dienste Gottes. Daher war ihre Wirksamkeit, wie alles menschliche Thun, von beschränkter Dauer, und ging endlich den Weg alles Fleisches. So wie ihr Glücksstern sich verfinsterte, verdunkelte sich auch die Klarheit ihres Geistes, sowie ihr mächtiger weltlicher Arm vom Rade der Zeit gebrochen wurde, brach auch ihr Math zusammen, und ihre geistige Kraft erschwachte und erlahmte. Ganz anders verhält es sich mit der geistigen Bedeutung des Indenthums. Zu allen Zeiten, in den glücklichen wie in den unglücklichen, an allen Orten, auf dem eigenen Boden des Lundes seiner Vater wie unter den verschiedensten Himmelsstrichen, ivohin es ein grimmiges Schicksal und die Zuchtrnthe'seiner blutigen Verfolger gejagt, hat das Judenthnm an seinem geistigen! Werke mit nnverdrossenkm.Muthe und gewissenhafter Treue gearbeitet. Von den Propheten bis aus unsere Tage hat cs ununterbrochen jn Israel Männer gegeben, die nicht nur aus der Höhe ihrer Zeit standen, sondern derselben bedeutend voraneilten, und sittlich und geistig als Sterne erster Größe am Horizonte der Menschheit leuchteten. Es hat da immer geistige Werke und Schöpfungen gegeben, die, moralisch nützlicher und heilsamer als die philosophischen Spekulationen und ästhetischen Lehrsätze der klassischen Welt, auch bleibender und dauernder sind als die marmorgehauenen, kühngeschwnngenen Meißelgebitde der antiken Plastik.