Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 3 (1862)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1862)
- Date
- 1862-09-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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28L drängten: Herzen zum Himmel aufsteigen ließen, klingt mir aus ihnen entgegen. Selten verfehlen diese Gebete ihre Wirkung auf diejenigen, die sie verstehen" — und fügen wir noch hinzu, auch aus diejenigen, die sie nicht verstehen, denn wo wäre der Jude, der nicht mindestens den ungefähren Inhalt unserer heiligen Gebete kennt? Es gibt ein schönes Zeugniß von dem tiefen Verständlich des Verfassers für das Wesen des Judenthums, daß er das rührendste an den jüdischen Gebeten darin findet, daß sie durchgängig Collektivgebete für die ganze jüdische Stammesgenossenschast sind. „Der fromme Jude ist' vor allen Dingen jüdischer Patriot." Der „neumodische" Jude., der die jüdische Nationalität verleugnet, ist nicht nur ein Apostels ein Abtrünniger in religiösem Sinne, sonderneinVerräther an seinem Volke, an seinem Stamme, an seiner Familie.*) Wäre es wahr, daß die Emancipätion der Juden im Exil unvereinbar sei mit der jüdischen Nationalität, so müßte der Jude die erstere der letzten: zum Opfer oringeir" Mit solchen Aus^ sprüchen beweist der Verfasser, wie tief die jüdische Erziehung, die er genossen, noch in ihm wurzelt und es hätte den Leser das wissen zu lassen kaum noch der ergreifenden Schilderungen aus seiner Jugendzeit, da der Verfasser unter der Leitung eines gelehrten Großvaters im Talmud studirte, bedurft. — Der Verfasser geht wohl in Bezug aus den von ihm behaupteten Judenhaß der Deutschen ein wenig zu weit, ebenso wie er Frankreich in dieser Beziehung zu hoch stellt. Freilich hat er darin seine Erfahrungen gemacht; er hat Beckers Nheinlied componirt und sie dem deutschen Manne mit einer von Patriotismus glühenden Zuschrift übersandt; derselbe hat diese nicht allein in eiskaltem Tone beantwortet, er hat auch noch *) Anm er ku ng. Der flache Rationalismus der vergange» nen Jahrzehnte hat in dieser Beziehung mit unsrem Heiligsten ein schmähliches Spiel getrieben; wir wollen nur eia Beispiel anfübren. In dem Gebetbuch der israelitischen (Reform-) Gemeind« zu Mainz findet sich folgende Stelle: „Ob ihrer Sünden wurden unsere Voreltern aus ihrem Lande vertrieben und entfernt aus ihrem Reich«, so daß sie nicht mehr nach Deinem großen und heiligen Tempel wallfahren, dort opfern und Dich anbeten konnten, da das Heiligthum zerstört ward. Gott, aübarmhrrzigrr König, mögest Du gnadenvoll unser wid unseres Heiligtkums Dich erbarmen, baß Dein Tempel i?) in Herrlichkeit aufgebaut werde und Drin Reich über die ganze Erde sich verbreit, und die ganze Erde zum Tempel Deiner Anbetung sich gestaltet. Und wie Du einst die täglichen Opfer und dir Festopfer gnädiglich ausgenommen, so erhöre auch unser Gebet u. f. w. Denn wir richten unsere Gebete an Dich, wie «inst unsere Väter Opfer brachten u. s. v." Man vergleiche hiermit das UtMN und frage sich, ob wohl «In schmählicheres Spiel bat getrieben werden können. Der Betende wird hier zum Ankläger der sündigen Väter, währrnd er sich selbst als sündenfrei darstillt diesen bösen Däteru gegenüber; alles Nationale wird abgestreist und jeder Antbetl am b. Lande aufaegeben, die Hoffnung auf Erlösung verwässert und Zion und Jerusalem der Äwähuung für unwürdig erachtet) auf die Rückseite des Briefemit verstellter Schrift geschriebe» „du -ist ein Jud." — Wir finden in diesem Buche Wahrheiten, dis uns deshalb auffallen, weil sie von einem Manne, wie der Verfasser, ausgesprochen sind. Er, der zwanzig Jahre lang dem' Judenthume entfremdet war, sagt unter Andern:: „nicht der alte fromme Jude, der sich eher die Zunge ausreiben ließe, als sie zur Verleugnung seiner Nationalität zu mißbrauchen, der moderne Jude ist der Verächtliche, der gleich dem deutschen Lumpen in: Auslände seine Nationalität verleugnet, weil die schwere Hand des Schicksals auf seiner Nation lastet." Am schlechtesten gelingt dem Verfasser die Rolle eines Propheten. Im Prophetentone verkündet er: „auch die modernen Saducäer, Pharisäer und Effäer, ich meine die Reformisten, Nabbinisten und Ehasftdisten werden wieder spurlos verschwinden, nachdem unsere kritische Epoche, die letzte Krisis der Weltgeschichte, vorübergegangen sein wird, nachdem die Völker, welche dem Judenthume ihre Geschichtsreligiou verdanken und mit ihnen das jüdische Volk selbst zu neuem Leben auferstanden sein werden." Der Verfasser stellt hier richtig die Pharisäer und Nabbinisten zusammen; er ist jedoch in dem nentestamentlichen Jrrthnme besauen, daß er das Wort „Pharisäer" gänzlich mißversteht: diese, richtiger „Peruschim* find der echte Kern des Judenthums, die Träger namentlich der mündlichen Lehre; sie waren noch nicht von der Erde verschwunden und werden auch niemals verschwinden. — Mit seinen neu erwachten jüdisch patriotischen Gefühlen treibt der Verfasser wohl ein Bischen zu viel Affektation; wenn wir auch durchaus billigen, daß er wieder seinen alttestamentarifchen Namen Moses adoptiren will, so ist es doch lächerlich, daß er bedauert, nicht Jtzig zu heißen; ist doch der Name Jtzig nichts als eine Entstellung des biblischen Namens Jitzchak. Im siebenten Brief stellt der Verfasser die beiden großen Gegensätze im modernen Judenthum gegenüber, ohne jedoch ein tieferes Verständniß dieser Gegensätze zu zeigen; sie heißen bei ihm Reformschwindel und kritiklose Reaction; mit der letztem, „die am Ende noch die polnische Pelzmütze als v'rH.-r erklärt, sei vollends nichts anzufangen.- Der Verfasser scheint von dem Hirfch-Frankel'schen Streit Kunde erhalten zu haben; er scheint die damals in der jüdischen Presse cursirenden Schmähungen gegen Hirsch eifrig studirt und aus diesen sein Urtheil über die Orthodoxie gebildet zu haben. Im Nebrigen ist eanzuerkennen, daß er überall den Standpunkt der Reform als einen überwundenen bezeichnet, und mit Recht behauptet er, daß zwischen den aufgeklärten und gera fften Juden kaum noch ein Unterschied wahr-