Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 3 (1862)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1862)
- Date
- 1862-08-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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266 h.'it Wir lehren sie den Werth un serer erhabenen, von göttlichem Geiste durchwehten und durchgeistigten und durchgeistigenden Literatur rkennen, die so oft Unwissenheit einem Homer und einem Horaz hintangesetzt hat. An diesen Unterricht in den biblischen Schriften muß sich aber der Unterricht in den rabbinischen Schriften anreihen. Dieser Unterricht ist unumgänglich nothwendig, und wenn man auch nicht von jedem Kind erwarten kann, daß eS beim Verlassen der Schule schon bis zum Thalmud gelangt ist, so muß aber mit Bestimmtheit voranszusetzen sein, daß wenigstens jedes Kind beim Verlassen der Schule durch Naschi und Mischnah mit Commentar, , wie durch andere religionsgesetzliche Schriften mit rabbinischer Erklärungsweise Bekanntschaft gemacht hat. Denn es muß jedem jüdischen Kinde der Begriff eigen werden, daß nicht wir nrch eigenem Er-! messen den Pentateuch und die in ihm erhaltenen Gesetze zu commentiren haben, sondern daß uns der Commentar durch Überlieferung, welche die Nabbinen ausgezeichnet haben, ^gegeben ist; es muß ferner dem Kinde der Begriff eigen werden, daß das Verstandruß der h. Schrift ohne den überlieferten Commentar gar nicht möglich ist, daß nicht der Thalmud eine durch die Länge derZeit bedingte Entwickelungsstnfe, wie man es zu nennen beliebt, sei, eine Entwickelungsstufe, die also durch weitere Entwickelung überwunden werde: sondern daß schriftliches und mündliches Gesetz eins seien, gleiche Geltung haben, und eines ohne das andere nicht denkbar sei, daß es nur ein Jndenthüm gebe, und es nicht in ein mosaisches, ein prophetisches und ein rabbinisches zerfalle. Wir erzielen aber durch einen gründlichen Unterricht rm jüdischen Wissen noch etwas sehr Wichtiges; wir heben dadurch die Bevormundung von Seiten unserer modernen jüdischen Geistlichen auf, die nur aus dem Boden der Unwissenheit ihre Triumphe feiern konnten, die die Unwissenheit hecaufbeschworen, um sich dadurch eine Macht, eine absolvirende und eine consirmirende, zu schaffen, eine Macht, die als fremde Pflanze aus fremdem Boden wuchert. Wrr heben durch reelles jüdisches Wissen die Bevormundung jener Priester auf, welche lehrten, daß dieses oder jenes Gesetz der Thora veraltet, dem Zeitgeiste nicht mehr entsprechend sei, daß diese oder jene Erklärung der Nabbinen vor der Erleuchtung und Weisheit unseres Jahrhundert nicht mehr Stand halte, daß wir das anders und zwar viel edler, viel wissenschaftlicher zu erklären verständen : daß aber hingegen um die Leute gottseliger und gottinniger zu machen, um sie feierlich zu stimmen, sie in Andacht zu erheben, daß mau vor allen Dingen die Synagoge zu resormiren habe: die Gebete auf den Messias müssen wegfallen, die hebräische Sprache müsse durch die Landessprache verdrängt werden, auf den Klängen der Orgel müsse sich das Herz zu den Höhen emporheben, jedenfalls müsse man confirmiren? denn es ist gar viel um so eines Priesters Segen »den Chorrock umgewocsen, strömt der Segen aus den Fingerspitzen heraus, nnd das Jndenthnm des Kindes ist gesichert. Und für alles dieses wußte man dann auch aus Thora und Propheten und, wo es in den Kram paßte aus dem, sonst belächelten, ja sogar oft geschmähten Talmud und späteren rabbinischen Schriften Beweise herberzubringen; für jede Unwahrheit, für jede Lüg^ für alles Unjüsische, das man auf jüdisches Gebiet verpflanzen wollte, hatte man Belege über Belege zur Hand. Ob diese Beweise überhaupt Bewerfe waren, ob überhaupt diese Beweise auch nur dem Scheine nach eristiren. — ja freilich, dies wußte die betyörte Menge nicht, weil — man überhaupt nichts wußte: Damit die Leute alles auf guten Glauben Hinnahmen, damit man den Leuten mit Erfolg vorspiegeln konnte, was man wollte, deshalb wurde unter dem Vorspiegeln einer Aufklärung das Berdummungssystem zum Prinzip erhoben. Der spezifisch jüdische Unterricht wurde aus den Schulen verbannt: die Kenntniß der biblischen Literatur wurde als Uubildung verschrien, das Studium des Thalmud sogar als Contrebande erklärt; — an die Stelle alles dessen trat aber dann ein Katechismus, aus dem man alles, nur nicht jüdische Religion lernen konnte. Wenn wir aber jüdische Realschulen errichten, so wollen wir das Berdummungssystem aufheben und die Kinder an die Quellen der jüdischen Realschule heransühren, damit wir eure gediegene Kenntniß der jüdischen Schriften und somit des jüdischen Glaubens den Kindern einpflanzen, und wir Juden und Jüdinnen heranbilden, die nicht von jedem beliebigen chorberockten Weltenverbesserer sich berücken lassen. Es ist aber nicht allein genug, daß die Mische Realschule Leute heranbiloet, die den Satzungen der h. Thora gemäß lebe», fremd aber allem vem gegenüber sind, was nicht spezifisch jüdisch ist: Diese« Leuten könnte man sonst im Leben begegnen: „Ja, daß ihr fromm oder „orthodox" lebt, ist kein Wunder, ihr kennt nicht die Anschauungen und Denkweise der Welt; würdet ihr mit der allgemeinen Bildung vertraut sein, ihr würdet anders denken ihr würdet einsehen, daß es mit dem alten Judenthnme nichts sei, daß es an Leib und Gliedern reformirt werden müsse." Oder mancher würde sich sagen: „Wollte ich fromm sein, so darf ich, wie sich mir jetzt die fromme Welt darbietet, keine Bildung haben, kann also nicht mit der Welt leben, denn ich dürste mich nirgends wegen meiner UnwiffenheK sehen lasse,»; das geht aber doch nicht an, ich muß^ um nicht Schimpf und Spott zn ernten, gebildet sein und kann daher nicht frommer Jude sein.- Mancher wieder, der erhabener und reiner denkt.