Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 3 (1862)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1862)
- Date
- 1862-07-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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-er Staat die Oberaufsicht über die Schulen hat, es habe aber auch Niemand daraus den Schluß gezogen, den Schulen ihren historischen Charakter nehmen 411 wollen. Abg. ParisiuS (Brandenburg): Die Erj klärungen der Minister seien so wenig befriedigend, daß jetzt wohl keine Meinungsveränderung mehr möglich sei; man möge also gleich über den Schluß avstimmen. (Richtig l) Der Antrag auf Vertagung wird nicht ausreichend, unterstützt. Der Antrag aus Schluß wird sehr zahlreich unterstützt, der Schluß wird fast einstimmig angenommen. Der Berichterstatter Herr Aßmann: Durch die Annahme des Antrags wird den Petenten noch keine Hilfe geleistet, aber das Gewicht der Gründe, der öffentlichen Meinung wird noch einmal in die Wagschale geworfen, das ist Alles. Wenn aber auch einmal die Zeit wiederkommen könne, wo die im Hause gehaltenen Reden für Monologe erklärt werden, so werde doch die Zeit nicht kommen, wo man die Aussprüche der öffentlichen Meinung als Monologe hinzustellen unternähme. Die ministeriellen Erklärungen ständen auf sehr schwachen Füßen. Der Berichterstatter geht auf die Bestimmungen der Verfassung ein. Auch der Herr Justizminister scheine sich von Sympathien und Antipathien leiten zu lassen. — Bei der Abstimmung wird der Antrag des Abg. Bering, aus dem CommissionSantrage die Worte „und CultuS" zu entfernen, abgelehnt. Der Commissionsantrag wird mit großer Majorität angenommen. Er lautet: „Die Petitionen des Ober-Rabbiners Sutro und deS vr. Behrend und Gen. der Kgl. Staatsregieiung zur Abhilfe und in der Erwartung zu überweisen, daß die im Ressort des Justiz-und CultuS- Ministerii noch aufrecht erhaltenen verfassungswidrigen Beschränkungen der Anstellungsfähigkeit der Juden endlich beseitigt werden." — Dagegen nur die Katholiken. Die Iuäenprrge vor äem k. Grossen Kalke llts Jüntons Aargsu. In zweiter Berathung am 15.Mai 1862. (Nach dm Praographischm Berichten ) (Fortsetzung.) Herr Negierungsrath Keller. Herr Präsident, meine Herren! Man ist gewohnt, die sog. Emanzipation, die Gleichstellung der Israeliten, noch immer als eine Frage der Humanität zu behandeln. Allein das ist heute, wie man sagt, ein überwundener Standpunkt. Die Judenfrage war eine Frage der Humanität in jenen Jahrhunderten, wo Scheiterhaufen, Schwert, Galgen'und Rad die Folterkammern und und Gefängnisse der entsetzliche» Inquisition.das Da* sein, de» Glaube» yder das Vermögen des verachteten Volkes verfolgten. Heute und im heutigen Staate, der Vorsehung sei es gedankt! steht sie aus einem andern Bode». Die Humanität wird hente als allgemeine Forderung der Zeit linder christlichen Civilisation selbftverstanden vorausgesetzt. Der civilisirte Staat hat in der Behandlung der Angelegenheit weitere, nicht nyr moralische, sondern auch nationalökonomische Momente A'jtz Auge zu fassen, und besonders befindet, sich. der ,Kanton Aargau davei mit seinen Israeliten in einer ganz besondern, keineswegs mehr freien und ungezwungenen Stellung. j - , Für den Aargau ist heute die Judenfrage eine Frage der öffentlichen Wohlfahrt gegenüber dem Kanton, eine Frage des Recht- und der Pflicht gegenüber dem Bunde, und endlich eine Frage der Ehre gegenüber der Civilisation unserer Miteidgenoffen und der heutigen Staaten überhaupt Diese drei Gesichtspunkte müssen bei der gegenwärtigen Be* rathung zunächst in Betracht fallen. Ich werde ihnen, nachher noch einige andere Betrachtungen beigeben. Die Judenfrage ist für uns eine Frage der öffentlichen Wohlfahrt. Man wirst unfern JSraeiitett sociale, bürgerliche und sittliche Verwahrlosung vvr; Man ist geneigt, sie als den Auswurs der Gesellschaft zu bezeichne»; man findet fast die Worte nichts um die Tiefe ihres MenschenthumS zu bezeichnen; Ich lasse diese Anklagen gegen das unglückliche Volk M einmal dahin gestellt, und halte ihnen dke Frage entgegen: Sind die Israeliten immer dieses niedere; verachtete, verwahrloste Schachervolk gewesen- War es nicht einst im glücklichen Palästina ein gutes, frommes und geachtetes Volk? Pflegte eS da nicht den edlen Landbau, genoß es da nicht den Gegen deS Weinstocks und dcS OelbaumeS, weidete eS da nicht auf glücklichen Triften fröhliche Heerde»? Wo ist das Volk der alten Welt, das so schöne, ländlich sittliche Gesetze des sociale» Lebens hatte nick» als Offenbarung Gottes heilig hielt? Hatte eS da nicht seine idyllische und zugleich heldenhafte Zeit der Richter, nicht unter den Völkern deS Morgenlandes hochgeachtet sein goldene- Zeitalter, nicht in Civilisation und Weisheit bewundert seine Salomonische Zeit? Wann war das? Antwort: Als es frei war, als es eigen und selbstständig unter den Völkern da stand l Wann gerieth eS in seinen Jammer, in sein sittliches und geistiges Elends?), inseine sociale Verwahrlosung, in sein gemeines Schacherthum? Antwort: Als «S der Väter Grund und Boden und — seine Freiheit verlor, seit eS ein tausendjähriger Flüchtling, unter den Völkern ein Sclave und ein Gegenstand de- HafleS, der Unterdrückung und der Verfolgung ist! Ohne Freiheit keine Kultur, keine Cioilisatlon, keine