Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 3 (1862)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1862)
- Date
- 1862-06-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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206 gar nicht, wenn nur ein großer Thcil der Schüler bis zu ihrem zehnten oder längstens eilsten Lebensjahre die Prüfung aus der vierten Hauptschnlklaffe abgelegt haben, alles Uebrige ist Nebensache. Als Kuriosum folgende wörtlich wahre Thatsache: Der Vorsteher in A. hatte einen zehnjährigen Knaben zum Unterrichte in der dortigen zweiklassigen Volksschule, der eben in die vierte, also oberste Klasse ausstieg. Dies schien dem reichen Vater zu gering, und er beklagte sich beim Rabbiner, daß sein älterer Knabe, den er im R. am Gymnasium habe, in diesem Alter schon die Parva studirte. Ich bin froh, sagte er weiter, „daß wir dem Lehrer Stein nur ein Dekret auf 180 fl. jährl ausgestellt haben, sonst möchten zuletzt noch Kinder im zwölften Jahre nicht geprüft werden, und wir wären da hübsch an ihn ge? Kunden u. s. w." Den Kommentar hierzu möge sich Jeder selbst verfassen. — Wir gehen nun zur Religionsschule über. Diese ist ein Attribut der erstern mit dem unmerklichen Unterschiede, daß die Lehrer derselben, manchmal noch neben den Gegenständen der vierten Hauptschulklaffe auch den ersten Jahrgang der Unterrralschule zu unterrichten haben. Was die Religion betrifft, so ist das eine Nebensache. Um die Fähigkeiten deS Bediensteten nach Kräften auszubeuten, wird ihm mitunter von der Gemeinde noch das. Amt eines Vorbeters,. Thoravorlesers und Schächters übertragen. Nur das Schulklopfen wird ihm entzogen. Dafür aber, daß ein solches Individuum Ne ligionS- und Unterrealschullehrer, Vorbeier, Thoravorleser und Schächter in Einer Person ist, wird ihm ein seinen Bedürfnissen angemessener Gehalt gegeben. Als Beleg dafür siehe Concurse des „Tagesboten" und der „Presse" vom Winterkurse des l. I. Es ist dies traurige Wahrheit. Wenn nun noch erwogen wird, gegen welche Anfechtungen von Seiten der kathol. Geistlichkeit der jüdische Religionslehrer größtenteils zu kämpfen hat, wie schwachvoll eS ist, daß noch heute im Jahre 62 unsere mit Anstrengung und großen Kosten errichtete Schule unter Aufsicht der kathol. Geistlichkeit stehen soll; wenn man bedenkt, daß noch nicht ein Wort über das Ziel und die Art und Weise des Unterrichts an einer spezifisch jüdischen Schule bestimmt und festgesetzt ist, so wird kein Zweifel obwalten, daß eine Conferenz zu veranstalten von großer Wichtigkeit wäre. Das Nähere darüber ließe sich noch vor dem Zusammentritte in öffentlichen Blättern auseinandersetzen. Die einzelnen Punkte, die zur Verhandlung kommen sollten, müßten im Voraus in öffentlichen Blättern bekannt gegeben werden. Um die Sache zu Stande zu bringen, wäre es wünschenswerth, daß ein Counts zusammen trete und das Gesuch an die hohe k. k. Statthalterei um Bewilligung zur Abhaltung einer Conferenz gerichtet werde. An Männern, die ein solches Unternehmen zu leiten fähig sind, wird es uns hoffentlich nicht fehlen. kk. keckerer. Schweiz. Äarau. Die Einwohner von Aarau richte» an den großen Rath eine Erklärung, die also lautet: „Eine ultramontane Partei nimmt die Frage der Emancipation der Juden zum Vorwand, um den politischen Zustand unseres CantonS in Frage zu stellen und alte, langst überwunden geglaubte confessionelle Zwistigkeiten wieder wach zu rufen. Die Unterzeichneten Einwohner von Aara» erheben sich gegen dieses Treiben und erklären, daß sie die Abberufung des großen RatheS als einen Schandfleck des Cantons ansehen müßten. Die Unterzeichneten hoffen zugleich, daß die Bürger der übrigen aargauischen Gemeinden in großer Mehrheit sich diesem Proteste anschließen werden, und so die durch dreißigjährige Kämpfe erworbenen Rechte des Volkes, die bis jetzt makellose Ehre de- Cantons gewahrt bleiben." Frankreich. Paris, 12. Juni. Der „Siecle' -Correspondent in Rom hat eine lange Unterredung mit dem kleinen Mortara und dem Geistliche» gehabt, dessen specieller Obhut der Knabe in dem St Petrus Kloster anvertraut ist. Zuerst sah der Berichterstatter de» Knaben in der Kirche Meßdienste am Mar verrichten, wobei er sich sehr anstellig bewies. Später kam er mit dem zu einer europäischen Berühmtheit gewordenen Jungen wahrerü» der Spielstunde im Kloster- Hof zusammen. Derselbe trug eine schwarze Sutane, während seine Gefährten weiß gekleidet waren. Er ist jetzt 10 Jahre 4 Monate alt, mittlerer Größe, mager ohne jedoch leidend oder schwächlich zu scheinen.