Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 3 (1862)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1862)
- Date
- 1862-05-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447036-2447058--01302-2456550- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
171 Lehre. Die schriftliche Lehre gleichet der Sonne; sie stammt unmittelbar von Gott, wie auch der Sonnen- Lall sein Licht vom Schöpfer selbst erhalten hat, und wie der Mond erst von der Sonne sein Licht empfängt, so lehnt sich die mündliche Lehre an die schriftliche an, und wie der Mond die Nächte durchleuchtet, so ist eS namentlich die mündliche Lehre, die uns die Nacht unseres Galut erhellet; abgeschlos- , fen von jedem staatlichen Leben, ausgeschlossen von jedem höheren Beruf, haben Israel« verfolgte, gedrückte und geknechtete Söhne auf dem Gebiete der mündlichen Lehre ihren höhen geistigen Reichlhum sich erhalten und die Spannkraft des Gedankens. Streng, dem Vater gleich, tönet die Zuchtrede der schriftlichen Lehre;, sanft und mild und trostvoll schmiegt sich unS an und lebt sich in uns hinein die Endliche Lehre. Daher deuten auch unsere Weisen den Ausspruch der h. Schrift dsn i'2r< -v« 'n pov nvk rnin nvr» „höre, mein Sohn, die Zuchtrede deines Vaters und verlasse nicht die Lehre deiner Mütter" auf die schriftliche und mündliche Lehre; Leide zu ehren besieh't das fünfte Gebot rr« -122 nsn und wie beim fünften Gebote langes Leben verheißen, also auch im Gefolge der Thora 1'w imsr, i«n n'.i '2. Beide, die schriftliche und die mündliche Lehre gemeinsam vermögen erst die wahrhafte Gottesfurcht zu begründen und das ewige Leben zu verschaffen ip!? nmriv r>rr^ „die Furcht Gottes ist rein, besteht für die Ewigkeit." Wir haben nunmehr nachzuweisen versucht, wie die Thora gleichet dem irdischen Licht in Bezug auf das Erscheinen und Erkennen desselben, als ein Licht unseres Glaubens und Denkens. Doch nicht nur die Grundlage unseres Glaubens und Denkens ist die Thora, sie soll uns auch die Grundlage all unseres ThunS sein— ein Licht der Lhat. ll. Was würde wohl aus der Welt werden, wenn einmal plötzlich nicht nur die Sonne, sondern auch das Licht überhaupt zu existiren aushören würde? Wir sind nicht geneigt eine düstre Nachtschilderung zu liefern, um diese anscheinend höchst massige Frage ausführlich zu beantworten. Nur soviel wollen wir feststellen, daß die Bande der menschlichen Gesellschaft sofort gelöst werden würden und an einen Verkehr der Menschen mit Menschen nicht mehr gedacht werden könne; und wie das Licht ein nothwendiges Verkehrsmittel ist zwischen Mensch und Mensch, so auch die Thora, welche die Regeln dafür darstellt, tnw ipiu riLStdie Rechte GotteS sind Wahrheit gerecht allesammt; denn, wenn die Thora nicht ordnen würde die Verhältnisse der Menschen und Nicht angeben würde die Bedingungen ihres Elnand^rgegenüberlretenS, so würde Einer den Andern lebendig verschlingen. In der religionslosen Mlt würde das Leben dcS Nebenmenschen zum bloßen Mittel der Befriedigung der Selbstsucht binabsinken und vernichtet werden, sobald es der Selbstsucht hinderlich entgegenträte: doch die Thora hat gesprochen: rnnri nv, dn sollst nicht morden. Nur das Licht begründet dis Unterschiede. Main der Körperwelt zur Unterscheidung von dem audern beiträgt: Farbe, Gestalt, Formverhältnisseist arößtentheil« nur durch das Licht erkennbar; also lehrt uns die Thora da« Reine und Gute vom Schlechte» und Unreinen zu unterscheiden sch. Ern durch die Möglichkeit der Unterscheidung erhält daedelste Metall seinen Werth: 21 rrvi 2.-.D vnvnm. Me Lehren der Thora sind köstlicher als Gold und werthvolleS Geschmeide; sie lehrt unS das wahrhaft Werthvolle schätzen und das Laster verachten, selbst wenn eS den gleißendste« Schein sich borgt. — Das Licht ist Gemeingut. Alle, die in einem Raum sich befinden, haben Theil an dem Lichte derselben ->z inrch 1:; ebenso ist auch die Thora Gemeingut. Allen, Allen hat sie Gott gegeben. WaS aber Gemeingut ist, daran ist Diebstahl unmöglich L-ire,iv?2Lr» vix,020 2^p» '2 :2'^pr> Lnrr N'.i ^2.-10 jv 2»ip.-i erb buTl Der Genuß ist's, der zum Diebstahl reizt, sei eS nun der Genuß des Habsüchtigen, der an den gesammelten Schützen sich erfreut, sei es der Genuß des Leichtsinnigen, der Fremder Eigenthum zur Befriedigung seiner Lust zu verwenden begehrt. Die Thora aber hat gesprochen 2mn r<>> dn sollst nicht stehlen, und wenn die Sünde mit ihren lockendste» Genüssen dich zu verführen droht, so denk daran, daß kein Genuß köstlicher, dauernder, wahrhafter ist als der, den Vorschriften der Thora gemäß zu lebe« O'Liu nsu, v2-,s v'p'wi, die da süßer sind als Honig und Honigseim, die dein wahrhaftes Glück begründen in dieser und in jener Welt. — Das Licht ist de» Naturgesetze» unterworfen und unabänderlich in seinen drei Abstufungen, Morgen, Mittag und Abend. Dem Ende des Tagemuß der Anfang vorhergegangen sein. Auch in de« Erforschen der Gotteslehre ist die Beobachtung der Stufenfolge nothwendig. Hast du als Kind dich eifrig beschäftigt mit der schriftlichen Lehre, bist dn als Knabe und Jüngling eingedrungen in die Liefen des Talmuds und Haft du als Mann sie dir zu eigen gemacht, so magst du dich im vorgerückten Atter den Geheimnissen (mH der Gotteslehre weihen, und magst dich versenken ln jene Sphären, in die einzudringen nur dem vorher mit Wissen genügend Ausgerüsteten gegönnt ist; dann magst dn dir ein Urtheil bilden über die Fragen, welche daS Menschengeschlecht seit dem Anbegi.me beschäftigen, und magst Zeugniß ablegen von den Wahrheiten, die du wirk- I