Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1861)
- Date
- 1861-07-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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wie er, sich gänzlich von der Zeitströmung beherrschen ließ. „Man kann nicht gegen den Strom schwimmen sagten die bequemen modernen Rabbinen damals, und überließen sich behaglich der anfangs sanften Bewegung des dahinfahrenden leichten Nachens. Aber der sanfte Wellenzug, gegen den es sich wohl noch ankämpfen ließe, wurde unter ihnen allmählich zu einem tobenden, reißenden 'Niagara, der des verzweifclndsten Kraftaufwandes spottet, und die schwachen, leichtsinnigen Thoren, die sich ihm anvertraut, rettungslos zum Untergange führte. Herr Stein ist nicht der erste Reformer, der an diesen Abgrund gelangt ist, wie er in seiner Abschiedsrede sagte, er wird auch nicht der letzte sein. Wie sehr auch die Selbstvergotterung der reformistischen Rabbinen ihrer Eitelkeit schmeicheln muß; wie süß es ihnen auch schmecken mag, ein neues kirchliches Gebiet in Israel geschaffen zu haben, als dessen Sonne sie selbst erscheinen, man fühlt ja gleich heraus, daß diese Sonne eine künstliche ist, und daß sie in einem lttinen Umkreis wohl blenden, aber nie den Erdball erwärmen und erleuchten kann. Die Rechtgläubigen wollen mit solchem Machwerk nichts gemein haben; die sogenannten Aufgeklärten vergötternin unsrer Zeit ganz andere Dinge, als etwa Rabbiner von dieser Mache. Sie haben auch so viel Einsicht, daß sie Männern keine Hochachtung und kein Vertrauen schenken können, welche hier eine neue Kirche stiften, dort wieder mit den Orthodoxen liebäugeln, hier den Schinken essen, und dort den Betbruder spielen. Wie ganz anders verhält es sich mit dem Wege, den die Altgläubigen gehen. Zwar haben sie seit 50 Jahren nicht das ruhige, paradiesische Leben genossen, wie es Herr Stein zu schildern beliebt. Nicht die Ncsormrabbiner, sondern gerade die orthodoxen Rabbiner waren cs, und sind es an ,vielen Orten noch, welche sich wegen ihrer Gewissenhaftigkeit und Gesetzestreue den „mannichsaltiDen Anfechtungen," den malitiösesten Verfolgungen, namentlich der modernen Vorstände oder einflußreicher Gemeindeglieder ausgesetzt sehen. Es, sollte l!.uns nicht schwer fallen, Herrn Stein eine große Anzahl solcher Glaubensmärtyrer auszuzählen. Gerades die Reform-Rabbiner haben eS bequem, denn sie kosinen ab- und zugeben, sie können sich drehen und wenden, wie man es von ihnen verlangt, und gerade Herr Stein hat in seiner Broschüre an viele« Stelle» gpzeigt, wie er schwach jedem Geflüster da- Ohr geliehen. Was aber den Orthodoxe» Befriedigung gewährt, das ist die innere Gewißfensruhe, weil sie frei von Selbstvorwürfeu sich fühlen; was ihnen Festigkeit verleiht in ihrer Stellung, dar ist die richtige Erkenntniß ihres Standpunktes, indem sie sich nicht anmaßen, die Gesetzgeber zu spielen, sondern mit Demuth ein höheres Gesetz über sich wissen und erkennen, und sich selbst als die erste» Diener desselben betrachten; was ihnen die »Bewunderung ihrer extremsten Gegner" erzwingt, um welche Herr Stein sie beneidet, das ist die Consequenz, mit welcher sie verfahren, und die Freiheit und Unabhängigkeit, die sie sich erobern im Kampfe mit dem Unverstände und dem Wahne. Schlimm stände es darum wahrlich um das Judenthum/ wen», wie Herr Stein glaubt, der junge „Rabbiner-Nachwuchs" sich versucht sehen sollte, „zuerst aus Klugheit sich dem orthodoxen Lager znzuwenden und aus der Klugheit ein System, und aus dem System endlich Princip zu bilden! Wahrlich, ei» solcher gemeiner Verdacht macht Herrn Stein*- Herzen wenig Ehre, und schafft dem Zweifel Eingang an der Aufrichtigkeit seiner eignen Gesinnungen. Doch „wer leidet, sündigt," sagt das Sprichwort, und der Mißmuth wegen sehlgeschkageuer Hoffnungen, die unglückliche Stimmung, welche einen Geistlichen überwältigen kann, wenn er sich für de» „Mann der Vermittelung" gehalten, und in alle» seinen Plänen nnd Erwartungen sich enttäuscht sieht; daneben die d-müthigende Behandlung, die er vom Vorstand ertragen lernen mußte, die theils gleichgiltige, theils ihn richtende Stellung,! welche seine Gemeinde ihm gegenüber einnahm, mit emem Worte die vergeblich gelebten Jahre, die keine Reue! zurückbringt, und die Niederlage, die in ihm und mit ihm seine ganze Richtung erleidet, — das Alles wird ebensosehr seine Ungerechtigkeit gegen die Orthodoxie entschuldigen, w.e es eine glanzende Bestätigung des Spruches unsrer Weise» ist: inrnrw r>2'pN2 N22.1 px „Wessen Klugheit der Furcht Gottes vorangeht, dessen Klugheit hat keinen Bestand! (Fortsetzung folgt.) Fr ankfurt a. M., Ä. Juli. Dem Vernehmen nach hat die hiesige iSraelitifche Gemeinde- Ver-