Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1861-07-03 · Heft 27 (3.7.1861) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
2 (1861)
Issue
Heft 27 (3.7.1861)
Date
1861-07-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2446984-2447011--00768-2455971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

schivunden sind, unsere ewige, noch immer jugendlich sich erneuernde Existenz, an die sich eine große und erhabene Vergangenheit knüpft und die eine noch! weit größere Zukunft in Aussicht stellt, dem Völker-! thume gewissermaßen ein Dorn im Auge war; — j weil wir als Träger der Wahrheit unvermischt und! abgesondert — unbekümmert um Erdenglanz und! Weltcngröße — ganz im Stillen, fern vom Geräusche! der Welt, den Weg der Tugend wandelten, unserer! Religion, unserem Glauben allein nur lebend und unsere Hoffnung auf Gott im vollen Bewußtsein, daß wir von ihm zu diesem Berufe ersehen und erkoren, setzend. Darum ließen wir auch frohen Mntbes und gläubigen Herzens alles über uns ergehen , was auch! die noch so finsteren Zeiten für Unheilvolles und Hartes über uns herausbeschworen haben, wenn wir im Herzen tief erkannt hatten, daß wir die Märtyrer der Wahrheit sind und für Gott und iem Gesetz bluten! — So wie die gütige und weise Natur, ohne erst auf die fleißige Menschenhand zu warten, darauf bedacht ist, daß kein Pflanzenkeim der Erde verloren gehen soll und diese Keime durch die wehenden, den Boden aufwühlenden Winde nach weiten Gegenden zerstreut und auf diese Weise selbst säet, um diese, sogar auf manch ödem Boden, von Neuem wieder aufgehen zu lassen: eben so mußten wir von Volk zu Volk, von Land zu Land, von Pol zu Pol durch schreckliche Unglücks- Kürme nach allen Thrilen des Erdbodens geschleudert werden, um aller Orten den Keim der Wahrheit von Neuem anzupssqnzen und jedes Land für die heiligsten Ideen, für die großartigsten Interessen urbar zu machen. Wenn dieses auch nicht pon untern Gegnern anerkannt wurde; wen« man sogqr noch im Wahne war, daß wir ein unnützest ja lästig ges Volk seien , dessen sich ohne Gnade und Erbar-; men zu entledigen man berechtigt sein kann:! so h«^ -den wir dennoch nicht unfern festen Standpunkt aus den Augen verloren und vielmehr im Stillen unfern beschwerlichen, mit Dornen besaetcn Lebensweg gläubig und ergeben in Gott, im Hinblick aus das> zu ' strebende Ziel fortgesetzt^ ehne uns vyn der öffen^ üchen! Neigung beirren zu lassen. Hat aber diejiA Zi6, die Bereinigung nämlich der ganze»! Menschheit unter eine Glaubensfahne, sich noch nicht verwirklicht, so kann auch unsere gerechte Trauer um Jerusalem noch nicht aushören und kann diese durchaus . nicht aus Mangel an Vaterlandsliebe und Anhänglichkeit an denjenigen Staat mißdeutet werden, in welchem wir unter der Aegide einer weisen und liebevollen Ncgienmg im Vollgenuß der allgemeinen Menschenrechte gewürdigt worden sind. Denn unser? . Trauer gilt weniger, der Zerstörung deS irdischen Jerusalems, der aus Holz und Stein zusammenge-, setzten Gottesstadt — obwohl auch diese dein Israeliten nicht gleichgültig sein kann — als vielmehr der dadurch entstandenen Halbheit unseres Gottesdienstes. und der Unvollkommenheit unserer GottcSverehrung, der in den Landen unserer Zerstreuung nicht vorschriftsmäßig die gebührende Rechnung getragen werden kann. Und so lange unser Gottesdienst noch. - Mangel- und lückenhaft bleibt, so lange ist auch die Einheit Gottes und demgemäß seine wahre Verehrung und Verherrlichung in der Welt noch nicht zur allgemeinen Anerkennung und Geltung gebracht worden. Doch diese Unvollkommenheit unsrer Gottesverehrung liegt aber auch zum Theil an uns. selber. Denn eS ist nicht zu leugnen, daß Israel, nicht zu allen Zeiten, nicht in allen Lagen und Phasen seines Entwickelungsganges das Hauptaugenmerk auf seine zu realisirende Lebensaufgabe gerichtet, daß es vielmehr diese gänzlich verkennend und gar verleugnend seiner, ihm eisigen Ruhm und Bestand verleihenden Religionslehre Hohn gesprochen und einen ihn» fremdartigen Weg betreten hat, der es. nicht nur von seiner Bestimmung immer weiter abführt, sondern sogar es gerade das Gegenthei! von dem erreichen laßt, was cs beabsichtigte. Die Ursachen unserer gegenwärtige»! Trauertage muffen daher gerade in dem Abweichen von dem uns vorge- > zeichneten Lebenswege gesucht werden, in dem gewissenlosen Aufgebm ^Merir! heiligsten Interesse«, »ekche wir für nichtige! Traumgebilde, für Phantome Leichtsinnig Hingaben,! die aber uns nichts als Hohn 'Und Verachtung zurückgelpffen haben. Ein Blick in die Geschichte unseres Volkes l überzeugt bis auss Klarste vön der Wahrheit des Gesagten. Denn JS- -srael hat seiuen j ersten, Tempel eingebüßt, weil eS!auf seinem.höhen Standpunkch, auf den eS die Offenbamng Gottes durch den darin au-geprägten reinsten Monotheismus erhoben hatte, sich nicht behaupten konnte und einen sichtbaren Gott, wie alle

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.