Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1861)
- Date
- 1861-06-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2446984-2447010--00754-2455956- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
312 er in verschiedenen Gegenden verschieden sein kann und wirklich ist. Es gibt aber noch andere Minhagim, die fast überall dieselben sind; diese betreffen Dinge, die zwar nicht unmittelbar durch das Gesetz vorgeschrieben sind, die aber aus dem Geiste desselben resultirenl i > Wenn irgend ein Mensch von einen! besonderen Berufe in Anspruch genommen nnd «durchdrungen ist, so wirdler sich gewöhnen, alle Gegenstände aus« dem Gesichtspunkte dieses seines Berufes zu betrach-: ten und zu beürthcilen; ein und derselbe Gegenstand wird in den Augen verschiedener Menschen je nach ihrer Anschauungsweise zu ganz etwas Anderem. Machen, wir das an einem Beispiele deutlich: « Auf einer Anhöhe, über wel^e die Ländstraße fuhrt, sieht eine mächtige,' hohe^ weithin «schüttende Eiche, an deren Fuß man eine herrliche Fernsicht genießt. Ein Wanderer zieht des Weges; er sieht still und betrachtet sich den Baum. „Hier, spricht! er. soll ein Fußweg links abgchen, der eine halbe Stunde näher ist." Er sucht nnd findet und macht sich rasch auf den Weg; ihm ist der Baum ^nichts als ein Wegweiser. Bald daraus zieht ein Mann des Weges, dessen grüne Büchse den Botaniker erkennen läßt; auch er steht still, betrachtet den Baum von allen Seiten, Wurzel und Stamm und Ninde, sucht aus ein-clnen Zeichen aus das Alter zu schließen, betrachtet die Mose und Pilze, die sich am Stamm gebildet haben — ihm ist der Baum nichts als die Pflanze als solche. Zwei Landlcnte ziehen des Weges. „Welch' ein prächtiger Baum!" ruft der Eine ans. „Er ist mindestens seine fünfzig Thaler werth," spricht beistimmend der Andere; für sie ist es nur das Nutz Holz, duS ihre Aufmerksamkeit erregt. Nun zieht ein Tourist des Weges. „Hier ist die Stelle," spricht sein Begleiter, da sie am Fuße des Baumes angelangt sind. „Also hier war es, sagt da der Andere, wo der große Manu ruhte auf seiner Flucht, wo er den Landmaun traf, der ihm zu einer Verkleidung und damit zum.Entkommen verhals! Welchen Gang hätten wohl die Ereignisse genommen, wenn er hier nicht geruht hätte und den Verfolgern gerade in die Hände gelaufen wäre!" — 2hm ist der Baum nur das historischeDenkmal. Wie anders dagegen wird der Mal er, wie anders wiederum der Dichter den Baum und feine Umgebung betrachten, wie anders der Krieger, und so könnten wir dieses Beispiel bis in's Unendliche ausdebnen. Ebenso ergebt es mit allen Gegenständen, mit allen Lebcnsverhältniffen. Der Beruf des Juden ist aber vor Allem, Jude zu sei«; seit Jahrtausenden ist unser Volk dnrchtränkt vom Gottesgeiste der Thora, an ihren Mutterbrnsten wurde« und werden unsre Kinder genährt, sie ist die stete Nahrung unsres Deistes und Herzens zu jeder Zeit. Was Wunder also, daß alle nicht durch das Gesetz normirten Verhältnisses sich aus hem Geiste der Thora heraus und diesem gemäß gebildet haben, daß unsre Minchagim nicht allein Gesetzeskraft haben, sondern auch haben muffen, weil ihre Herausbildung nicht anders als im Geiste der Thora hat vor sich gehen können — In einer Zeit, in welcher die Grundlagen des Judeuthums erschüttert wurden, in der der Sabbat, die Ehegesetze, die Speisegesetze theoretisch und praktisch angegriffen, ja, „abgeschafft" wurden, mußte der Mirchag natürlich viel größere nnd verbreitetere Opposition finden' Während unsere Alten achtungsvoll sprachen: „es ist so Mirchag," hört man jetzt das sich über denselben hinwegsetzende: „es ist ja nur ein Minhag!" das moderne Geschlecht steht schon thcilwcise außerhalb des Judeuthums und begreift nicht, daß es sich hierbei um die Blatter des Baumes handelt, die ebenso nothwendig zum Baume gehören wie die Wurzel, daß ein Baum, der hartnäckig und fortgesetzt seiner Blätter beraubt würde, absteroen müßte. Ter Verfasser vorliegender Werke hat sich daher ein nicht geringes Verdienst dadurch erworben, daß er sich eingehend nnd gründlich mit einigen wichtigen Minhagim des öffentlichen Synagogenlebens beschäftigt hat. Gewöhnlich werden gerade diese Minhagim von den sogenannten Reformern als Bagatellen bezeichnet. Zuerst bringen sie Alles in Ausruhr. streuen Zwietracht in die Gemeinden, üben Gerviffensdruck, um dann ihren Opponenten zuzurusen: es sind ja nur Kleinigkeiten, nicht stricte durch das Neligionsgesetz vorgeschriebene Dingel Der Verfasser weist nun nach, daß diese scheinbaren.