Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1861)
- Date
- 1861-05-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2446984-2447006--00703-2455901- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
265 wollten sie lieber Zeit und Kraft dazu benutzen, um sich deutliches und klares Verständniß der offenkundigen Gesetze zu verschaffen, was ihnen dringend Noth thut. Wie lobe ich da die nachahmungswürdige Demuth des 'i, der nachdem ihm die Pforten der Kabbala bereits eröffnet waren, sich dessen rühmen konnte, das; er seine Pflichtgebete so einfach ohne jede mystische Anspielung verrichtete, wie das allerzarteste Knäblein. Gehe somit nur getrost den Weg fort, den du bisher betreten hast und rufe den Neuerungssüchligen zu: Wohlbegrüudete Stabilität siegt, willkürliche Abänderung unterliegt *)." Aeder Denksrelkeil ttmerkulb rler Religion. (Fortsetzung aus Nr. 27 v. I.) m. *»* Nachdem wir die Fragen über Denkfreiheit innerhalb unseres Glaubens im Allgemeinen erörtert haben, wollen wir an die speciellere Frage gehen; ist es uns gestattet, an der heiligen Literatur Kritik zu üben? Die hier in Frage gestellte Kritik kann zweifacher, Art sein. Entweder bezieht sie sich! auf den Text unh untersucht, ob der Verfasser wirklich das gesagt oder geschrieben habe, was der Text uns b«!ct, oder was wir aus dem vorliegenden Texte herauszulesen glauben, oder ne bezieht sich aus den Stoff selbst und fragt, ob wir, zugegeben, daß der Verfasser dies wirklich gesagt und gemeint habe, mit dem Verfasser übcreinstimmen können. ,1, > z Ob MM pur wirklich seine Ansicht! der eistes bestimmten Verfassers uuterordnen will, wird von der Autorität abhängcn, die der Kritiker dem Verfaffer zuertheilt.! Anders verfährt - die Kritik der andern Art. Es! ist schwieriger zu unterscheiden, ob ein Verfasser, der vor Jahrtausenden gelebt, so geschrieben haben kann oder nicht. Sie Hilst sich nun folgendermaßen: sie sagt, vor Jahrtausenden haben die vernünftigen Menschen, denen die Verfasser der uns hintcrlaffenen Schriften doch ohne Zweifel angehören, ebenso ge- ") Siehe n''» rrbxn. dacht wie heute, die Gesetze des Denkens, seien für das Menschengeschlecht unveränderlich. Was daher nach meinem logischen Denken, nach meinen folgerecht gebildeten Schlüffen, Unsinn ist, mar dem logischen Denker jener Zeit Unsinn. Unsinn schreibt aber kein vernünftiger Mensch, daher muß der Verfasser etnraS Anderes da geschrieben haben, wo wir nur Unsinn hcrausfinben können. Der Text sei verdorben, ist der Schluß, und die Frage, welche der richtige, Hinein zu corrigirende Text sei, gibt den Philologen Gelegenheit, ihren Scharfsinn zu zeigen. Ein anderer Grundsatz der Kritiker ist , ein Schriftsteller schreibt nach den bestimmten Gesetzen der Spräche. Formen, die sich nach diesen nicht erklären lasten, seien Fehler der Abschreiber. Endlich sagen die Kritiker, wo verschiedene Lesarten vorhanden sind, muß eine falsch sein. Welche Lesart die richtige sei, hängt von der Urtheilssähigkeit der Kritiker ab. Wir wollen nun versuchen, ob eine Kritik unserer heiligen Literatur nach den verschiedenen eben erwähnten Richtungen hin unsererseits erlaubt sei; dürfe» wir uns fragen: „Ist das, was uns in dieser Schrift geboten wird, auch richtig?" oder muffen wir Alles auf Treue und Glauben hinnehmcn. Wenn wir die allgemeinere Frage über Drnksreiheit dahin beantwortet haben, daß wir zwar ungehindert denken können, wenn nur eine gewisse Vorsicht beobachtet wird, um sich nicht in §inen jähen Abgrund des Jrrthüms zu stürzen, so kann die Beantwortung der speciellercn Frage nicht anders anssallen. Der denkende Geist läßt sich nicht einschränken, und vergeblich würde wohl ein solches Gesetz existiren, welches dem forschenden Geiste Grenzen setzen wollte. Dahtr kann die FrageS nur kurz dahin beantwortet werden: KriSik jeder Art ist gestattet, nur ist große Vorsicht zu empfehlen. Wie jedoch die Kritik der neuen Forscher zum größten Theil eine verfehlte ist, wie dagegen unsere ältesten Erklärer Kritik geübt Haben, wollen wir einzeln in den verschiedenen Arten der Kritik durchführen. Wir würden demnach zu betrachten haben: I. Kritik des Inhalts. II. Kritik des Textes. IV. Wenn wir den Inhalt unserer heiligen Literatur einer Kritik unterwerfen wollen; werdest wir