Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- Heft 30 (19.12.1860)
- Date
- 1860-12-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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355 beweisen, daß man Jude, und zwar erst recht Jude sein kann, auch ohne von dem Bundessiegel gekennzeichnet zu werden. Jene Frau, nach jüdischgesetzlicher Bestimmung noch das Eheweib eines Andern, nur das bürgerliche Gesetz hat sie geschieden, das religiöse nicht, will zum andern Male eine religiöse — keine bürgerliche — Ehe eingehen, die Wissenschaft, risum t6N6ati8 amiei! — wird von der Reform in den Dienst genommen, um die religiös noch ehelich verbundene Frau zum zweiten Male religiös ehelich zu verbinden. Sollen wir in unfern retrospektiven Wanderungen fortfahren? ich denke' wir haben daran genug, um die Antwort auf die oben gestellte Frage, ob die Reform in Wahrheit nach wissenschaftlichen Principien verfährt, mit einem unbedingten Nein zu geben. Ganz unwissenschaftliche Geister, die das Judenthum mit der frivolsten Libertinage, die sie in Sold.genommen, nicht in Einklang bringen konnten, zerrissen mit rauher Hand das heilige Band, welches das Judenthum um seine Bekenner gewoben, der Sabbat war längst entweiht, die Speisegesetze waren längst zertreten, ehe die Reform nur daran gedacht hatte dieser Neligionsverleugnung eine wissenschaftliche Basis zu geben, die Wissenschaft der Reform trägt nicht sich selber Rechnung, sondern dem gröblichen Ansinnen einer genußsüchtigen, dem krassesten Materialismus huldigenden Menge, die Wissenschaft der Reform ist die gedankenloseste Connivenz gegen Alles, was die Hohlköpfigkeit eines dem goldenen Kalbe opfernden Publikums nur heischen kann, mit parteiischer Eingenommenheit geht sie an die Untersuchung ihres Objektes und weiß schon beim Beginn derselben, was das Resultat am Ende sein wird. Auch das Christenthum, auch der Mahomedanismus hatte seine Reform, aber der Abfall von der Kirche, von der Sunna vollbrachte sich nicht dadurch, daß der religiöse Leichtsinn sich von all den Fesseln schon losgewunden hatte, die die Kirche, die die Sunna um die Gläubigen schlug; nicht wie der Reform im Judenthum ging dem Protestantismus, dem schiitischen Bekenntniß die Auflösung des religiösen Lebens voraus, so daß Luther, so daß die Anhänger des Ali auf all die irreligiöse Zügellosigkeit nur das Siegel gedrückt hätten, um ihr mit wissenschaftlicher Methode Berechtigung und Zuständigkeit zu verschaffen; nein Luther sowohl als die Schiiten waren, als die Kirche und die Sunna noch ihre treuesten Anhänger zählten, an die Untersuchung über die kanonische Giltigkeit der religiösen Institutionen des Christenthums, resp. des Mahomedanismus gegangen, und erst nachdem die Untersuchung an ein negatives Resultat gelangt war, vollbrachten sie die Reformation. Die Träger der jüdischen Reform hingegen hatten die irreligiösen kaits Lceomxlm, die durch die lustigep Wellkinder zu Stande gekommen waren/ schon vorgefunden, sie acceptirten die Weisheit des Pöbels, der dem, ^ias gerade in der Mode ist, in blinder Verehrung zujubelt, die Reform-Rabbiner sagten zu Allem ja; uns ist kein Beispiel bekannt, daß auch einmal dem-ge ge denen Judenthum von derReform das Recht, sich geltend zu machen, eingeräumt worden wäre, aber im Gegentheil gewahren wir überall, wie sie den Abfall sanctionirt,! die Abtrünnigkeit bestätigt, sie Hilst den I in einen v'pv.-ib verwandeln, und was oft blos aus religiöser Ignoranz geschehen, dafür weiß die allzuwillführige Reform in der Wissenschaft, d. h. in ihre-r Wissenschaft ein Correctiv zu finden, ein eigentümliches Correctiv, durch welches die That der religiösen Ignoranz zu einer berechtigten That der reformistischen Wissenschaft oder der wissenschaftlichen Refornr umgestempelt wird. Und das ist die Methodik der Reform, mit der wir diese Zeilen überschrieben Haben, ihr Princip ist das Concesfionsprincip, nach welchem sowohl die Religion als auch die Wissenschaft aus ihrem festen Grunde gehoben und den Willkürlichkeiten der Mode, ja jeder Laune des ewig vacillirenden Zeitgeschmackes unterworfen werden. Literarischer Bericht. Beurtheilung der Geigersschen Broschüre: „Nothwendigkeit und Maaß einer Reform des jüdischen Gottesdienstes", von vr. I. Hildesheimer, Rabbiner in Eisenstadt. (Fortsetzung.) „Gebete sollen wegfallen, in denen die Hoffnungen nach dem Tode mehr eine zukünftige Belebung, eine Auferstehung des Leibes als eine Fortdauer der