Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- Heft 29 (12.12.1860)
- Date
- 1860-12-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2446952-2446981--00379-2455555- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
346 Ans die ernste Miene in dieser lustigen Eomödie. Der Akt beginnt mit einer höchst dünkellasten, noch aus den Zeiten des jungen Deutschlands stammenden Redensart des jungen Judenthums. Allein teuiporrr inutantur et nor» mutainur in illis. Unsere Zeit begreift ihre Menschen erziehende Aufgabe? Keine weniger als unsere. Wir Juden sind noch heutzutage auf bestimmte Beschäftigungen und damit verbundene particulare Lebensanschanungen angewiesen, wo man uns durch nnpatrintische und launenhafte Institutionen des Staates dazu vernrtheilt. Das ist heute ganz wie früher. Auch heute ganz ebenso wie früher werden jene Kreise zur wahren Ausgabe des Judenthums berufen sein, auszuharren trotz jeder Unbill, und, der erfindungsreichen Bosheit gegenüber, Wahrheit und Tugend, so klar wie der Helle Tag, zu manifcstiren. In den Ländern aber, wo die Menschenrechte auch für uns eine Wahrheit geworden, wie^viele sind da (den Wegfall jener von außen ausgedrüngten zwingenden Nothwendigkeit, sich innerhalb mehr oder weniger verführerischer, unreeller Beschäftigungen zu bewegen, gerecht in Rechnung gebracht, vielleicht auch ohne dicß) besser, edeler, ehrlicher und redlicher geworden als unsere Ahnen. Es gehört wirklich eine große Partie von Pastoralhochmuth dazu, sich und seine Generation auf Kosten seiner Ahnen, d. h. indem man einen Vorwurf gegen diese schleudert, zu glorificiren. Dieß ist überhaupt so die wenig beneidenswerthe Bravour dieser Schule des veralteten jungen Judenthums. Hieraus geht unter Anderem die „Empörung" des Herrn Fasset über gewisse tradirte Gebete hervor re. Ein Anderes wäre eS, wenn Männer unserer Zeit bei exceptueller Stellung mehr als L'w.-.' dem Judenthume zur Ehre gereichen würden als früher. Nun, man vergleiche Männer wie Chisdai, Maimonides, Abarbanel u. a. m. vom Standpunkte des Judenthums aus mit den rüäsichtlich solcher Stellung entsprechenden Persönlichkeiten unserer Zeit (oxeivxla sunt ockiosa) und beurtheile selbst. Wir wollen uns über dieses von den Ruinen der jüdischen Mitglieder des jungen Deutschlands zum Dogma erhobenen Axiom: je mehr Weltbürgerthum, desto mehr Judenthurn, etwas genauer aussprechen; nicht weil das vorliegende Delirium solches verdiente (es verdient eigentlich gar kerne Würdigung); sondern weil jenes Dogma, das vielen Betrügern und vielen Betrogenen im Judenthnme obenanstebt, seit einigen Decenuien schon umherrumort. „Je mehr Weltbürgerthum, desto mehr Judenthnm" ist Lüge, ja ist mehr als Lüge, ist Unsinn; „Je mehr Judenthnm, desto mehr Weltbürgerthum," ist eine hohe Wahrheit. Weltbürgerthum ist ein philosophischer, zunächst sehr vager und vieldeutiger Begriff. Eommunisten wie z. B. Plato in seiner Republik, begreifen praktisch auch Gemeinschaft der Weiber unter diesem Begriff, lassen die Könige vom Throne steigen und die Philosophen sie einnehmen. Andere verstehen und. lehren unter diesem Begriff die Anerkennung eines allein scligmachenden, religiösen Dogmas; diese dies und jene jenes. Das Judenthum nun behauptet, daß sein Inhalt das Weltbürgerthum in idealster Weise begründe (und immer kann ja das Weltbürgerthnm, wie jeder logische Begriff, nur Folge von Prämissen sein) und zwar in so idealer Weise, wie solche ein Jcsaias neben den spccifischcn Satzungen des Jndenthumcs, z. V. ausgesprochen (vgl. Jes. öl! u. 58). Das Judenthnm ans dem Weltbürgerthnm anfbauen, heißt die Begriffe aus den Kopf stellen und ist — Unsinn. Das Schönste aber ist, wie der Verfasser den edlen Eosmopolitismns des modernen Jndenthumcs beschreibt. „Vielen in den Gebeten sich aussprechenden Vorstellungen sind wir fremd, ja Feind geworden." Hierunter versteht nämlich unser Dramatiker die Selichot, Sulath :e. Der sich durch diese hindurchzichende Faden ist bekanntlich der Stoßseufzer über namenlose Brutalität, und Hoffnung in die Gerechtigkeit Gottes gesetzt. Diesem also ist unsere erleuchtete Generation fremd, ja Feind geworden? und das nennt ihr Weltbürgerthum? schämt ihr euch denn gar nicht? schließt euch das Weltbürgerthum Mitgefühl aus oder ein? Um von uns noch gar nicht zu reden: leihet das Weltbürgerthum den Leiden der Christen zu Damaskus Gehör oder nicht; bestehet das Weltbürgerthnm in Entfremdung der Gefühle oder Annäherung, und nun weiter, harmonirt das Gefühl des Jammers über den Raub eines Mortara mit dem Weltbürgerthum oder nicht? Heutzutage sagt man: Solch' einen Akt rächt die Geschichte, unsere Alten sagten mit noch weit größerem Rechte und mit eigentlicherem Ausdrucke: Gott rächt es; und ihr versteht dies nicht, seid solchen Empfindungen « .