Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1860-11-14 · Heft 25 (14.11.1860) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
1 (1860)
Issue
Heft 25 (14.11.1860)
Date
1860-11-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2446952-2446977--00323-2455495
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

294 sie hat ihre Geschichte, ja, ist ein integrirender Theil der Geschichte, wurzelt daher wie diese fest in der Vergangenheit rmd der Gegenwart und bedingt die > Zukutift. Cs ist daher nicht daran zu modeln und zu ändern; wie wir sie am Sinai erhalten haben, so müssen wir sie uns und unsern Nachkommen bewahren. Doch das schriftliche Gesetz allein war dem Wortlaut nach noch nicht umfassend genug für alle Verhältnisse des Lebens, wofür es doch berechnet war. Die Erklärung des in jedem Buchstaben gelegenen Sinnes wurde dem Moses am Sinai mündlich mitgetheilt und durch die Tradition von Geschlecht zu Geschlecht verpflanzt bis auf die Zeit, da die Mischnah, und wieder 200 Jahre später der Talmud niedcrgeschrieben wurde. Diesen Pentateuch nebst den Propheten und Hagiographen, '^) wie die dazu gegebene Erklärung, Mischnah und Talmud als bindend anzuerkennen, danach seinen Lebenswandel zu ordnen und danach Gott zu dienen, heißt Autoritätsglaube. Der Vernunftglaube verwirft jede Autorität; das Ich gilt ihm als das höchste Princip; seine Vernunft ist ihm sein Schiedsrichter, schafft ihm seinen Gott, gibt ihm seine Religion. Weil aber die Ergebnisse der Vernunftthätigkeit je nach den verschiedenen Menschen verschieden sind, so treffen wir auf dem Gebiete des Vernunftgtaubens in den jüdischen Kreisen die furchtbarste Begriffsverwirrung. Der Eine erkennt die geschriebene Bibel in ihrem ganzen Umfange an, erklärt auch Manches der Tradition für bindend, für unerläßlich, streicht jedoch Stellen die ihm nicht conveniren. Der Andere verwirft die ganze mündliche Ueberlieferung; ein Dritter erlaubt sich sogar aus der schriftlichen Bibel selbst Stellen auszumerzen; ein Vierter endlich verwirft auch die schriftlichen heiligen Urkunden und schafft sich einen Glauben ans sich selbst heraus. Man kann sich lebhaft denken, wie unter diesen einzelnen Klaffen selbst die Meinungen variiren und somit eine Begriffs- und Sprachcnverwirrung entsteht, welche die babylonische bei Weitem noch übertrifft. Es ist hier keine begrenzende Norm, kein Anhaltspunkt, keine Festigkeit, er kann gewechselt werden, dieser Glaube, wie ein abgetragenes Kleid, die heterogensten Begriffe können auf einander folgen, was heute noch recht war, kann morgen schon veraltet, unzulänglich, falsch sein. Bei diesen ist die Thora noch wie, eine zerfetzte Kriegsfahne, bei jenen nichts weiter als eine Reliquie des Alterthums, die ins Museum gehört. Ueber all das Vergeistigen in der Thora schafft man sich endlich eine so unerträgliche Subjektivität, daß man später weiter Nichts als sein Ich kennt. „Das menschliche Herz" hörte ich selbst einmal von einem solchen Juden, der eben nur seiner Geburt nach dem Judenthume angehört, als den Ersatz für jede Religion preisen, als ob die vielen Millionen Herzen auf der Erde nur einen Schlag schlügen, als ob nicht so viele Köpfe, w viele Sinne vorhanden seien. Das Facit dieser Selbstüberhebung, dieser Selbstvergötterung ist eine große Null. Man sagt gewöhnlich exeuipln sunt ockio8L; oft jedoch sind Beispiele sehr heilsam und hier bieten sich uns in der Geschichte der Philosophie, sowohl der alten wie der neuen, zwei recht characterisirende Beispiele, wie der zügellose Geiste gleich der zügellosen, freigelaffencn Flamme, die nicht wärmt, sondern verbrennt, ins Lächerliche und Extravagante sich verirrt. Ans Sokrates' 2ehre von der Glückseligkeit fußten zwei Schulen, die sich diametral gegenüber standen, die Hedoniker einerseits, die Cyniker andererseits. Die Spinozistische Lehre artete ans in die ertremmaterialistischen Lehren eines Helvetius, der Encyklopedisten und eines La Mettrie, wie auch in die ertrem idealistischen Lehren eines Berckeley und in das Jch-Jch des Fichte. Eine gesetzesgültige Norm ist dem menschlichen Geiste nöthig; sie ist nicht eines freien Menschen unwürdig, sie gerade bewahrt den edeln Geist vor unnatürlichen, entwürdigenden Ausschweifungen. Deßhalb hat auch Gott sein Gesetz gegeben, weil der Mensch sich veredeln, nicht herabmürdigen soll. Was soll der Skepticismus? Kommt man nicht immer wieder und wieder auf die Principien des geoffenbarten Glaubens zurück? Welch' anderes Facit haben die Berechnungen der Philosophie, seit ihren Anfängen gezogen, als daß der Mensch Gott nicht erforschen könne? Wird die Halbheit, wekche die Neologie ins Judenthum hereingebracht hat, die Halbheit, die auf der einen Seite noch den Namen Jude erhalten wissen will, auf der andern Seite mit dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.