Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1860-10-24 · Heft 22 (24.10.1860) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
1 (1860)
Issue
Heft 22 (24.10.1860)
Date
1860-10-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2446952-2446974--00287-2455456
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

261 lichen Wortes, mit wahrer Begeisterung und Aufopferungsfähigkeit für seinen Glauben. Ein Jeder verstand die heilige Schrift aus der Quelle, aus der er zugleich Hoffnung und Zuversicht, Beseitigung und Trost in den Widerwärtigkeiten des Lebens schöpfte. Dort suchte er Herzensstärke und Ueberwindungskrast zu finden, und der Einfluß eines gottdurchdrungenen Lebens zeigte sich sichtbar in sein ein ganzen Handel und Wandel. Doch seitdem man angefangen, jüdische Schulen zu errichteil, in denen nach den Zeitbedürsnifsen auch den Sprachen und Wissenschaften gebührende Rechnung getragen wird, ' nute aus Mangel , an Zeit der Religionsunterricht nicht mehr auch auf i den Talmud ausgedehnt werden. Aber desto größern Fleiß zollte man dem Bibelstudium, und die hebräische Sprache galt noch immer unter den zu lehrenden als Hauptfprache. Wohlthuend und von heilbringendem Einflüsse mußte es natürlich sein, wenn dann neben dem Bibelunterrichte im Urtexte die ganze Glaubenslehre des Judenthums systematisch aus geeigneten und paffenden Neligionsbüchern gelehrt wurde, wodurch das aus der Bibel Erlernte um so klarer und bestimmter zum Bewußtsein des Jünglings gebracht werden konnte. Auch Schreiber dieses Aufsatzes hat sich bei seinem mehrjährigen Religionsunterrichte eines solchen Verfahrens streng beflissen und neben Bibelkunde, verbunden mit hebräischer Grammatik und hebräischen Stylübungen, auch Religionsunterricht im engeren Sinne des Wortes ertheilt. Doch hat er sich dabei keineswegs derjenigen Religionsbücher, die über das Zeremonialgesetz und die Messiaslehre nur flüchtig hinwegeilen, sondern vielmehr des von Herrn S. Pleßner unter dem Titel rum.-.'- .-^'-2 M verfaßten, mit reichhaltigem Material ausgestalteten, selbst den kenntnißreichern Lehrer zun: Nachdenken und Studium aufforderuden Religionsbuches bedient und er hat, damit noch jüdische Geschichte und eine gedrängte Uebersicht über die jüdische Literatur verbindend, die erfreuliche Erfahrung gemacht, sein Verfahren dadurch vollkommen gerechtfertigt zu sehen, daß aus seiner Schule praktisch fromme, wie moralisch gute Israeliten hervorgegangen, die keine Fremdlinge in der Religionskunde geblieben sind. Wenn auch einige Eltern den unerfreulichen Antrag an ihn stellten, dem Zeremonialgesetze beim Religionsunterrichte wenig Berücksichtigung zu schenken, um nicht wegen ihrer unjüdiichea Küche und wegen ihrer öffentlichen Entweihung der Ruhe- und Festtage die Schule mit dem HauS in Kollision zu bringen: so mußten , ihre ungerechten Forderungen gebührend zurückgewiesen werden. Denn welch' gewissenhafter Neligionslehrer darf solchen Anforderungen Gehör geben? Das Zeremonialgesetz, so sehr man auch aus verschiedenen Rücksichten gegen dasselbe eingenommen ist, ist und bleibt ein wesentlicher Bestandtheil der mosaischen Religion; es ist für den, seine Ansprüche an das Leben müßigenden und au Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschung gewöhnten Israeliten, der am Gottesdienste Wohlgefallen findet, noch immer voll Geist und Leben, obwohl es von Tausenden, die ihrer Kurzsichtigkeit wegen bemitleidet zu '.werden verdienen, theils auS Bequemlichkeit, theils aus Neuernngssucht erstorben, für die Gegenwart nicht mehr geeignet, und darum als Herz- und geistlos verpönt und verschrieen wird! — Wenn daher der jetzige Religionsunterricht durch die fast gänzliche Ausschließung dieses wichtigen Bestandtheils der jüdischen Glaubenslehre auf eine dem Judenthume ganz entgegengesetzte Weise eingerichtet wird: so zeigt sich hierin theils tiefe Unkunde des Göttlichen, theils Vcrrath an dem Heiligsten. Wollte man ja sogar auch die hebräische Sprache*), dieses Gemeingut aller noch so fernen, zerstreut lebenden Israeliten ans dem Jugendunterrichte verbannen und die spärliche Bibelkunde auS Uebcrsetzungen, die oft nicht nur auf keine treue^Wiedergabe des Originals Ansprüche machen können, sondern sogar absichtlich zur Begründung ihrer heterodoxen Ansichten dem Worte eine abweichende, ganz verkehrte Deutung geben, schöpfen. Aber abgesehen davon, daß dem Israeliten die, wie man sich auszudrücken beliebt**), „unserem Anschauungskresie ganz lsremde hebräische Sprache", näher als die griechische und lateinische liegt, daß sie mit seinem Gottesdienste, ja sogar mit seinem ganzen Leben innig verwebt und verschmolzen ist, welche Gesetzeskunde kann ohne Kenntnis; des hebräischen Idioms wohl gewonnen werden? Ist ja das Forschen im Gesetze eine Hauplpslicht des Israeliten, eine Pflicht, die nicht hoch genug in Anschlag *) L. Geizer's wissensckastUchr ZMs.srist sür jüd. Theolo» g'k, dritter Dcind, S. 291. ") IdM. S. 7.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.