Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1860-10-24 · Heft 22 (24.10.1860) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
1 (1860)
Issue
Heft 22 (24.10.1860)
Date
1860-10-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2446952-2446974--00286-2455455
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

260 geklärte Israelit, der sich gewissenlos über die Glaumuß es uns erscheinen, wenn der größte Theil derbenslehre seiner Religion binwegsetzt! Und abgesehen , selben die Schärfe ihres Geistes und die Fülle ihrer davon, muffen wir doch immer anerkennen, daß ein höheres Wesen sichtbar die Schicksale Israels lenkt, ' daß er ganz besonders sein Augenmerk auf sein Volk gerichtet und es nach seiner Weisheit und seinem Willen leitet. So lange cs ihm nicht gefallen wird, das Herz der Negierungen und der Völker uns Huldreich zuzuwenden und die eisernen Thore der Uuduldsamkeit zu zersprengen: so lauge hilft uns all unser Ringen und Streben nach Gleichstellung nicht. „Denn wie Wasserbuche ist das Herz der Könige in i der Hand Gottes, nur wohin er es will, dort leitet - er es hin." (Spr. 2t, 1.) Wenn wir diese erzielen wollen: so muffen wir zuvörderst durch unbedingten Gehorsam, durch Befolgung aller seiner Gebote, wie! wir sie überkommen, der Liebe Gottes uns verge- , wiffern, müssen wir durch Thaten zu beweisen suchen, daß mir diese Gleichstellung verdienen, ferner zu Gott flehen, daß er uns die goldene Zeit herbeiführe, die uns mit ihren beglückenden Fittigen der allgemeinen Menschenliebe beschatte und dann endlich geduldig und vertrauungsvoll unser Loos abwarten, unser Schicksal, als von Gott zu unserer Wohlfahrt besonders geleitet, ihm allein anheimstellend. Jedes Vorgreifen der Zeit und jede eigenmächtige, auf eigener Kraft beruhende Hilfe führt durchaus nicht zum gewünschten Resultate. Doch geschieht von unserer Seite leider das Gegentheil und darum stoßen wir immer, wenn wir uns schon unserem Ziele nahe zu sein wähnen, auf neue Hindernisse, die unsere Petitionen und Bemühungen auf eine spätere, günstigere Zeit wieder hinausschieben und unsere Hoffnung ist abermals vereitelt! — Wohl ist es dankend anzuerkennen, und gewiß nicht hoch genug zu achten, daß das Judenthum seit neuerer Zeit in wissenschaftlicher Beziehung einen bedeutenden Umschwung genommen, daß fast jeder Jude ein gewisses Streben nach Bildung hat, um eine gebührende Stellung in der menschlichen Gesellschaft behaupten und um mit seinem christlichen Nebenbruder auf gleicher Stufe der Kultur stehen zu können. Wir haben gottlob anerkannte Gelehrte unter uns, die mit denen anderer Konfessionen rivalisiren können, die in allen Fachern des Wissens als Autoritäten sich klangvolle Namen erwarben. Aber schmerzlich Gelehrsamkeit, welche zur Verherrlichung und festern Begründung ihres Glaubens dienen sollten, gerade durch einen falschgeleiteten Geist zur Lockerung und theilweise zur Verhöhnung unserer heiligen Neligionsgebräuche anwendet; wenn Alles, was nicht durch die Strenge der Kritik sanktionirt wird, als ein unnützer Ballast über Bord in die Tiefe des Abgrundes geschleudert werde. Unsere modernen Brüder sprachen Zeremonien das Todesurtheil, in denen sie. als der Zeit nicht mehr entsprechend, keinen lebendigen Geist mehr wahrnehmen können, weil in ihnen selbst jeder religiöse Sinn erstorben ist. Sie erheben Zetergeschrei über unfern Gottesdienst, an dem sie sich nicht mehr erbauen können, weil sie zu wenig innere Religiosität besitzen, um von selbst durch eigene Anregung zur Andacht gestimmt zu werden, und bedürfen daher gewaltsamer, effektmachender, äußerer Mittel, die zum Theil, weil sie einem fremden Kultus entlehnt, iü jüdischen Synagogen ein komisches Ansehen haben. Der alte, echtjüdische Geist ist aus ihren Tempeln und Bethäusern gewichen und darum ist auch ihr ganzes Leben, weil der religiöse Einfluß, der dort gewonnen werden und das Gefühl heiligen soll, wie ein flüchtiger Schaum sich leicht in Nichts auftöset, kalt und trocken, von keinem Feuer der Religion erwärmt. Und um dieses wieder neu zu beleben, sollen Religiousschulen und Glaubenslehranstalten errichtet werden. Aber was wird in diesen gelehrt? Der Glaubeuszögling schöpft nicht mehr aus dem Vorne des ewigen Lebens seine religiöse Nahrung, er muß sich begnügen mit einer dürftigen, ihm gleich einem Patienten in kleinen Portionen dargereichten, künstlich gewürzten und systematisch zusammengesetzten Glaubensspeise, um ihn vor Uebersülluug zu bewahren. Von jeher war die Quelle des israelitischen Religionsunterrichtes die Bibel und der Talmud. Hier empfing das kindliche Gemüth seine wahre Weihe für's Leben, seine Heiligung für seinen Beruf als Glied in der menschlichen Gesellschaft und dann als Träger der Einheit und der wahren Anerkennung Gottes. So lange der jüdische Zögling an diesen Doppelbrüsten der göttlichen Weisheit sog, so lange war auch Glaubeuswürme und Glaubenseifer in Israel anzu treffen, lebte Jeder, kundig des gött-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.