Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1860-10-24 · Heft 22 (24.10.1860) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
1 (1860)
Issue
Heft 22 (24.10.1860)
Date
1860-10-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2446952-2446974--00288-2455457
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

262 gebracht werden kann und sogar in einem gewissen Sinne noch höher als die praktische Ausübung des Gesetzes steht! Hieße das nicht geflissentlich der Jugend die Quelle des göttlichen Wissens verschließen, um eine Generation heranznbilden, die, unkundig des göttlichen Wortes, desto leichter ihren Nesormbestrebungen und all ihren Aussprüchen insofern mehr Glauben schenken müßten, weil dann — was sie beabsichtigen — aus Unkenntniß der Religionsgirellen ihre Meinungen und Lehren nicht gehörig benrtheilt und geprüft werden könnten? Eine solche Zeit wäre dann die größte Unglncksperiode für Israel. Vir hätten dann, gegenüber einem ganzen Heere von resormsüchtigen Theologen, eine der hebräischen Litera-! tur ganz unkundige Volksmenge, wie sie in Israel nie vorhanden gewesen ist. Größere und n n h e i tvvllere Wunden könnten uns nicht geichlagen werden, als wir sie durch solche absichtlich vorbereitete Unkenntniß der Gottes-! lehre empfangen würden. Während unsere > Feinde zu verschiedenen Zeiten mit Feuer und Schwert ' gegen Israel gewürhet, aber zum größten Thril! nichts weiter vermochten, als unsre Väter zur Schlachti bank zn führen, wobei aber ihre heroi'che, mit dem lichten Kranze des Märtyrerthums geschmückten Seelen reiner nnd gelauterter znm Throne Gottes sich , emporschwangelt: ist man jetzt „ans lauter Pietät und! Anhänglichkeit an den Glauben unserer Väter" ans i unserer eigenen Mitte darauf bedacht, gerade umgekehrt, dem Körper alle behagliche Ruhe zu verschaffen, aber die unschuldige Seele ihres wahren Hmls, ihres Lebensneroes, ihrer Glückseligkeit zn berauben. Darin lag ja gerade der Vorzug des Judcuthums, daß cs keinen Klerus, keinen mit der heiligen Schrift ane'chließlrch betrauten Stand der Geistlichkeit aufkommen laß, während das Volk, die Lastn, vom , Worte Gottes ausgeschlossen bUiben mußten. Im Gegentheil, das ganze Volk mußte mit dem Gesetze ' sich beschäftigen, cs in allen seinen Theilen erforschen, um Knude vorn Göttlichen zn erlangen. „Tenn dies j ist ja," sagt der Gesetzgeber, „eure Weisheit und! eure Einsicht vor den Augen der Völker, welche Kunde erlangen von diesen Geboten und aus'prcchen werden: Nur ein weises und verständiges Volk muß diese große Nation sein!" Mos. 4, tt.) Wer kann es daher wagen, dem Religionsunterrichte solche enge Grenzen setzen zu wollen? O, über die Verkehrtheit unsere rfZeit, die solches Sinnes ist und solch' Sträfliches im Schilde führen kann! „Ein Geist des Wahnsinnes hat sie irre geführt, daß sie von ihrem Gotte abfielen." (Hos. 4, 12.) Und daß dieser allgemein verbreitete Lngengeift so leichten Glauben findet, und solch' großartige Wirkung Hervorbringen kann, darf uns nicht Wunder nehmen, wenn Gott selbst, wie es im 1. B. d. Kön. 22, 22. heißt, der Feind aller Lügen, zn jenem Geiste, der vermittelst einer im Munde aller Propheten verbreiteten, einstimmigen Lüge es übernehmen wollte, den König Acbab zu überreden, daß er zum Kampfe gegen Aram, ivo er seinen Untergang finden sollte, ziehe, sagte: „Nur dadurch wirst dn ihn überreden, gehe hin und tbne alw!" Und welchen Lohn hat jener Geist durch die absichtlich verbreitete Lüge davongetragen? Er wurde, wie der Talmud sagt, tzSabb. S. 1-19, 6.) aus der Nähe Gottes gebannt, ob'chon er glaubte, sich ein großes Verdienst erworben zu haben, weil er für Gott geeifert hatte!! — Indes; steht diese Richtung, die Jugend von der aus dem Original zu schöpfenden Religionsknnde ahznsverrcn, nicht einzig in der Geschichte des Judenthums da. Schon Achas, der jüdische König, hatte nach der Lehre unserer Weisen dasselbe Streben. Und wa-? tbat er? Er verschloß die Betnnd Lehrbänier, indem er wohlcrmägend daraus folgerte: „wenn die Jugend nicht mehr im Gesetze unterrichtet werde, dann könnte die Lehre auch unter den Erwachsenen nicht verbreitet werden, nnd wenn dicür unter den Letzten; mangelt, dann müßten die L..l,Müler ans Mangel an Schülern nnd Lehrern von selbst auilören, und wenn es keine Weisen in Israel gäbe, dann verschwände die Gotteslehre ans Israel nnd Gott müßte aMonn in Js'ael zu wchnen. (Midr. Rabber an vielen Stellen.) Aber was war die Folge davon? Täfer abgöttische König starb und die Lehre Gottes nahm unter fernem eigenen, ihn nach seinem Tode schändenden Sehne einen nie geahnten Aufschwung nnd fand eine allgemeine Verbreitung, wie fast nie zuvor! Ganz dasselbe läßt sich auch jetzt noch hoffen. Je mehr man daraus ausgcht, die Lehre Gottes ans dem Munde des Volkes durch mannigfach angeftrebte, die Grundseulen des Jndenthums erschütternde Neuerungen zn verdrängen: desto mehr könnte wieder in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.