Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- Heft 21 (17.10.1860)
- Date
- 1860-10-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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249 Freunde trösteten sich: Er darf noch nicht so, wie er will! Seine Gegner sagten: Er kann nicht so, wie er wohl will; wir aber glauben, Herr Adler will nur nicht so, wie er wohl kann. — Wir möchten ihn fragen: welches Heil hat uns das deutsche Gebet gebracht? Können Worte, die wir nicht vor uns haben, die ein Dritter uns vordeclamirt, aus die wir erst horchen und hinlauschen muffen, wohl Andacht in uns Hervorrufen. Bevor wir den Inhalt eines Satzes geistig verarbeitet haben, wird uns der folgende schon vorgelesen, Vieles verhallt in dem großen Gebäude; was dringt nun davon, an Herz und Seele? In seiner Antrittsrede versprach uns Herr Adler feierlich, in dem 6) ei sie Nom an ns fortzuwirken. Leuchtet der Geist Nomanns aber etwa aus den Neuerungen hervor, welche seitdem ins Leben getreten sind? .Man hat freilich behauptet, wenn Nomann am Leben geblieben wäre, Hütte auch er dem fortschreitenden Geiste der Zeit gewiß Zugeständnisse machen muffen; hätte er für die Dauer sich ihm gewiß nicht entziehen können und nicht entzogen. Thorheit das! Unsinn! Gerade d i e Jahre, in welchen Nomann als Rabbiner in Kassel >22 war, wo er der Strömung der Zeit sich muthig entgegcnwerfen mußte, waren für den Kampf weit gefährlicher als die Gegenwart. In den dreißiger Jahren waren die modernen Fanatiker Verfolger; Anno 1800 ist es nur noch das Bestreben der Welt, einen Groschen zu verdienen; und ihre zweite Sorge, sich einen guten Tag dafür zu machen; der Fanatismus ist nur noch in dem jüdisch-modernen Psaffenthum zu Hause. — Und laßt es uns doch einmal bei Lichte betrachten, was das angebliche Bedürfnis; neuer Gebete denn eigentlich darthut? Der Zeitgeist! die Civilisation.' der Fortschritt! Freilich, die Menschheit ist seit Jahrhunderten von Stufe zu Stufe in der Cultur vorwärts geschritten. Die Naturwissenschaften stehen heute auf einer erfreulichen Höhe; mit Windeseile durchfliegen wir den Naum, senden unsere Gedanken mit der Schnelligkeit des Blitzes in die Ferne; Naum und Zeit hat der Mensch sich dienstbar gemacht, tausend Erfindungen und Entdeckungen machen uns das Leben angenehm und bequem, tausende werden es noch uns verschönern! Aber die größere Kenntnis; der Natur, sollte sie nicht auch größere Liebe und Ehrfurcht vor dem Schöpfer in uns Hervorrufen? Wir wollen hier die Frage nicht erörtern, ob es wirklich unser Glück ausmacht, wie schnell wir eine Nachricht erhalten, oder viel' mehr, welche Nachricht wir erhalten, — es hat ja Alles seine Licht- und Schattenseiten! — Es kann uns ferner gleichgiltig sein, zu »wissen, wer glücklicher sich fühlte, unsere Vorfahren, welche jene Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten des Lebens gar nicht kannten; oder wir, die wir sie schon längst gewohnt sind, und schon immer nach neuen dürsten? Aber d i e Frage gehört vor unser Forum: Wenn der Standpunkt der Naturwissenschaften ein anderer ist als ehedem, ist dann auch die menschliche Natur eine andere geworden? Ist etwa unser Körper weniger gegen äußere Eindrücke empfindlich, ist jetzt unsere Gesundheit weniger Störungen ansgesetzt als früher? Zeigt unsere Seele weniger Empfänglichkeit für Gram und Sorge, Furcht und Hoffnung? Haben wir nicht mehr nöthig, gegen unsre Leidenschaften zu kämpfen? Ist unser jetziges Geschlecht ganz frei von Haß und Zorn, von Sinnlichkeit und tllachsucht? Wenn wir aber diese Fragen verneinen müssen, wenn wir zugeben müssen, daß unsre Natrrc , noch so, wie vor Jahrtausenden, beschaffen ist, dann - — wir wiederholen es — dann glauben wir auch, ' daß die MX diese Natur und ihre Bedürfnisse mindestens eben so genau gekannt haben, wie die Herren Holdheim, Geiger, Stein, Herxheimer, Salomon und alle die hochberühmten Männer der Gegenwart und daß sie es mindestens eben so gut verstanden haben, die von ihnen angeordneten Gebete der menschlichen Natur anzupassen, wie jene hochweisen Reformer. Darum auch können wir nicht die Hoffnung uns rauben lassen, daß Herr Landrabbiner Adler, — wenn wir leider auch nicht erwarten dürfen, daß er die bereits eingesührten deutschen Gebete wieder aus der Synagoge verbannen — es doch wenigstens bei drn vorhandenen sein Bewenden lassen werde, und daß anderen resormgelüstigen Rabbinern und Predigern es die Gemeinden nicht gestatten, das Heiligthnm des altehrwürdigen Gottesdienstes anzutasien. Wenn unsere es allein war, die es vermochte, die fortlaufende Gegenwart seit Jahrtausenden an unsre Vergangenheit zu fesseln und mit unserer Zukunft zu verbinden, so bemühen sich die Gebetbücher kur Nesormer, das Andenken an die