Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1860-09-27 · Heft 18 (27.9.1860) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
1 (1860)
Issue
Heft 18 (27.9.1860)
Date
1860-09-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2446952-2446971--00238-2455404
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sich festgesetzt hat, kann dieses Verfahren erklären; kann erklären, wie man lieber eine Absurdität annehmen, als sich entschließen will, da, wo das uns Erkennbare nicht ausreicht zur Erklärung, sich zu einer Ursache zu erheben, welche über dem liegt, was der Mensch zu erkennen vermag. Die Wissenschaft hat keine Antwort auf die vorhin gestellten Fragen; sie berühren eine Grenze, welche menschliche Forschung nimmer überschreiten wird. Hier endet die Wissenschaft, hier beginnt die Religion, sie allein hat eine Antwort auf jene Fragen, indem sie uns den Glauben lehrt an Gott; den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erden! Und nun noch einen Blick auf das höchste Naturwesen, auf den Menschen, der, mitten im Reiche der Wunder, welche ihn umgeben, sich selbst das wunderbarste Näthsel ist nnd bleiben muß, wenn nicht des Näthsels Lösung außer ihm und über ihm zu finden ist. Der Mensch ist Naturwesen, und selbst die höchste seiner Kraftäußerungen, seine Seelenthätigkeit, ist an den Stoff in ihm und an dessen Umwandlungen gebunden. Aber ist es darum der Stoff, welcher in ihm denkt? Ist es der Stoff, aus welchem die in der Menschheit lebenden sittlichen Ideen hervorgegangen sind? Man hat leugnen wollen, daß diese sittlichen Ideen dem Menschen eingeboren, man hat sie als ein Erzeugniß der Kultur in nicht minder unklarer Weise ansehen wollen, wie das organische Leben als ein Resultat physischer und chemischer Actionen. Man bezieht sich darauf, daß einigen der rohesten Völker, daß unvollkommen organisirten Individuen, etwa ohne Unterricht ausgewachsenen Taubstummen, die sittlichen Ideen fehlen, als ob der wahre Mensch da zu suchen sei, wo auf der Staffel der lebendigen Wesen der Mensch an das Thier grenzt. Zugegeben mag werden, daß die Annahme dem einzelnen Menschen eingeborner Ideen nicht statthast sei. Gewiß aber hat auch kein einzelner Mensch sie erfunden; sie leben, als ein gemeinsamer Besitz, in der gesammten Menschheit; ihr als einem Ganzen sind sie in wunderbarer Weise eingeboren, überall mächtig wirksam in den Kulturvölkern aller Zeiten. Die Kultur schafft nicht, sie entwickelt'nur vorhandene Keime! So nimmt der Einzelne in dem Maße an den sittlichen Ideen Theil, als er zum Menschen unter Menschen, unter sittlich entwickelten Menschen, herangebildet wird. Zu diesen Ideen gehört die Gottesidee. Indem sie von einem der kühnsten Stimmführer des Materialismus als ein menschlicher Jrrthum, die Vorstellung von Gott und göttlichem Wesen als ein Anthropomorphismus hingestellt wird, weiß doch derselbe Philosoph den Ursprung dieses Anthropomorphismus nur in dem Abhängigkeitsgefühl zu suchen, das , wie er selbst gesteht, der menschlichen Natur innewohnt. So schlägt die Macht der lebendigen Wahrheit die Verstandesspiele nieder, denn eben dieses Abhängigkeitsgefühl, es ist ja das Gefühl des Verbandes der Menschennatur mit einem über ihr Liegenden; es ist das Zeugniß, daß über der menschlichen eine höhere geistige Kraft ist, der wir in Demuth uns zu beugen haben; es ist die Quelle aller Religion! Weit entfernt, daß dieser Gedanke, der höchste des Menschengeistes, das Gebiet der Forschung beschränken sollte, zeigt er ihr nur das würdigste Ziel. Der Geist des Menschen hat das Recht, hat die Aufgabe, nach seiner Quelle mit seinen Fragen hinzudringen. Nur darf dem Muthe, welcher dabei uns beseelen muß, die klare Würdigung des Maßes der uns verliehenen Kraft, die Anerkennung der Grenzen nicht fehlen, welche unserm Geiste und seinen Forschungsweisen gesteckt sind. Wo menschliche Erkenntniß ihre Grenzen findet, wo die dunkle Kluft sich öffnet, an die wir so oft bei unfern Forschungen gelangen, da ist noch nicht das Ende, da darf der Glaube muthig seine Schwingen ausbreiten und uns in die Gebiete tragen, welche dem Wissen unzugänglich sind. Wohl dürfen wir beim Blicke in die Zukunft hoffen, näher und näher der Wahrheit zu kommen, deren Erforschung wir unser Leben weihen; aber kein Sterblicher wird je die volle Wahrheit schauen, die Wahrheit, in welcher Wissen und Glauben eins sind! Für uns sind sie getrennt, doch nicht nothwendig feindlich; die Forschung kann nimmer ein Hinderniß sein, das Wissen und Glauben versöhnt in Herz und Haupt beisammen wohnen, wenn nur der Glaube kein blindes Für wahrhaften*), wenn nur das Wissen kein übermüthiges Meinen ist!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.