Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- Heft 17 (20.9.1860)
- Date
- 1860-09-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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205 Sprichwörter und Redensarten deutsch -jüdischer Vorzeit, als Beitrag zur Volks-, Sprach- und Sprichwörter-Kunde ausgezeichnet aus dem Munde des Volkes und nach Wort und Sinn erläutert von Abraham Tendlau. Frankfurt a. M. 1860. den Gassen predigt." Ein in der That viel versprechender Titel, der einige Aufmerksamkeit wohl verdient; er verdient um so mehr unsere Aufmerksamkeit, da er in keinem Zusammenhänge mit dem Buche steht, welchem er vom Verfasser gegeben ist. Bevor wir jedoch diese Thalsache Nachweisen, wollen wir erst fragen, was denn eigentlich den Verfasser bewogen haben kann, dieses Buch zu schreiben. Die Antwort scheint der Verfasser in folgenden Zeilen der Vorrede zu geben: auch wir wünschen von Herzen, daß alle Mauscheleien, wo sie noch zu finden, immer mehr und mehr aus Sprache und Leben schwinden mögen; aber abgesehen davon, daß es gut ist, wenn auch der Schichte des Volkes, die noch auf dem Standpunkte der dahingeschwundenen Zeiten steht, ihr Denken und Fühlen zum Bewußtsein gebracht - werde — soll deßhalb alles Kräftige und Treffende, was vom Volke seit Jahrhunderten nicht nur in Deutschland, sondern in allen jüdischen Gemeinden, die daher stammen, in dieser Mundart gedichtet und gesprochen worden ist, vergessen werden?" Wir fragen hingegen: 1) Sollen Diejenigen, die noch auf dem Standpunkte der dahingeschwundenen Zeilen stehen, aus dem genannten Werke lernen, was lau Korn, Horn larnv, 088or eie. heißt, oder sollte nicht vielmehr der Verfasser von jenen, die Erklärung solcher Wörter lernen, um dieselbe in gehöriger Kürze geben zu können? 2) Wo liegt das Kräftige und Treffende, das der Verfasser der Vergessenheit zu entreißen so eifrig bemüht ist? Wir vermissen es in den vorliegenden Redensarten und sogenannten Sprichwörtern des erwähnten Werkes. Der Verfasser hat aber nun einmal schreiben wollen; wir wollen sehen, ob und wie er das gibt, was er hat geben wollen. fSein Wille muß übrigens sehr gut gewesen sein,' da Herr vr. Jost in der Encycl. von Ersch und Gruber schon im Voraus auf dieses Werk aufmerksam machte, wofür der Verfasser Herrn vr. Jost noch besonderen Dank schuldig zu sein glaubt.^ An der Spitze des Titels stehen die Sprichwörter; der Leser dürste mit Recht erwarten, daß der größere Theil des Werkes-über Sprichwörter handeln werde. Die Zeit ist zu kostbar, als daß wir auf eine genaue Zählung, und Berechnung eingehen könnten; wir thun aber sicherlich weder dem Verfasser noch dem Werke Unrecht, wenn wirdas Verhältniß der Sprichwörter zum . ganzen Buche auf 50/0 ansetzen. Von diesen Sprichwörtern sind wenige oder vielleicht gar keine jüdisch-deutsch, sondern entweder biblisch und talmudisch oder deutsch. Wir verstehen unter jüdisch-deutschen Sprichwörtern nur solche-, die auf jüdischem Boden in dieser Mundart entstanden sind; ferner die aus andern Sprachen entnommenen Sprichwörter, wenn mit der Uebertragung in die jüdisch-deutsche Mundart zugleich auch das jüdische Weien seinen Ausdruck gefunden hat. Dasselbe gilt von den jüdisch-deutschen Redensarten. Oder kann etwa eine Sammlung von Redensarten, die aus einer beliebigen Sprache mit Hilfe des Lexicons in die Sprache eines andern Volkes wörtlich übertragen sind, auch nur das Geringste zur Kunde dieses Volkes beitragen? Schwerlich würde es wohl Jemand zu Stande, bringen, aus dem genannten.Werke auch nur einen Charakterzug des jüdisch-deutschen Volkes zu zeichnen. — Das Werk soll ferner einen Beitrag zur Sprachkunde liefern. Wir wollen dem Sprachforscher eine Probe geben: 96. Mole kreis: — Kreis, Fehler, einen Zirkel machen. Ebenso könnte man es, — worauf uns Herr vr. I. Auerbach aufmerksam machte — für das talmudisch e garas (xiroa clejankutba, 3. V.) lesen, studiren, verwandt mit dem griechischen rufen, reden, garrio, schwatzen, also ein falsches Lesen, eine falsche Lesearl." Neben der einigermaßen wahrscheinlichen Verbindung von „lainen" mit der Redensart wird angeführt „in leigen" — in der Laiensprache."!! Die Sprichwörterkunde ist schon jwegen der geringen Zahl sehr dürftig; die zur Vergleichung angeführten Sprichwörter sind jedoch geeignet, zuweilen das Interesse des Lesers zu erregen wegen — der sonderbaren Zusammenstellung. Wir wollen nur einige Beispiele geben: 559. Aus Kindern werden Leut'." „Unkraut wächst."