Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- Heft 17 (20.9.1860)
- Date
- 1860-09-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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suchung gefunden hat, so prüft er zunächst ihre Anwendbarkeit und sucht, wo er sie anwendbar findet, die Grenzen ihrer Schärfe zu bestimmen. Nur indem er diese genau kennt, wird die Methode ein sicheres Hebzeug in seiner Hand , mit dem er neue Schätze des Wissens zu Tage fördern kann. Ganz ebenso muß die gesammte Wissenschaft verfahren; auch sie muß ihre , Grenzen suchen, sich bewußt zu werden suchen über das, was sie entscheiden kann, was nicht. Diese Grenzen mögest der Erweiterung fähig sein, ja sie sind es gewiß. Die Chemie hat heute ändere Grenzeist äks sie vor hundert Jahren hatte; und die Chemie eines künftigen Jahrhstnderts wird ohne Zweifel in Gebiete eingedrungen sein, die heute außerhalb unseres Gesichtskreises liegen. Aber eine Grenze kann nnd darf die Naturwissenschaft ihrem Wesen nach doch nicht überschreiten — ich meine die Grenze, über welche hinaus keine sinnliche Erfahrung und kein auf sinnliche Erfahrung gegründeter Schluß möglich ist. 1 Was wir sehen, fühlen, kurz was wir sinnlich wahrnehmen, das ist. Das Vertrauen auf das Zeugniß unserer Sinne, der Glaube an die Wirklichkeit dessen, was wir sinnlich wahrnehmen, bildet den festen Boden der Naturforschung. Es ist ein Glaube! Wir haben keinen andern Grund für ihn als die Uebereinstimmung Vieler, die ihn mit uns theilen, mit uns gleiche sinnliche Erfahrungen machen. Es hat bekanntlich nicht an Denkern gefehlt, welche dieses Fundament der Naturwissenschaft zu erschüttern suchten durch die Betrachtung, daß wir nicht die Dinge an sich sinnlich wahrnehmen, sondern nur ihre Wirkung auf uns. IN dieser Betrachtung liegt eine unabweisbare Wahrheit; wir können in der That unseren sinnlichen Erfahrungen nur insoweit Realität zugestehen, als sie einen bestimmten Reflex in stnsheroorbringen. Ich will durch ein Beispiel mich deutlich zu machen suchen. Die Welt der Töne und die Welt der Farben, sie sind in einem gewissen Sinne nichts Wirkliches, sie leben als solche nur in unserer Seele. An sich sind Schall und Licht nur Wellenbewegungen, Schwingungen der Lust, des Aethers. Fehlte uns das Gehörorgan, und wäre dagegen unser Auge so eingerichtet, daß es die Schwingungen der Lust, welche den Ton in unserm Ohre erzeugen, zu sehen vermöchte, so würden wir uns von einem stummen, aber fortwährend von schwingenden Bewegungen durchzitterten Luftmeer umgeben sehen. Durch das Ohr werden der Menschenseele diese Wellenbewegungen zu Tönen; döS Aethers wunderbar schnelle Schwingungen kommen uns durch das Auge als Licht und Farbenschönheit zum Bewußtsein! Unser Ohr hört, unser Auge sieht, indem es von Schwingungen verschiedener Art getroffen wird. Wie nahe liegt da der Gedanke, daß Näturwirkungen und Kräfte existiren können, von denen wir keine Ahnung haben, weil uns die Sinne für sie fehlen. Wäre die uns umgebende Luft ein vollkommener Leiter der Elektrizität, so würden wir die Elektrizität wahrscheinlich gar nicht kennen; denn wir haben kein Organ für ihre Wahrnehmung in den Leitern, wenn diese nicht isolirt sind. Was wir sehen, fühlen, kurz was wir sinnlich wahrnehmen, das ist — so müssen wir glauben! Soll aber, was wir nicht sehen, nicht fühlen, kurz nicht sinnlich wahrnehmen, darum, auch nicht sein? Die Frage bedarf der Antwort nicht! Wenn die Naturwissenschaft gewisse mechanische und chemische Kräfte kennt, d. h. wenn sie im Stande ist, eine Anzahl von Naturerscheinungendurch die Annahme gewisser einfacher wirkender Ursachen zu erklären (denn Kraft ist ja eben nur die an sich unbekannte Ursache einer Erscheinung), so hat sie die volle Berechtigung zu versuchen, wie weit dieselben Ursachen hinreichen mögen, die Erscheinungen im lebendigen Organismus (welchen schon das Gefühl der Vorfahren dem Mechanismus und Chemismus der unbelebten Welt gegenüberstellte) zu erklären. Es ist die erste Regel der Naturforschung, nicht mehr Ursachen zur Erklärung der Erscheinungen anzunehmen, als dazu nöthig sind.. Wenn um nur ein Beispiel anzuführen — der Verdauungsproceß. sich als ein chemischer Vorgang erklären läßt, so bedarf es nicht der Annahme, daß er eine von der Lebenskraft hervorgebrachte eigentümliche Wirkung sei. Aber ebenso notwendig fordert die naturwissenschaftliche Methode die Annahme, daß Wirkungen, welche sich aus einer Ursache offenbar nicht erklären lassen, durch, andere hervorgebracht sein müssen. Zögernd nur soll die Wissenschaft neue Kräfte annehmen. Sie soll zweifeln, so lange sie dazu Grund findet; denn der Zweifel ist der Wahrheit treuester Freund, und