Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 31 (26.11.1920)
- Date
- 1920-11-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Kr. 81 brochen. daß diejenigen, welche in nimmermüder Arbeit allerorten die Gelder für den JNF. aufbringen, auch in erster Linie berufen seien, über deren Verwendung ein mities türmendes Wort zu sprechen. Denn wenn auch dem JNF. sein, Zweck klar vorgeschrieben ist, so läßt er doch •in doppelter Hinsicht die Frage offen, auf welchem Wege seine Mittel diesem Endzwecke zugeführt werden sollen Einerseits muß entschieden werden, mit welchen Methoden der JNF den Bodenerwe.rb in. Palästina durchzuführeii hat, und welche Prinzipien seine Einrichtungen zu beherrschen haben und anderseits mußte sich den Spendern die Erwägung aufdrängen, daß bei unseren zerrütteten Valutaverhältnissen jede Geldtransaktion an und für sich schon Gewinn und Verlust für den Sammelzweck enthält. Diese Erkenntnis wurde aber bis jetzt als geheimnisvolles Mysterium behandelt von dem nur besonders bevorzugte Zionisten Kenntnis haben sollten. Ebenso galt bisher als „Rührmichnichtan“ — wenigstens für NF-Konferenzen — die sogenannte Palästinapolitik. Dieser Standpunkt hatte auch einige Berechtigung— insofeme, als bisher ein Großteil der Vertrauensleute und Kommissäre des JNF theoretisch nicht allzu sehr dafür vorbereitet gewesen waren, erfolgreich an einer Palästinadebatte teilzunehmen. In der letzten Zeit hat sich aber da sehr viel geändert und die Reichskonferenz hat durch die abgeführts Debatte ihre Reife bewiesen. Ein Beispiel für viele: Die Herren Benjamin Doll und Hans K a n d 1 stellten sich auf den Standpunkt, es sei unsinnig, das billige österreichische Geld als Valuta in das Ausland zu überweisen und dann für teueres englisches Geld in Palästina die für die Bodenwirtschaft des'JNF unentbehrlichen Materialien zu hohen Preisen zu erwerben. Dasselbe gälte , natürlich auch für die anderen Länder mit schlechter Valuta. Unter lebhaftem Beifall der. Konferenz stellten sie eine Reihe .recht weitgehender Anträge, um die Geld-Wirtschaft des JNF. für die Zukunft in diesem Sinne zu beeinflussen. Sie forderten zum Beispiel, daß von nun an nicht nur die Einnaiimen mid di« Ausgaben des NF-Bureaus, sondern auch die Verwendung der Gelder der weitesten Oeffentlichkeit bekanntgegeben werden müsse. Die zweite Aufgabe, die bisher allzu sehr vernachlässigt wurde und deren Testlose Erfüllung die Reichskonferenz verlangte, war die Propaganda der Nationalfondsidee. Bisher galt die Propaganda in erster Linie den Sammlungen von Geldern für Palästina.. In Hinkunft soll dieses, Verhältnis derart geändert werden, daß umgekehrt das Sammeln von Geldern auch als ein Mittel zur Propaganda für die Zionsidee betrachtet werden müsse. ■ - ' Auch dies ist ein Fortschritt Es -wurde mit aller Bestimmtheit von der neuen Leitung verlangt. daß sie alles aufzubieten habe, um in den nicht zionistischen Kreisen für unsere u npolitische' Idee zu werben. Der JNF, der vollständig unabhängig von jeder Landespolitik ist, hat über alle Gegensätze hinaus die leichteste Möglichkeit die Sympathie von Nichtzionisten für Palästina in Anspruch zu nehmen. Und diese seine Werbetätigkeit kann dann in weiterer Folge wieder das Anschwellcn der Palästinabegeisterung und damit .eine neue zionistische Welle zur Folge haben. Wir müssen klar und deutlich zum Ausdruck bringen, daß der Aufbau des Judentums in Palästina ein Werk sei, an dem die ganze Judenh e i t — ohne Unterschied ihrer religiösen und politischen Anschauungen — mitarbeiten dürre, könne und müsse. Für uns besteht die Lösung oer Judenfrage in der Errichtung eines jüdischen Gemeinwesens .auf nationalem Boden in Palästina — wer daran mitarbeiten will, muß uns willkommen sein. , V- ’ Leider litten die Verhandlungen der Konferenz sehr an der Teilnahmslosigkeit der führenden Zionisten. Immerhin können wir mit dieser Konferenz zufrieden sein. Die Scheu, ungewohnte Wege zu gehen, die Angst, irgend etwas euren den JNF tun zu lassen, was nicht durch die Tradition geheiligt sei. ist radikal verschwunden und der JNF ist in Oesterreich darandie Jugend lur sich zu gewinnen. , ,r ... . . Wohlfganz W e i s 1. * i Adolf Böhm referierte über -die Aufgaben des Nationalfonds in Palästina. Auf der Londoner Konferenz ist zum erstenmal eine Debatte über die zionistische Bodenpolitik in Palästina geführt worden. Die Beschlüsse sind bekannt Das Prinzip, daß die iüdische Kolonisation nur aui Boden des JNF erfolgen solle, ist naclidrücklichst proklamiert worden. Es ist gelungen, diejenigen Delegierten, welche das Privatkapital ohne jede Einschränkung zum Bodenkauf ermutigen wollten, und die wahrscheinlich di_e_Majorität erlangt hätten, dahin zu bringen, daß sie beantragten, den Bodenkauf durch Private nur dann zii unterstütze«, wenn sich die Käufer den Bedingungen des JNF unterwerfen. Dies war ein großer, moralischer Erfolg des JNF- Prinzios. Die linke Seite will das nicht Zusehen, weil ihr Antrag, daß nur dem JNF in Palästina Boden zu kaufen erlaubt sein solL abgelelmt wurde und sie werfeo.es den Ved£idigem des JNF. auch dem Redner vor, daß sie nicht für diesen Antrag gestimmt hätten. Das war aber unmöglich, weil dieser Antrag ein verfehlter war. Die zionistische Organisation kann schon aus politischen Gründen es gar nicht verlangen, und wenn sie es verlangt, würde die streng demokratische, englische Administration es'nie bewilligen, daß die Juden in Palästina unter ein minderes Recht gestellt würden, wie Christen und Araber, die Boden kaufen dürfen. Redner ■ gab zu, daß er selbst es als eine Niederlage des JNF- Prinzipes angesehen habe, daß sein Antrag, wonach die zionistischen Institute ausschließlich“ nur an solche Siedler Kredit geben, die sich den Prinzipien des JNF unterwerfen, verwässert wurde, indem an Stelle des Wortes „ausschließlich“ -die Worte „in erster Reihe“ gesetzt wurden. Aber es gehe nicht an, zu behaupten, es sei deshalb in London gar nichts erreicht worden, wie dies die linken Fraktionen behaupten. Es ist in London sehr viel, aber noch nicht alles durchgesetzt worden und es sei töricht, einen Sieg, weil er micht vollständig war. selbst als eine Niederlage zu bezeichnen. Es gelte eben, weiter zu kämpfen, bis das NF-Prinzip voll .durchgesetzt ist. Die linken Parteien wareji auch der unrichtigen Meinung, daß alles von den Beschlüssen der Konferenz abhänge. Redner hat dem gegenüber darauf hingewiesen, daß vom zionistischen Aktionskomitee Einfluß darauf genommen worden ist, .daß die neuen Landesgesetze der Administration den bodenreformerisclien Prinzipien entsprechen. Hier ist, wie die jüngst publizierten Bestimmungen dei Administration Palästinas beweisen, ein voller Erfolg erzelt worden. Schon durch sie allein ist jede Bodenspekulation, wie die Bildung von Großgrundbesitz ausgeschlossen. Referent erörtert eingehend die Frage der Sicherung der jüdischen Arbeit. Es genügt nicht, wenn der Boden im nationalen Besitz ist auch die Arbeit muß jüdisch sein. Die Zeitpjig des JNF hat deshalb schon vor dem Kriege Arbeiterfürsorge betrieben. Redner erörtert die verschiedenen Vorschläge, die bezüglich der zu wählenden Kolonisationsformen gemacht woiden sind. Nicht nur am Landeauch in den Städten wird der JNF Bodenpolitik betreiben. De Fieme hat erklärt, daß mit geringen Mitteln sehr wirksame Maßnahmen gegen die städtische Bodenspekulation getroffen werden können. Wenn man das noch billige Gelände in der Peripherie der Stadt besitzt, so kann man erzielen, daß die Bodenpreise -sich niedrig halten. In London ist der wichtige Beschluß gefaßt worden, daß der NF auch die K o s t e n der Okkupationder Böden bis zur. Urbarmachung tragen soll- Diese Kosten müssen unbedingt von einer nationalen Stelle übernommen werden, da sonst die Siedler nie zur Rentabilität ihrer Wirtschaften kommen würden. Eine neue Institution dafür könne nicht geschaffen werden, da sie nicht imstande wäre, für einen solchen Zweck Spenden zu erlangen. Der JNF kann seine wahre Funktion nur dann erfüllen und seine Popularität erhalten, wenn e.r den Siedlern an b a ur e i c h e n B_o d e n übergibt. Aus den weiteren'Ausführungen des Referenten heben wir nur hervor, daß er eindringlich darauf aufmerksam machte, daß es wichtiger als alle Beschlüsse und Verordnungen, ist, den NF praktisch zu einem bedeutenden Faktor am Bodenmarkt zu machen. Dazu gehören große Mittel und deshalb heiße es immer wieder, die Werbe- ■ arbeit zu steigern. Man kann aber von den NF- Kommissären nicht verlangen, als bloße Sammler zu fungieren, sie müßten auch instand gesetzt werden, mit den NF-Problemen und der_Arbeit in Palästina sich vertraut zu machen, um einen inneren. lebendigen Anteil an der Tätigkeit dös NF zu nehmen. Die neue Leitung müsse für Informationskurse Sorge tragen. Zum Schluß beantragt Referent eine Resolution, welche die Erwartung ausspricht, daß die Exekution alles daran setzen wird, um die Prinzipien des JNF bei dem Aufbau Palästinas d ur ch zu se t ze n. Die erste Tagung der italienischen Zionisten Die italienische zionistische Föderation wurde bis jetzt von einem Ausschuß geleitet, der sich 1910 in Bologna gebildet hat. Da seitdem um diesen Ausschuß herum etliche Kräfte sich ges-am- melt. haben, wurde die Notwendigkeit einer wirklichen Organisation immer stärker empfunden. Es wurde deshalb aujjden 17. Oktober nach Triest der erste zionistische Delegiertentag einberufen, auf* dem über 2000 Schekelzahler vertreten waren. Es bildeten sich schnell zwei Parteien entsprechend ^.den beiden Strömungen, die im italienischen Zionismus vorhanden sind. Das waren einerseits diejenigen, die dem Zionismus mehr einen geschäftlich-philanthropischen Charakter geben wollen; an sie schließen sich solche an* die in die Organisation nur mangels eines anderen jüdische»! Zentrums in Italien eingetreten sind; und endlich solche, die übrigens den Zionismus nur dazu brauchen, um eventuell der italienischen Regierung Dienste zu ’ erweisen. Das Programm .dieser Partei ist, der Organisation möglichst lokal-italienischen Charakter zu verleihen, den Zionismus seines geistigen Gehalts zu berauben und ihn der Denkweise des halbassimilierten italienischen Durchschnitts] uden an-, zupassen, und somit die Föderation zu einer weiten 'allgemein-jüdischen Partei umzuiormen. Die andere Partei hingegen, die sich der erneuernden Be-, deutung des Zionismus bewußt ist, ist nicht geneigt am sein Wesen zu verzichten nur um der Oualität willen, und zieht es vor, lieber , die Organisation etwas kleiner, aber innerlich stärker zu gestalten und den Anschluß an der Weltbewegung zu finden. - ■ Diese Gegensätze sind nun auf dem Delegiertentage mit aller Schärfe hervorgetreten, und es waren zeitweise so starke Zusammenstöße iu verzeichnen, daß Zweifel entstanden an der Möglichkeit, die Einheit der Organisation zu bewahren. Endlich ist man aber doch zu einem Kompromiß gelangt, ind&n der neue Ausschuß aus je fünf Mitgliedern der beiden Gruppen gebildet wurde, außer dem Vorsitzenden Rechtsanwalt Felice Ravenna. der den radikalen Zionistenängehört. Der frühere Sekretär, Robbinefr Dante L a t te s, wurde in seinem Amte bestätigt. Der Bericht, den-Lattes-über die zweijährige Sekretariatstätigkeit erstattet hat, bewies, daß eine große Arbeit unter teilweise recht ungünstigen Verhältnissen geleistet wurde, was speziell .Propaganda, Aufklärung, Organisierung der zionistischen Kräfte und Hilfstätigkeit zugunsten der Kriegsgefangenen, Flüchtlinge und Palästina-Emigranten anbetrifft. In Italien, wo noch vor zwei Jahren selbst das Wort „Zionismus“ fremd klang, und kein Schekel bezahlt wurde, gibt es jetzt in jeder größeren Stadt Gruppen von Gesinnungsgenossen und Nationalfondskommissionen (die in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres etwa .100.000 Lire gesammelt haben). Ausgedehnte Aufklärungsarbeit wurde durch Bücher, Broschüren, durch die Wochenschrift „Israel“ und zum Teil auch durch die allgemeine italienische Presse geführt Ein gutes Stück Arbeit wurde auch vom Palästinaamt in Triest geleistet (von dem Giuseppe Fane berichtete}, das 1920 über 3000 Chaluzim nach Palästina befördert hat, wozu die Triestiner Juden etwa 65.000 Lire beigesteuert haben. , , ’ , Der Delegiertentag wurde ohne besondere Begeisterung geschlossen, da. allgemein bezweifelt wird, ob die gemeinsame Arbeit so heterogener Elemente wirklich möglich wird, die nächste Zukunft wird es zeigen, ob es, auch vom rein praktisch-finanziellen Standpunkte aus, nicht besser gewesen wäre, den „Mitläufern“ den Eingang in die Organisation etwas schwerer zu machen. ' (Jüdische Rundschau.) Palästina Das mohammedanische Schulwesen in Palästina. Z. K. In der Sitzung des Advisery Council (Regierungsbeirat) vom 6. Oktober berichtete der Leiter des Erziehungsdepartements bei der palästinensischen Regierung, Herr Lig, über das Erziehungswesen in Palästina. Es wurde darüber ein amtlicher Bericht ausgegeben, der in folgendem wiedergegeebn ist, da es notwendig erscheint, daß sich die jüdischen Kreise auch mit den Verhältnissen der palästinensischen Araber bekannt machen. „Die britische Militärverwaltung übernalim die ■ bestehenden arabischen Schulen und leitete sie im bisherigen Geiste weiter. Sie bemühte sich nur, Sie Unterrichtssysteme zu bessern. Die Schulen und die Schüler sind muselmännisch. Die Juden sowie die Christen haben eigene Schulen, obwohl sie dem Gesetze nach die Re-: gferüngsschuleirbesnchcn,'durften. Es-, existieren: zurzeit ln Palästina 123 Schulen, die sämtlich von öffentlichen Geldern erhalten werden. Die Schulleiter müssen der .Regierung wöchentli che Berichte erstatten und sich in allen Schulangelegenheiten mit dem Regierungskommissar beraten. Die Budgets werden von der Regierung ausgearbeitet,' die Lehrer bekommen ihr Gehalt von der Staatskasse. Außer diesen 123 bestehen noch 53 Dorfschule^ die von der Regierung jährlich mit 30 englischen Pfund subventioniert werden, falls sie -die gleiche Summe im, Dorf selbst aufbringen können. Das Schulbudget beträgt 54.000 Pfund, wovon 34000 Pfund für die 123 Schulen ausgegeben werden. ln Jerusalem existieren ein Lehrer- und ein Lehrerinnenseminar. Die Schüler bzw. Schülerinnen leben in Internaten. Die Mädchenschulen stießen zunächst auf Schwierigkeiten, doch funktionieren jetzt die Schulen gut. Die Zahl der Schulkinder beträgt zirka 11.000; im Lande sind jedoch-zirka 111.000 Kinder im Schulkinderalter vorhanden. Juden und Christen -sind dabei nicht mitgezählt (In den jüdischen Schulen werden zirka 16.000 Kinder unterrichtet.) In den Dörfern kann man keine weiteren Schulen gründen, d!a dort kein passendes Gebäude zu finden ist. Zunächst muß für Bauten gesorgt werden. Der Bau einer Dorfschule kostet zirka 400 bis 700 Pfund, Möblierung zirka 125 Pfund. Es sind zirka 160.000 Pfund erforderlich, um das ganze Land mit Schulen zu versorgen. Das Budget einer Dorfschule beträgt zirka 250 Pfund jährlich. Wichtiger als die Geldfrage ist der Lehrerfrage. Man müsse vor allem Lehrerseminare gründen. Der Berichterstatter bespricht dann die Frage der technischen und landwirtschaftlichen Ausbildung und geht zu den Mittelschulen über. Es gibt in Palästina keine Mittelschulen außer den jüdischen. Das Bedürfnis danach sei aber sehr groß. Der Bericht berührt das Verhältnis der Regierung zu den privaten Schulen (zu denen die jüdischen und christlichen zu zählen sind) und bemerkt dazu, daß auch sie von der R egierung unterstützt werden müßten, da die Eltern Steuern zahlen. Es ginge nicht an,; die Steuern nur für arabische Schulen zu ver- ’ wenden.“ Hiezu seien einige Ziffern vergleichsweise angezogen, die die bisherige Tätigkeit der zionistischen Leitung beleuchten sollen, nl'der -zweiten Londoner Periode vom 1. März 1919 bis Ende Mai 1920 betrugen die.Ausgaben der Londoner Leitung 472.032 Pfd. St., davon entfielen für die Arbeit in Palästina- 377.463 Pfd. St„ also 79,7 Prozent der Gesamtausgaben. Die größte Post in diesem Budget ist die Erhaltung des hebräischen Schul ne tzes- 102.423 Pfd. St, also rund 30 Prozent der Gesamtausgaben,. Die zweite; Post ist, .die medizinische . Hilfe, 72.425 Pfd-, St., oder 21,4 Prozent. In ' dieser