Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 31 (26.11.1920)
- Date
- 1920-11-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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31 JÜDISCHE; ZEITUNG Seite 3 zieinlicJier Raschheit, ins Werk zusetzen. Auch die. Hafenanlagen; können ohne besonderen Verzug .angefangen werden. Es handelt sich hiebei tun Bauten/für welche allgemein gültige Erfahrungen vorlfegen, deren unmittelbare Verwertung überall möglich ist. Am schwierigsten liegen die Verhältnisse aur dem Gebiete des Wasserbauwesens, insbesondere wo es sich um die Einrichtungen für eine rationelle Wasserwirtschaft handelt. Da hat man mit Faktoren zu rechnen, die sich nicht in ein allgemein gültiges Schema hineinpressen lassen. Hier muß jeder Fall besonders behandelt und jede Schablone vermieden werden. Es ist ganz gut möglich, daß sich die eine oder andere Entwässerungsarbeit von lokaler Bedeutung, für welche überdies jahrelange Beobachtungen bestehen, ohne weitere langandauernde Vorerhebungen und Studien wird ausführen lassen. Vielleicht auch so manche kleine Bewässerungs- und Kraftanlage. Wo es sich jedoch uin größere Werke handelt, welche für die wirtschaftliche Entwicklung des ganzen Landes maßgebend sind, um große Assanierungs-, Irrigations- oder Wasserkraftanlasen. da ist besondere Vorsicht in bezug auf übereilte Inangriffnahme nötig. Für die Auslührung solcher bedeutenden Arbeiten sind außerordentlich gründliche, oft jahrelange Studien und Vorarbeiten nötig, bis man in die Lage kommen kamt, ein technisch und wirtschaftlich einwandfreies Projekt zu verfassen und zu realisieren. Bei Anlagen, die eine Aenderung im ganzen Wasserregime eines Landes bedeuten, ist es sehr gewagt rasch mit fertigen Projekten zu kommen, die ja in rein technischer Hinsicht, als sinnreiche Objekte, ganz entsprechend sein können, aber auf zu kurzfristigen Beobachtungen basieren oder zu einseitige Gesichtspunkte befolgen. Langandauernde, gründliche Vorstudien sind hier eine conditio sine qua nfin, soll nicht der ganze Erfolg der Sache in Frage gestellt werden. Es wäre hier der Grundsatz zu befolgen, lieber mit dem Beginn der Arbeiten einige Jahre zu warten, als Werke zu schaffen, die sich dann als verfehlt oder 'nicht genügend studiert heraussteilen sollten. Gerade in Palästina; sollten wir in dieser Beziehung große Vorsicht walten lassen. Unsere ' Gewässer sind beschränkt, unser Bedarf für Bewässerung und Kraft enorm. Da muß in langen Beobachtungen und Vorerhebungen festgestellt werden, wie diese beiden Hauptziele auf möglichst rationellem Wese erreicht werden könnten, ohne Schädigung anderer Interessen, in erster Reihe des Gesundheitsinteresses. Der Schreiber dieser Zeilen hat sich eingehend mit der Frage von Wasserbaüanlagen für verschiedene Zwecke (*mit gemischtem Betrieb“) befaßt und dabei die Erkentnis gewonnen, daß eine einseitige Behandlung eines Projektes, welche bloß e i n Ziel vörfoigt und dabei alle anderen Rücksichten beiseite läßt, in vielen Fällen technisch begründet, jedoch in den meisten wirtschaftlich verfehlt war. Nun will es scheinen, daß man in Palästina darangehen will, zuliebe dem Einwanderungsprinzip (möglichst rasche Verwendung einer möglichst großen Zahl von Immigranten) und ,der möglichst raschen Erweckung der Industrie, auf dem Gebiete des Wasserbauwesens Projekte quszuiühren, die nicht ganz einwandfrei sind und sicherlich nicht so tief fundiert scheinen, wie es wünschenswert w'äre. Dom Schreiber dieser Zeilen sind die näheren Unterlagen dieser Projekte, welche überdies durch private Initiative ausgetiihci werden sollen, nicht bekannt. Bekannt ist ih® nur die v e rbluffende Ras c h h e i t, mit weicher diese Projekte aufgesteüt und bereits behandelt wurden. Außerdem machte ihn qjn Artikel des seit langen Jahren in Palästina tätigen Kulturingenieurs Josef Treidel stutzig, der im Heft Nr. 4 von „Erez Israel“ erschienen ist, betitelt: „Kulturtechnische Aufgaben auf dem Gebiete der Bodenentwässerung“. Treidel weist darin auf die Gefährlichkeit des Hulegebietes (Meromsee) als Malariaherd hin und schlägt eine gründliche Trockenlegung dieses Gebietes vor, welche zugleich der Landwirtschaft etwa 10.000 Hektar besten, bewässerbaren Bodens wiedergewinnen würde. Nun ist' gerade das Huiegebiet dasjenige, welches einem anderen Projekte (vermutlich dem von Ing. Rutenberg) als Unterlage dient, zwecks Errichtung der Kraftwerke am Jordan mit etwa 60.000 Pferdestärken. Es ist wahrscheinlich dasjenige Projekt, welches in letzter Zeit ziemlich viel Staub aufwirbelte und nüt dessen Realisierung bald begonnen werden sollte. Nun hebt Treidel hervor, daß dieses Projekt „weder die hygienische Verbesserung des oberen Jordantales, noch die Forderung der Bodenkultur dieses Landstriches im Auge hat“. Er meint, daß der Irtdustriezweck (der ja durch Gewinnung elektrischer Energie auch de; Landwirtschaft unmittelbar zugute kommen wird; die anderen Rücksichten verdrängen wird. - Nun, dem scheint nicht ganz so werden zu * müssen. Wir sind der Ansicht, daß die Ausführung .der großen Wasserwerke, welche die Pulsadern von ganz Palästina werden sollen, nicht notwendigerweise mit der absoluten Schädigung des agrikulturellen und hygienischen Zweckes verbunden sein muß. Es müssen nur diese Umstände bei der Projektsycriassung berücksichtigt werden. Die heutige W assertechnik ist so reich ausgestattet, daß sie die scheinbar divergierendsten Bestrebungen vereinigen kann — wenn keine nseitigen Gesichtspunkte maßgebend sind. Wir müssen nicht auf die größten und volkswirtschaftlich wichtigsten Werke unseres Landes verzichten, wenn wir auch das Interesse der Bodenkultur und der Volksgesundheit berücksichtigt sehen wollen. Eine harmonische Einordnung in das Gesamtziel, der volkswirtschaftlich und sozial entsprechenden Werke, ist bei all den Einzelziejen möglich. Das haben die Erfahrungen anderorts gezeigt. Wir müssen verlangen, daß die Pläne für unsere öffentlichen Arbeiten publiziert und diskutiert werden, bevor an deren Ausführung geschritten wird. Wir zweifeln nicht, daß all die Projekte von anerkannten Autoritäten geprüft und begutachte: worden sind — es fragt sich nur, von welchem Standpunkt aus dies geschehen sei. Im übrigen wollen wir daran erinnern, daß auch der aus der Geschichte des Wasserbauwesens rühmlich bekannte englische Wasserbauer Sir Arthur Cotton bei der Anlage der indischen Wasserwerke sich irren konnte. „ Die Projekte sollen von vielen Seiten und vielseitig geprüft werden, ob die Voraussetzungen für deren Ausführung bestehen. Dr. Ing. Awraham Werber. Persönlichkeit Herzls gerecht zu werden. Manchmal mischt sich in dieses Bild, das mit Liebe gezeichnet ist, ein etwas befremdender Zugv ddr ein wenig an den Ueberschwang lesebuchmäßiger Heldenverehrung .ajddmgt. Diese ist für die Darstellung der Persönlichkeit Herzig, des politischen Genies unseres Volkes, nicht notwendig, da HerzI selbst bewußt die politische Tat aus seiner Zeit getan hat und jedem Ueberschwang fern war. Dagegen geht die Darstellung, welche das Werk Herzls zusammenfaßt, in ihrer klaren Geradlinigkeit weit über das Subjektive hinaus, weiches das ganze Buch charakterisiert. In seiner Gänze ist das Werk Böhms eine ehrliche und wertvolle Arbeit. Es stellt eine zusammenfassende Betrachtung der Elemente der zionistischen Bewegung dar, welche weit über dem Durchschnitt der bisherigen DarstellungsweiSP der Bewegung steht. Gerade darum ist der zweite Teil des Buches, de-r die neuesten Entwicklungsphasen des Zionismus behandeln soll, mit Interesse zu erwarten. Siegiried Schmitz- Frdie jüdische Volksbühne Im Rahmen der von der Freien jüdischen Volksbühne veranstalteten Vorstellungen trat das Ensemble der von Egon Brecher begründeten Jüdischen Kämmerspieie. die bald in eigenem Thgaterraum spielen sollen, zum erstenmal vor die Öffentlichkeit. Wenn die Gründung' der Jüdischen Kammerspiele den Zweck verfolgt, dem Wiener jüdischen Publikum jiddische Aufführungen zu bieten, die Niveau haben, so ist Egon Brecher, ein überaus begabter Regisseur und ein alter, begeisteter Streiter für die Sache einer modernen. künstlerisch hochstehenden, indischen Bühne,'sicher der rechte Mann, um das Ziel, das diese Gründung hat, zu verwirklichen. Doch müßte die Sache, für welche Brecher sich hier einsetzt, wirkliche Förderung, materiell und moralisch, finden, damit“ nicht mit unzulänglichen Mitteln gearbeitet und nicht durch solche Unzulänglichkeit die wertvolle, ehrliche Absicht nur halb, das heißt hier gar nicht erreicht wird. Es wäre vielleicht von großem Vorteil), dem Wiener jüdischen Publikum durch ein Gastspiel der Wilnaer dramatischen .Truppe zu zeigen, was erstrebt wird (und es ist' trotz der trefflichen Darbietungen der Wilnaer noch manches über sie hinaus zu erstreben) und was notwendig ist. Notwendig ist vor allem ein nicht nur theaterkundiges und darsrellungsireudiges, sondern auch wohldiszipliniertes, aui dramatische Vornehmheit bedachtes, ausreichendes Ensemble, notwendig aber auch ein reichhaltiges Repertoire an guten Stücken- (nicht bloß literarischen, sondern auch wirklichen Theaterstücken), notwendig, endlich das wirkliche Interesse des Wiener jüdischen Publikums an dem interessanten Versuch Brechers. Die erste Darbietung der Kantmerspiele brachte zunächst Perez Hirschbeins fünfaktiges fjMalteriinkstück ,.T k r a ß - K a i“. Das Drama ist bereits in Wien durch eine deutsche Aufführung, die ebenfalls Egon Brecher herausgebracht hatte, bekannt, ein näheres Eingehen auf das Stück erübrigt sich daher. Eine Aufführung des Stückes kann nur dann voll wirksam sein, wenn die Schicksalsstinunung, welche darin webt, einheitlich festgehalten ist. In dieser Beziehung stand die jetzige Autiührung hinter der seinerzeitigen zurück. Daran ist nicht zum geringsten Teile die völlige Unzulänglichkeit des Darstellers des Stückes Hensch schuld. Fraji Weintrau b- G r a f gab der von ihr verkörperten Chanele, der Braut, die an den toten Bräutigam durch das Gelöbnis gebunden ist, die ihr eigenen poetischen Züge, mehr nieht Das Publikum nahm die .Darstellung mit reichem Beifall auf. Pinskis Einakter: „Vom Glück Vergessene“, der nachher folgte, ist bei uns schon zum beliebten Repertoirestück jiddisch-literarischer Abende geworden. Er fand, von Frau Weintnaub-Graf und Herrn Deutsch eindringlich dargestellt, beifällige'Aufnahme. S. S. Die Reichskonferenz des JNF Der Monat November hat seine ganze Reine vom Konferenzen gebracht: Drei Tage zionistischer Parteitag, Kommissions- und Ausschußsitzungen und zum Schluß gleichsam als Ausklaug die NF- Konferenz vom 14. November. Es war daher kein Wunder, daß das durch die lebhafteren und manchmal etwas aufgeregten, Diskussionen des Parteitages übermüdete zionistische Publikum nicht das erwartete Interesse für die „Reichskonferenz des JNF“ aufbrachte. Immerhin hat aber der überraschende Aufschwung, den die klee dies JNF in Oesterreich in den letzten Wochen zeigt, Hoffnungen erweckt, daß nicht nur die Reichskonferenz diesmal ihre Debatten auf höherem Niveau als früher abiüiiren werde, sondern auch, daß die Teilnahme an der Reichskonferenz eine viel größere sein würde. Allenfalls nehmen 75 Kommissäre ütid Vertrauensleute, des JNF an der Konferenz te-'l und zum erstenmal waren auch offizielle Vertreter der Kultusgemeinde und der jüdischen und nichtjiidisciien Presse erschienen. Vor allem war eines überraschend. Die Jugend und die Provinz war so stark vertreten, daß sie die Tagung fast vollständig beherrschten und — glücklicherweise — war diese eben durch ihre Jugend genügend oppositionell gesinnt, um mit größter Deutlichkeit festzustellen, daß alle in der letzten Zeit erzielten Erfolge, der Leitung nur als ein ganz bescheidener Anfang und höchstens als erster Schritt aui einem Wege zu betrachten seien, der ohne Rücksicht aui die bisherigen Traditionen bis zu Ende gegangen werden müsse. Die Erfolge dieses Jahres waren ja nicht unbedeutend. Die Einnahmen von K 278.000.— im Vorjahre auf K 2,500.000— in den ersten zelmeinhalb Monaten dieses Jahres gestiegen; die Ausgaben weit hinter dem Voranschlag zurückgeblieben; Beziehungen zu Kreisen angekmipit, die zum Teil durch unsere Schuld bisher uns entfremdet oder überhaupt noch nicht mit uns in Beziehung getreten, waren, einige schüchterne Ansätze zu einer entsprechenden Pi essepropaganda — und nun wurde verlangt, .daß das Tempo der bisherigen Arbeit noch ganz anders. noch viel rascher und intensiver werden müsse! Und noch etwas Neues trat dabei in Erscheinung: Während son$t die Debatten sich mit peinlicher Aengstlichkeit darauf beschränkten, sogenannte „Anregungen" zu sieben, die höchstens zu platonischen Resolutionen verwertet werden konnten, wurde diesmal überhaupt keine „Anregung" gestellt. Dafür aber wurden mit vieler Dringlichkeit und Sachlichkeit Reden darüber gehalten, wie der JNF wenigstens in Oesterreich von Grund auf geändert und auf neue und zeitgemäßere Basis gestellt werden körnte. Mit Einhelligkeit vertrat die ganze Konferenz den Standpunkt, daß das Hauptbestreben des JNF nicht mehr wie bisher, allein auf Spendensammlungqn gerichtet bleiben dürfe, sondern daß zwei andere, bisher sehr“ vernachlässigte Aufgaben als mindestens ebenbürtig der ersten an die Seite gestellt werden müssen: Die Verwertung de.r gesammelten Gelder und die Agitation für den Gedanken des JNF, für seine Idiologie und für den Palästinagedanken überhaupt unter den nictitzionistischen Juden. In den leitenden Kreisen des JNF hat sich ja schon seit einiger Zeit die Erkenntnis Bahn ge- Zionistische Propagandaliteratur. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland und der Verlag deT Jüdischen Rundschau haben in letzter Zeit verschiedene Schriften herausgegeben, die als Orientierungsmaterial ganz außerordentlichen Wert besitzen. Ein übersichtliches Bild über die Grundfragen des Zionismus gibt Dr. Hermann L e 1 e w e r in seiner .Schrift „W as will der Zionismu s?". In einer Broschüre von 45 Seiten schildert er die Entstehung des Zionismus und die Not im Osten und beleuchtet alsdann die Erscheinungen des Antisemitismus und der Assimilation, sowie das Verhältnis des Zionismus zum Religionsiudenrum und zum Kosmopolitismus. Ein Schlußkapitel gilt dem .Aufbau des jüdischen Palästinas. — in einetzweiten Schrift „Schicksalswende" wendet sich Dr. Hans R a t besonders eindringlich an die deutschen Juden. Es gibt), so verklingt er, nur ein einheitliches Judentum, das Lebens- und Weltanschauung zugleich ist, daß den Menschen nicht nur im kirchlich konfessionellen Sinne beeinflußt, sondern ihn völlig, mit Leib und Seele, in das jüdische Weltbild eingliedert. Eine Trennung des Nationalen vom Religiösen hat es im Judentum niemals geben können. Der konsequente Jude kann nur Zionist sein. Mit den Fragen des Aufbaues im einzelnen befaßt sich Dr. L. Weinberg in seiner Schrift „Das jüdische Palästina“. Hier werden die Grundfragen des Siedlungswerkes von allen Seiten beleuchtet und, ein Bild des zukünftigen Palästinas e.ntworien. — Eine besondere Broschüre „Das jüdische Palästina" endlich cnthäl: die politischen Dokumente zum Beschluß der Konferenz von San Rcmo iU)er die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Hier sind die Aevßerungen sämtlicher Staatsmänner und Politiker registriert, die vor jenem denkwürdigen Beschluß, sowie im Anschluß an ihn, das Entstehen des jüdischen Palästinas propagiert und begrüßt haben.