Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 30 (12.11.1920)
- Date
- 1920-11-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ttr. 30 Seite S JÜDISCHE ZEITUNG sich begnügt, dem früheren Leiter dieser Tätigkeit die Arbeit unmöglich zu machen, ohne irgendeinen Ersatz zu schaffen. Man dürre die Jugend nicht länger als Rekruten betrachten, welche die Kadres auszufülien haben. Dieser Fehler habe sich schwer gerächt. Man liat vergessen, daß wir zwei wichtige Elemente für die Zukunft haben: Die Frauen und die Jugend. Man hat nicht verstanden, daß heute in der .Jugend ein anderer Geist herrscht. Man müsse zur Jugend so sprechen, wie es am Platze ist und könne dabei nicht im Rahmen des rein Parteimäßigen bleiben. Man müsse der Jugend auseinandersetzen, daß der Zionismus ebensoviel Idealismus enthält wie die anderen gegenwärtigen radikalen idealistischen Bewegungen. Wir haben an den Chaluzim bereits Menschen, welche alle materiellen Interessen für ein ideales Ziel hinwerfen. Das ist das Beispiel, das wir der Jugend zu geben haben. Wir haben die Schwungkraft der Idee eingebüßt und müssen zur Bewegung zurück, nur von der Jugend kann die Rettung kommen. Aber man darf ihr .nicht von außen Organisaiionsformen aufpressen. Sie muß ihre Formen selbst finden. Redner bespricht in ausführlicher Weise die Aufgaben der künftigen jüdischen Jugendarbeit. S.c h u s z erörtert den Mißerfolg bei den Wahlen und das Fehlen eines Wirtschafts- Programms und stellt einen entsprechenden Antrag. Deutsch bespricht die Taktik der zionistischen und der jüdischen Arbeit In der Kultusgememde haben die Zionisten die Aufgabe, gegen die dort herrschende Reaktion die schärfste Opposition zu bilden und Neuwahlen auf Grund eines neuen Statuts zu erzwingen. Dr. Plaschkes stellt gegenüber dem Vorredner fest, daß das Knltusgemeindeprogramm nicht auf dem Wege des Kompromisses erreicht wurde. Vom Standpunkt unserer Partei ist der Ausgang der Kultuswahlen ein Erfolg gewesen, was sich noch erweisen werde. Es ist nicht wahr, daß wir an der Jugend Fehler gemacht haben. Die Jugend hat gefehlt, indem sie sich vielfach radikalen Bewegungen zugewendet hat Die jüdische volkssozialistische Gruppe (Hithachduth) hätte die Aufgabe, unter der marxistischen Jugend Propaganda zu machen. Schwertfinger weist auf die Wichtigkeit des Erziehungsproblems für das Westjudentum hin, die jüdische Schule werde bei den Jüngsten beginnen müssen. Wir werden die M inoritätsschulc auf Grund des Friedensvertrages zu fordern haben. Kraushaar empfielt,'in die Jugendvereine das System der Gruppen cinzuführen, weiche sich mit praktischer Arbeit zu befassen haben. Dadurch werde das Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühl der Jugend gehoben. Lanczener (beginnt hebräisch): Er fordert gleichfalls, daß sich die* ParteMeitung mehr nm die Jugendbewegung kümmere. Dr. Kiwe: Die Zweiteilung in der Arbeit zwischen Zionismus und Nationalismus ist notwendig. Man haDe een früheren Jugendreferenten bekämpft, aber als er gegangen ist, habe man nichts an seine Stelle gesetzt. Ein Jugendroierent müsse Leben und Bewegung schaffen und es sei sehr fraglich, ob der künftige Jugendreferent diese Arbeit erfüllen werde. Auch Langberg bespricht die Vernachlässigung der Jugendarbeit und polemisiert gegen die früher betriebene Art der Jugendbewegung. Pie Jugend müsse ' zu Herzl zurückgeiührt werden. ln der Nachmittagssitzung hielt zunächst der Kulturreferent Dr. Margulies das Schlußwort. Er erklärt, für seine Person dafür wirken zu wollen, daß die von ihm vorgelegten Thesen nicht bloß Papier bleiben, und werde sich bemühen, die Gesamtpartei für diese Aufgaben zu gewinnen. Was die Frage der im Friedensvertrage gewährleisteten Minderheitsrechte auf dem Schulgebiet betrifft, so käme hier in erster Reihe die Kultusgemeinde in Betracht. Es sei aber gar nicht zu zweifeln, daß der zionistischen Organisation als jüdischnationale Vertretung in Oesterreich die Legitimation zuerkannt werden muß, die nationalen Rechte geltend zu machen. Eine andere Frage aber sei der Inhalt der zu erhebenden Forderungen. Redner bespricht die entsprechenden Punkte des Friedensvertrages und kommt zu dem Schlüsse, daß uns die staatliche Beihilfe für unsere Schulen werde gewährt werden müssen. Zu bedauern sei, daß wir vorläufig weniges haben, wofür wir die staatliche Unterstützung fordern können. Was an dem Mangel an jüdischen Lehrern begründet sei. Der Rückgang in der Jugendbewegung sei eine Folge der allgemeinen Krise. Eine geisterfüilter Zionismus wird die Jugend von selbst zu fesseln vermögen. Eine der Hauptaufgaben sei die wirkliche H eb r ai s i e r tt ng. Hier müssen die Erwachsenen vorangehen und es ist dank unseren heutigen, Methoden möglich, in absehbarer Zeit das Hebräische als lebende Sprache zu erlernen. Der Referent richtet einen dringenden Appell an die Delegierten, an sich selbst in dieser Richtung tätig zu sein und in ihren Organisationen für diesen Gedanken zu arbeiten. Hierauf wurde zu den Abstimmungen geschritten. Die oben veröffentlichten Resolutionen der politischen Kommission wurden einstimmig angenommen. Die beschlossenen Thesen zur Kulturarbeit lauten: I. Im Sinne der bei der Londoner Jahreskonferenz gefaßten Beschlüsse verlangt der Parteitag, daß die zionistische Landesorganisation die Leitung, Zentralisierung und tatkräftige Förderung der jüdischen Kulturarbeit in Oesterreich übernimmt, dafür ein eigenes Ressort mit einem lnspektorat für den hebräischen Sprachunterricht schafft und ein besonderes Budget festsetzt. 11. Alle dem zionistischen Landeskomitee unterstellten Organisationen und Gruppen haben einen Referenten für die Kulturarbeit zu bestellen und das jüdische Schul- und Erziehungswesen in ihrem Wirkungskreise zu fördern. IIL Alle Zionisten haben die Pflicht, dem jüdischen Schulverein beizutreten und ihn zu unterstützen. IV. Der Parteitag betont die Notwendigkeit der Kenntnis unu lebendigen Beherrschung der hebräischen Sprache und macht es der Leitung zur Pflicht, alles zu fördern, was der Erreichung dieses Zweckes dient V. Die innere Amtssprache der Zionistischen Landesorganisation und der ihr unterstellten Aemter ist die hebräische. Das Landeskomitee hat dafür zu sorgen, daß dieses Prinzip innerhalb eines Jahres allmählich durchgeführt werde. VI. Alle Beamten jiidischnatioualer Institutionen werden verpflichtet, die hebräische Sprache in Wort und Schritt zu erlern,.-;:. Das Landeskomitee wird darüber zu wachen haben, daß die Weiterverbleibung im Amte von der Erfüllung dieser Piiicht abhängig gemacht wird. VII. Der Parteitag fordert die Verwirklichung des bei der Londoner Jahreskonfereiiz gefaßten. Beschlusses, daß die Zentrale für die Kultur- und Erziehungsarbeit nach Palästina verlegt werde, für -die Kulturarbeit in der Galuth aber ein autonomes Zentralamt in einer ilahe dem Osten gelegenen Stadt in Europa errichtet werde. Der Parteitag drückt den Wunsch aus. daß zum Sitz dieses Zentralamtes Wien gewählt werde. An diese Beschlüsse knüpfte sich eine teilweise sehr erregte Debatte, indem einzelne Redner gegen die schroffe Formulierung der von Dr. Margulies vorgeiegten Resolutionen Einspruch . erhoben und darauf hingewiesen, daß es nicht zweckmäßig, jedoch odios sei, Beamte der Partei oder sonstiger jüdischer nationaler Organisationen unter die Androhung der Entlassung zu stellen. Diese Erklärungen riefen den lebhaften Widerspruch des linken Flügels hervor, welcher darin zu Unrecht eine gegen das Hebräische gerichtete Tendenz sehen wollte. Hierauf gelangten die folgenden von Dr. Brand vorgeschlagenen Thesen zur sozialen Umschichtung zur Annahme: 1. Die ungesunde soziale Struktur des jüdischen Volkes erfordert eine großzügige in die Wege zu leitende Berufsumschichtung. Diese hai einerseits die Aufgabe, möglichst viele der Schule entwachsene Knaben und Mädchen und ferner solche den geistigen und. kaufmännischen Berufen angehörende Juden, für die in den genannten Berufen bei den heutigen Zeitverhältnissen kein Platz ist. manuell-produktiven Berufen zuzu- , führen und anderseits die Aufgabe, Juden, die bereits in letzteren Berufen tätig sind, die Möglich- ' keit erhöhter fachlicher Ausbildung und wirtschaftlicher Erstarkung, zu bieten. 2. Der Parteitag verlangt, daß die zionistische Landesorganisation an den Arbeiten zur Lösung der Frage des wirtschaftlichen Wiederaufbaues und der .Berufsmnschichtung der Juden tätigen Anteil nimmt und daher eventuell 'einen eigenen Referenten bestellt. 3. Als Mittel zur Durchführung dieser Aufgaben kommen in erster Linie in Betracht: Lehrwerkstätten auf genossenschaftlicher Basis, gewerbliche Unterrichtskurse, gewerbliche Stellenvermittlung. Berufsberatung. Lehrlingsheime. Kreditgewährung mit Ueberwachung der unterstützten Betriebe. Der Kredit soll in erster Linie bestehen in Arbeitsgeräten, Maschinen und Rohstoffen. Der Einkauf der Rohstoife. Werkzeuge und Maschinen soll möglichst von der Zentralstelle aus erfolgen. 4 Der Parteitag hält die Gründung einer jüdischen Volksbank, welche die Lösung der Frage der Berufsumschichtung in ihren Tätigkeitsbereich zieht, für wünschenswert. Im Namen der Organisationskommission berichtet Dr. Waldmann: Er weist auf die Notwendigkeit hin. ein richtiges Statut zu schaffen. Das vorgelegte Organisationsstatut berücksichtige nur das Gewordene, weshalb die Kommission den Entwurf abgeändert habe. Die Schematisierung in Ortsgruppen nach rein territorialen Gesichtspunkten sei ein Zwang von außen und entspreche dem heutigen Zionismus nicht, da dies in dem heutigen Stadium eines differenzierten Zionismus nicht genüge. An die Stelle des Zwanges von außen durch das territoriale Moment müßte der innere Gesichtspunkt treten. Die Kommission schlage daher eine Verschmelzung der beiden Prinzipien vor. Der Referent Dr. Weiner legt seine Resolutionen vor, er bekämpft die Anschauung Dr. Waidmanns und bezeichnet die territoriale Organisationsbasis als notwendig, sonst würde der Rahmen der Organisation gesprengt werden. Stricker: Es soll Sonderverbände geben, wenn eine innere Begründung dafür vorhanden ist. Man dürfe jedoch die Partei nicht atomisieren lassen. Er legt einen entsprechenden Antrag vor. Was das Palästina amt anlange, bezüglich dessen ein Antrag vorliegt, dieses völlig dein Landeskomitee einzuverieiben. so sei in London beschlossen worden,, daß die Palästincämter der Leitung von Komitees aus Vertretern aller lokalen Verbände zu unterstellen sind. Es sei vereinbart worden, das Palästinaamt bleibe ein Organ des Lamlcskomitees. aber die Geschäftsführung solle einer paritätischen Kommission übertragen werden. Was die Bezirkskommission anlange, haben sie sich vielfach bewährt, eine einzige Sektion im zweiten Bezirk zu schaffen, war ein großeF Fehler. Gemeinderat Dr. Plasc likes ist für die Beibehaltung der territorialen . Gliederung und gegen die Tendenz, nach Bildung . von• Sonderverbänden. Er spricht sich gegen eine gesonderte Jugendorganisation aus. Rathsprecher' erklärt, ein Sonderverband .der zionistischen Jugendgruppen sei eine Notwendigkeit. Generalredner Dr. Anselm Halpern: Der Zionismus läßt sich nicht mit anderen Parteien vergleichen, weil wir das ganze jüdische Volk repräsentieren. Deshalb muß das Volk als solches' organisiert werden. Wenn in den einzelnen Gruppen ein warmes Leben pulsieren soll, dann müssen glcichdenkende Menschen die Möglichkeit des Zusammenschlusses haben. Redner unterstützt den Antrag Stricker und empfiehlt ihn zur Annahme. Dr. Schmerier (contra) erklärt, man wollte hier über die Organisierung der O s tjuden zur Tagesordnung übergehen. Er erhebt Vorwürfe gegen die ostjüdischen Vertreter, daß sie nicht genug mitgearbeitet haben. In einer zionistischen Bezirkssektion ist die Möglichkeit zur Arbeit für alle Schichten vorhanden. Dr. Waldmaun konstatiert, daß die O s tiudeu keine Scheidung in Ost- und Westjudcn wollen. Wir wollen keinen Sonderverband der galizischcn Juden. Er verwahrt sich dagegen, daß man ihnen Absichten unterschiebt, welche sie nicht haben. Den Vorwurf, daß die ostiüdischen Vertreter nicht mitgearbeitet haben, weist Redner zurück. Dr. Weiner erklärt, die Frage der Hitha c h d u t li müsse separat und später erörtert werden. Eine Anerkennung von Sonderverbänden in irgend welcher Form wäre eine Zerschlagung der österreichischen Organisation Man könne sicii Sonderorganisationeti schaffen. Aber die B e z i r k s s e k t i o n e n müssen dabei bestehen bleiben und dürfen nicht zu einem Scheindasein verurteilt werden. Es kann mit dem bestehenden Statut in bester Weise gearbeitet werden. Deshalb solle keine Veränderung beschlossen werden. Ueber Vorschlag der Organisationskommission wurden die folgenden Aenderutigen zum vorgelegten Statut beschlossen: >5 2. Der Verband gliedert sich in Ortsgruppen, respektive in Wien in Bezirkssektionen. Sonderverbände sind zugelassen und können mit Genehmigung des Landeskomitees gemeldet werden. Gegen die Entscheidung des Landeskomitees kamt an den Parteitag appelliert werden. Die Ortsgruppen, respektive in Wien die Bezirkssektionen können in Arbeitskreise zusammengefaßt werden, deren Abgrenzung dem Landeskomitee Vorbehalten bleibt. In den $ 3 des offiziellen Entwurfes wurde das Wort „Sonderverband" sinngemäß eingefügt. § 11b lautet nunmehr: Die Genehmigung des» Budgets des Zionistischen Landeskomitees für die nächste Verwaltungsperiodc und der Parteisteuer, weiche zugleich mit dem Schekel eingehoben werden. Bei § 13 wurde der Satz eingeschoben: Im Landeskomitee haben die Mitglieder des Aktionskomitees, die dem Landesverband angehören, Sitz und Stimme. § 27 lautet nunmehr: Die Einkünfte des Zionistischen Landesverbandes bestehen aus der Parteisteuer, sonstigen Abgaben und Zuwendungen. Erträgnissen von Veranstaltungen. Die Höhe der Parteistcuer wird alljährlich auf dem Parteitag festgesetzt. Es gelaugte ferner ein Antrag Dr. A b e I e s zur Annahme, die zionistische Leitung möge ein Referat zutn Ausbau des Jüdischen Schulvereines cinsetzen. Antrag Dr. Tsidor Margulies: Der Parteibeitrag wird mit mindestens sechzig Kronen jährlich festgesetzt. (Angenommen.) Ferner ein Antrag S c h u s z: Der Parteitag fordert das neugewählte Landeskomitee auf, bis zum nächsten Parteitag ein Landes Programm für Landesarbeit auszuarbeiten, dieses dem nächsten Parteitag vorzulegen und sich zu diesem Zwecke vorher mit den Landesverbänden der umliegenden Sekzessionsstaaten Oesterreich-Ungarns in Verbindung zu setzen. Der Antrag Dr. S c h i f i in a n n. das Palästiuaanit ausschließlich der Kompetenz des Landeskomitees zu unterstellen, wurde über Antrag Stricker dem Landeskomitee z u g ew i e s e n. Auch der Antrag Rath Sprecher bezüglich der Anerkennung e;nes Sonderverbandes der J u g e n d g r ti p p e li wurde dem L a n d e sk o in i t e e z u z u w e i s e n. beschlossen. Resolution Dr. W e i n e r s zum Statut des Zionistischen Landesverbandes: Der Parteitag beschließt. daß das Kopenhagener Manifest ai> Bestandteil des Statutes des Zionistischen Landesverbandes (§ la) zu gelten hat. Gemäß der Resolution I beschließt der Parteitag. dem Landeskomitee aufzutragen, die z i o n is t i s c h c n Mandatare in einer festen Organisation zu vereinigen. Resolution zum Organisationsreferat: Der Zionistische Parteitag beschließt entsprechend dem diesbezüglichen Beschluß der zionistischen Jahreskonferenz die Erhöhung des Schekels für das kommende Jahr auf K 20—. Die Festsetzung des Ortsgruppenbeltrages in den Provinzgruppen wird den Vorständen derselben überlassen. Für die zionistischen Bezirkssektionen in Wien wird als untere Grenze des. Sektionsbeitrages gleichfalls der Betrag, von K 20.— festgesetzt unbeschadet des Rechtes des Landeskomitees, bzw. der. Sektionen einzeiner Personen oder Personengruppen eine Ermäßigung zu gewähren. Gleichzeitig wird ausgesprochen, das. diejenigen Bezirkssektionen (Ortsgruppen). welche: höhere als die erwähnten Betrüge einheben, dieselben im gleichen Verhältnis wie den Mindestbeitrag zu teilen haben.