Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 29 (29.10.1920)
- Date
- 1920-10-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZETTUNO Hr. 39 sein soll. Das spricht für die zweite, optimistische Auslegung, ohne sie aber ganz sicher zu machen. Vom palästinensischen Gesichtspunkt aus ist diese Frage eine Lebensfrage. Cisjordanien und Transj or d ani en sind geographisch, wirtschaftlich, historisch und strategisch untrennbar: es sind zwei Hälften eines einzigen ganzen Palästinas. Der Jordan ist keine Grenz- und Trennungslinie und kein Hindernis und war es nie. Handel und Verkehr gingen immer hinüber und herüber und dieselben Völkerschaften und derselbe Staat hielt zu jeder Zeit beide Jordanufer besetzt. Gilead ist die erste jüdische Ansiedlung in Palästina. Die reichen und zum großen Teil leeren Gebiete Transjordaniens sind für das wirtschaftliche Leben eines jüdischen Palästina unentbehrlich. Sie werden das Vieh und Getreide liefern, das Palästina braucht und das niemals im notwendigen Ausmaße in Cisjordanien erzeugt werden kann. Sie werden das Land für große Ansiedlungen darbieten, denn es gibt mehr freies oder wenig be bautes Land, besonders Land von guter Oualitäl. östlich als westlich vom Jordan. Daß Transjordanien untrennbar ist, beweist die ganze Geschichte, und die zahlreichen Raubzüge. der letzten Jahre illustrieren diese Behauptung. Die Lebensfrage ist, ob Transjordanien jüdisches Siedlungsgebiet wird oder nichi. Es muß so sein, wenn dem jüdischen Palästina sein Recht werden soll; und wäre es nicht so, dann würde bei der Geburt des jüdischen Palästina seine wertvollste Provinz unerlöst bleiben. Natürlich ist dort an keine Kolonisation ohne Zustimmung der Scheichs und der Landbewohner zu denken. Aber die transjordanischen Scheichs haben seit Monaten schon den Wunsch nach jüdischer Ansiedlung ausgesprochen. Sie wissen, daß keine Entwicklung des Landes möglich ist als mit und mittels jüdischer Kolonisation. Sir Herbert Samuel hält Ausschau nach allen Möglichkeiten wirtschaftlichen Fortschrittes, aber dieser Fortschritt ist in Transjordanien nur möglich durch jüdische Ansiedlung. Die Beduinen, die jede Steuer verabscheuen, werden nicht die Mittel für Schulen, Spitäler und Straßen aufbringen: und es ist auch mcht daran zu denken, daß einzelne Kapitalisten ihr Geld in transjordanische Gebiete stecken werden, so lange dort keine Sicherheit für Leben und Eigentum besteht, und diese Sicherheit wird durch die administrativen Maßnahmen, die Herbert Samuel empfiehlt, nicht über jeden Zweifel gewährleistet. Einzig und allein das jüdische Volk ist bereit, die Opfer zu bringen und das Risiko auf sich zu nehmen, das nötig ist. wenn Transjordanien zu einem gesunden und blühenden Lande gemacht werden soll. Wind Transjordanien, wie immer sein Verwaltungsapparat aussehen mag, ein Teil des gemeinsamen palästinensischen Vaterlandes sein, ein Land, das jüdischer Ansiedlung freisteht? Das sind die fundamentalen Fragen. Es sollte darauf nur eine Antwort geben. Die Bedeutung der Produktivgegenos^enschaften für Palästina Dr. Fritz Sternberg, der Assistent von Professor Franz Oppenheimer an der Universität Frankfurt, hat eine Reise nach Italien unternommen, um im Interesse des zionistischen Kolonisationswerkes das landwirtschaftliche italienische Genossenschaftsleben zu studieren. Aus einem Gutachten über die Bedeutung der industriellen Arbeiter-(Produktiv-)Genossenschaften für Palästina, das Sternberg im Aufträge Dr. Rupp i n s ausgearbeitet hat, gibt das „Israelitische Wochenblatt für die Schweiz“ die folgenden Auszüge weiter: In Palästina ist zu Beginn des jüdischen Kolonisationswerkes mit öffentlichen Arbeiten in großem Maßstabe zu rechnen: die Häfen von Haifa und Jaffa umzubauen, das Eisenbahn- und Wegenetz zu vervollständigen, an vielen Stellen neu zu schaffen, die Wasserkräfte des Jordans nutzbar zu machen, eine planmäßige Assanierung und Ameliorierung des Landes einzuleiten. Mir würde es als das zweckmäßigste erscheinen, wenn diese Arbeiten, selbstverständlich unter fachmännischer Leitung, unter Uebergehung einzelner Unternehmer, von den Arbeitern, die sich zu Genossenschaften zusammenschließen müßten, ausgeführt werden würden. Es kämen hier ähnliche Formen in Frage, wie Preyer sie in seinem Buche: „Die Arbeits- und Pachtgenossenschaften Italiens“. Jena 1913, für die Arbeitsgenossenschaften dargestellt hat. Es sei hier kurz darauf eingegangen, denn in Italien sind unseres Wissens zum erstenmal öff''*itliche Arbeiten in größerem Umfange von Arbciterge',f'r'r'f'nschaften unter Uebergehung des privaten Unternehmens vorgenommen worden, und es handelt sich in Italien um Arbeiten, wie sie auch für unser Kolonisationswerk an der Tagesordnung sind, unter anderem Eisenbahnen, Häfen. Assanierung des Landes usw. Ucber die Organisation der italienischen Arbeitsgenossenschaften schreibt Preyer Seite 95: „Die administrative und technische Or- 7—‘ " ist natürlich, ihrer Entwicklung und den iv -- Bedingungen entsprechend, recht verschieden > typisches Beispiel sei ihre normale Organisation aus der Zone ihrer stärksten Verbreitung (Emilie) dargestellt. Zur Aufnahme in eine Genossenschaft ist erforderlich. daß wenigstens zwei Genossen sich für die Zuverlässigkeit des Aufzunehmenden verbürgen. Ausgeschlossen ist jeder, der eine entehrende Str^e erlitten hat, viele Statuten schließen auolche aus. d:e für eigene Rechnung Submissionei. bernehmen. oder anderen Arbeitergenossenschaften angehören. Die Arbeitergenossenschaft hat in der Regel einen Verwaltungsrat (nur Arbeiter), einen Aufsichtsrat und häufig ein technisches Komitee (Ingenieure, Rechtskundige). Das letztere beurteilt die zu übernehmenden Arbeiten, um sodann darüber zu berichten, und setzt die Lohnhöhe fest. Ferner hat die Genossenschaft einen Rechnungsführer und einen technischen Direktor, der häufig gleichzeitig technischer Direktor anderer Genossenschaften ist Ueber die Notwendigkeit. Personal anzuschaffeai und besoldete Posten zu schaffen, wird verschiedentlich geklagt als über eine Gefahr, dem Genossenschaftsgeist zu schaden. Im allgemeinen ist in den Bilanzen die Höhe der allgemeinen Verwaltungsausgaben nicht übermäßig; die Kosten für Personal. Versicherungen und dergleichen erscheinen aber nicht besonders. sondern sind im Preis, der Arbeiten mit inbegriffen. Ueber die Annahme einer Arbeit entscheidet auf Bericht des technischen Komitees der Verwaltungsrat, demgegenüber der Direktor für die richtige Ausführung der Arbeiten verantwortlich ist. Wird eine Arbeitangenommen, so setzt der Verwaltungsrat die Höhe der Allgemeinausgaben fest, die zwischen fünfzehn und dreißig» Prozent des Gesamtoreises schwanken. Der Rest wird den Arbeitern überwiesen, -die für die Ausführung der Arbeiten in kleine Trupps vereinigt werden: sic erhalten jede Woche Zahlungen, die stets den von der örtlichen Arbciiskanimer festgesetzten Tarif einhalten. und den Rest nach Vollendung des - Werkes. Die kleinen Trupps erhalten bestimmte Tpße der Arbeit unter einem ' --iihrer, der selbst mitarbeitet, die nötigste Buchführung Qbe-nin.iiii und den Arbeitslohn für seine Gruppe erhält und verteilt Nach Abschluß einer Arbeit wird der Reingewinn unter die. Genossen verteilt, nachdem bestimmte Ouoten für den Reservefonds und das Genossenschaftsvermögen abgezogen sind. Die Genossenschaften sind im allgemeinen als einzelne begründet und haben sich später in irgend einer Form zusammengeschlossen. Darüber berichtet Preyer Seite 99: DSe Tendenz der Arbeitsgenossenschaften zum Zusammenschluß zu Verbänden -und Konsortien ist eine der bemerkenswertesten Erscheinungen im genossenschaftlichen Leben Italiens. Ihre Vorteile sind nicht zu verkennen. Ein Verband hat die Möglichkeit, Ingenieure und erfahrene Techniker zur Leitung der Arbeit zu berufen, während eine vereinzelte Genossenschaft solche Ausgaben zu leisten nicht in der Lage ist; ferner kann der Verband für eine genaue Rechnungsführung Sorge tragen, von der großenteils ein guter Erfolg der?eno ssensch a ft!' ch en Arbeiten abhängt; weiter kann er infolge seiner größeren finanziellen Hilfskräfte sich mit Arbeitsmitteln, wie Maschinen, Instrumenten und ähnliches versehen. Gegenstände, die eine einzelne Genossenschaft“ kaum Kaufen kann: und schließlich ist die Vermittelung des Kredits erleichtert, dessen Mangel für die Erfolge der Genossenschaften stets das größte Hindernis bildet. Die Konsortien verschaffen sich das Betriebskapital von Sparkassen und Volksbanken, die ihnen Summen vorstrecken. welche in einzelnen Provinzen jährlich eine Million überschreiten.“ Wenn wir in Palästina daran gehen, die öffentlichen Arbeiten in großem Umfange an Genossenschaften weiterzugeben, so ist es natürlich unmöglich, daß wir. wie in Italien die Höchstsätze ihrer Arbeiten auf 200.000 Lire oder, wie bei Verbänden, auf 400.000 Lire festsetzen, und überhaupt mit Einzel genossenschaiten beginnen. Wir müssen von vornherein große Verbände von Arbeitsgenossenschaften schaffen, die sich bereit erklären, größere öffentliche Arbeiten ausypfr.Prrvi und zwar sollte mit diesem Zusammenschluß bereits zu Beginn der öffentlichen Arbeiten an^efaneen werden, denn wir müssen Tiedenken, daß uns im Gegensatz zu allen anderen Ländern nicht die Arbeiter im Lande selbst zur Verfügung steV-en, wvndem daß die Arbe'ter erst in das Land einwandern müssen. Hier ergeben sich bereits für unsere Diasporatätigkeit fruchtbare Möglichkeiten. Es kann heute als gewiß gelten, daß der Auswanderun^s'drang, nach Palästina so groß sein wird, daß wir alle Kräfte ansnannen müssen, um ihn bewältigen zu können. Die öffentlichen A'•beiten werden, wenn die notwendigen 'Vorarbeiten technischer und sanitärer Art getroffen sin k einem großen Teil der Auswanderer ein sicheres Brot geben — insbesondere denen, die zu körperlicher Arbeit fähig sind — und so gleichsam einen Kristallisationspunkt der Einwanderung b;ld“n. So müßten bereits in den Auswanderunes- 13w,.»rp die körTv»>-1!c!i Geeigneten, die S'cb zur Uebernahme öffentlicher Arbeiten bereit erklären, in Gruppen und Genossenschaften zusammengeschlossen worden und diese, wenn möglich, zu einem Gesamtverbande. der in engste Verbindung mit den Ingenieur- und Technikergruppen zu treten hätte Mit diesem Gesamtverbande wären dann die Bedingungen für die einzelne Arbeit festzusetzen. Der Umfang der Arbeiten, die von den Arbeitergenossenschaften Italiens ausgeföhrt worden sind, ist ein recht beträchtlicher. Nach Preyer betrug die Gesamtzahl der von den Genossenschaiten erledigten Arbeiten von 1889 bis 1909: 337 mit einem Gesamtwert von über 70 Millionen Lire. Die italienische Regiert"1'’' war mit ihren Arbeiten durchaus zufrieden. „Wenn auch.“ so heißt es. nicht alle Genossenschaften die ihnen anvertrauten Arbeiten gut durchgeführt haben, so gibt es doch eine ganze Anzahl, die vorzüglich arbeiten.“ — „Wenn man die Pesultate der von Arbeitsgenossenschaften ausgeführten Arbeiten mit denen von Unternehmern vergleicht, so ist bei den Arbeitsgenossenschaften das Verhältnis der nicht einwandsfrei zu den sehr gut ausgeführten Arbeiten sicher nicht größer als das Verhältnis der schlechten und guten Arbeiten bei den Unternehmern. * * * Eine besondere Schwierigkeit für die jüdischen Arbeitsgenossenschaften liegt darin, ihre Kreditfähigkeit zu steigern, da in den meisten Fällen die Arbeiter völlig vermögenslos nach Palästina kommen werden. Auch in Italien ist dieses Problem ganz akut gewesen. Die Arbeiter-: genossenschaften sind an den Staat herangetreten mit dem Ersuchen, ihnen einen billigen Kredit zu gewähren, wofür sie ihm gewisse Aufsichtsrechte einräumen wollten. In Italien wird das Problem dadurch kompliziert, daß nur ein Teil der Arbeitergenossenschaften, die an sich ja keinen dauernden Charakter haben, zu Pachtgenossenschaften ungestaltet, wodurch naturgemäß die Kreditfähigkeit sehr ungünstig beeinflußt wurde. In Palästina liegen die Verhältnisse insoweit günstiger, als der weitaus überwiegende TeiF derjenigen, die in öffentlichen Arbeiten tätig sein werden, dies als Durchgangsstadium zur endgültigen Ansiedlung betrachten. Man sollte diese Arbeiter in Naturalien entlöhnen und einen Teil des Lohnes für die spätere Ansiedlung zurückbehalten, der gleichzeitig als Sicherheit für die Kreditierung gilt. In demselben Sinne werden die Arbeiterbanken wirken, die v-or allem Runpin propagiert. Die Entlohnung der Arbeiter muß eine solche sein, daß diese nach einer mehrjährigen Tätigkeit und einer landwirtschaftlichen Vorbereitungszeit in einem Gesamtzeitraume .der fünf Jahre im allgemeinen nicht übersteigen soll, die Mittel besitzen, um auf Erbpachtboden zu siedeln, das heißt selbständig zu sein. Ist das möglich? Ich glaube diese Frage bejahen zu können. Ruppin hat in seinem Buche Berechnungen durchgeführt, wonach das Gesamtkapital des Häuslers 6650 Franken betrug, das des Kleinsiedlers 12.900 Franken. Ich würde es nicht für richtig halten, wenn wir nach einer fünfjährigen Arbeitszeit im Dienste der jündischen Kolonisations-Gesellschaft die Arbeiten zu Häuslern aufsteigen ließen, die bei anderen Kolonisten den größten Teil ihres Lebensunterhalts verdienen müßten, und ich glaube, daß sich bei diesen Bedingungen nur sehr wenige Arbeiter bereit erklären werden, für die jüdische Kolonisationsgesellschaft zu arbeiten. Ganz anders ist es, wenn den Arbeitern Gelegenheit geboten wird, zum Kleinsiedler aufzusteigen. Denn dieser ist selbständig, bezieht nach Ruppin einen Reinei trag von 1050 Franken und kann also bescheiden von-seinem Anwesen leben. Ruppin hatte vorgeschlagen, daß der Häusler von den 6650 Franken 635 Franken aufzubringen hat, das sind zirka 9K Prozent; wenn der Kleinsiedier ebenso unterstützt wiTd, so braucht er nur zirka 1200 Franken eigenes Kapital, und dies kann der Arbeiter im Laufe von fünf Jahren Arbeitszeit aufbringen, wenn er jährlich 250 Franken erspart. Ich würde dann Vorschlägen,' einen' Vertrag mit den Ar’'-'1-—nossenschaften zu schließen, daß diese 250 FranFpn ir f':«’7°lnen jährlich durch diese 250 Franken jedem einzelnen jährlich durch die fünf Jahre abgezogen werden und ihm auf Konto seiner späteren Ansiedlung gutgeschrieben würden. Wir hätten damit zwei schwierige Fragen mit einemmal gelöst: erstens würde sich unter diesen Voraussetzungen für die Gemeinschatt und spätere Seßhaftigmachung auch der größte Teil der sozialistisch gesinnten Arbeiterschaft zu fruchtbarer Mitarbeit bereitfnden. Anderseits slr.d die jährlich zurückbehaltenen 250 Franken geeignet, die Kreditfähigkeit dieser Arbeitsgenossenschaft wesentlich zu steigern. Auf vielen Gebieten werden die Arbeitergenossenschaften in Palästina dasselbe Arbeitsfeld vorfinden, wie die Arbeitsgenossenschaften Italiens. Hier und dort sind Eisenbahnen zu bauen, ein Wegenetz zu schaffen, planmäßige Assaniernngstätigkeit zu leisten usw. Die palästinensischen Arbeitergenossenschaften sollten aber ein Gebiet in ihren Arbeitsbereich ziehe, das in Italien aus naheliegenden Gründen nicht bearbeitet worden ist: die Herstellung von Bauten. So notwendig ist es. das Privatuntemehmertum und die Privatinitiative auf dem Gebiete der Bauausführung walten zu lassen, um jedem Schematismus und Bürokratismus .vorzubeugen, so notwendig ist eine starke Bautätigkeit der ificVschen Kolonisationsee?e!lschaft in eigener Rege. Ebenso wie sie einen Teil der öffentlichen Arbeiten unter Uebergehung des Unternehmertums direkt an Arbeitsgenossenschaften vergeben kann, ebenso ist sie dazu bei der Vergebung von Bauten in der Lage. Ueber die Organisation dieser Arbeiten Pläne zu machen. d:e bis ins e:nze'n>e gehen, ist natürlich erst die Möglichkeit nach eingehenden persönlichen Studien in Italien selbst gegeben. Werbet Abonnenten für die ,Jüdische Zeitung“