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Jüdische Zeitung · 1920-10-29 · 29 (29.10.1920) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
29 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29 JÜDISCHE ZEITUNO Seite 3 Jabotinsky über die Lage hi der „J e w Ish Tim es“ vom 15.. Oktober verniet sich Jabotinsky in einem Artikel .JErez Israel, die Amerikaner und die Führer“ itesren den Versuch, die Verantwortung für das Versalien der Londoner Konferenz auf die Amerikaner abzuwälzen. Nicht die Amerikaner, sondern politische Kurzsichtigkeit, oder richtiger gesagt die Versklavune des aesunden politischen Oedankens an die diplomatischen Bedürfnisse brachte uns zu den trauriaen Ostervorfällen, zu einem Mandate, das falls nicht noch Aenderunaen zur Besserune voraenommen werden, die eanze praktische Bedeutuna der Balfourdeklaration und des Beschlusses von San Remo zunichte macht und zum Absterben der jüdischen Legion, ln Palästina selbst wurden bedeutende Summen »usgegeben, ohne daß eine einziae aesimde Institution aeschaffen worden wäre, außer der Hadassa. die nicht in die Kompetenz der offiziellen Lei tu na fällt Wenn auch der Plan der amerikanischen Delegierten vielleicht kein richtiaer ist. sei er zumindest in der Kritik richtig aewesen. Für ein derartiaes „Bauen“ können nicht einmal im reichen Amerika Mittel aesanunelt werden. Falls in Amerika selbst B r a n d e i s aroßer Opposition beeaanet. sollen wir von außen nicht versuchen. auf diese inneren Verhältnisse einzuwirken. Auch eine andere Leitung in Amerika wird nichts erreichen, so lanae dort ein jeder weiß, daß ln London und Jerusalem noch dasselbe System herrscht Das speziell in Amerika herrschende Gleichaewicht. zwischen den soaenasmten Westlern und Oestlem. das für unsere Bewegung so notwendig ist könne durch, eine Agitation von außen nur; eestört -werden. Der Jischub dürfte also nicht für Umwälzungen agitieren. sondern Verständiaune mit ihnen, direkt ohne jeden Vermittler suchen und seine Geschäfte allein führen — in Jerusalem, in London und auch in Amerika. Die Deleaiertenversammluna möge Leute nach Amerika schicken, die sich nicht mit Propaganda. sondern mit Aufklärung über die Lage in Palästina befassen und auch die amerikanischen Verhältnisse bezreifen. Falls der Jischub — schließt Jabotinsky seinen Artikel — »ui einen Rat der Führer warten sollte, so sei ihm als einem, der in London sitzt und von abseits der Wirrwarr betrachtet, dessenzleichen. er noch nie gesehen habe, erlaubt die Warnung auszosprechen: Falls .kein Wunder eeschieht. zweifle «r. ob die Hilfe von hier kommen wird. Ein amerikanischer Zionist über das Londoner zionistische Büro Im New-Yorker „Morninz Journal" vom 24. September veröffentlicht der amerikanische Journalist B; Shelwin seine Eindrücke von den Umwälzungen im Zentralbüro der zionistischen Organisation in London. Er habe das Büro «ach seiner vier wöchentlichen Abwesenheit zar nicht wiedererkannt. Die unter Einfluß von Brandeis gefaßten Beschlüsse haben bewirkt, daß .fast alle bekannten führenden Zionisten teils entfernt. teils sich zurückzezozen hätten. Weizknannund Sokplow seien fast stets mit politischen Dingen beschäftigt ibid größtenteils abwesend. Die ganze Leitung liege also in den Händen von Julius Simon, der ein geradezu diktatorisches Regiment führe. Auch Hantke. der bereits ein Haus in London erworben hatte, ist nach Berlin zurückgekehrt. Alle Beamten, die eigene Meinungen hatten, wurden entfernt, während das Büro von jungen Leuten geleitet wird, die. fast unbekannt in der zionistischen Bewegung, die Plätze eines Boris Goldberg. Naiditsch und Slatopolsky einnehmen, nur deshalb, weil sie gut parieren. Gerade während seiner Anwesenheit in London sei es vorgekommen, daß sowohl Sokolow wie auch Slatoposky und Naiditsch dem Adjutanten des Diktators Simon nachgeben mußten. Man spricht sogar davon, daß Slatopolsky und Naiditsch. -die Schöpfer des Keren Haiessod. ■sich zurückziehen wollen und an Weizmann ein Ultimatum gestellt hätten. Man ist allgemein der Ansicht, daß man die Mitglieder des Großen Aktionskomitees ehestens alarmieren und zu einer Sitzung einberufen müsse, um dem jetzigen Kurs ein Ende zu bereiten. Nicht nur Nordaiu. Marmorek und Sacher hätte resigniert, sondern auch die Resignation Ussischkins soll, wie es heißt bevorstehen; alles Opfer des neuen, sogenannten amerikanischen Kurses. Da in den Londoner zionistischen Kreisen große Entrüstung herrsche, habe er sich verpflichtet gefühlt, den Amerikanern die Lage zu schildern, damit sie sehen, was die amerikanische Delegation in London angeriohtet habe. (Herr Shelwin hat an der Jahreskonferenz als Delegierter teilgenommen und einige Wochen •später London wieder besucht) Die Beschlüsse der amerikanischjüdischen Exekutive Wie bekannt hat die zionistische Exekutive Amerikas eine außerordentliche Konferenz abgehalten, welche sich mit der durch die Londoner Konferenz geschaffenen Lage beschäftigte. Die auf der Tagung angenommene Resolution hat (nach „Jüd. Rundschau“) den folgenden Wortlaut: „Auf der Londoner Konferenz ist es klar geworden. daß mit der Entscheidung von San Remo und mit der Ernennung Herbert Samuels zum High-Commissioner durch die englische Regierung eine neue Epoche im Zionismus beginnt. Die Zeit der Erziehung zum Zionismus ist übergegangen än eine Periode der aufbauenden Arbeit in Palästina. Unsere vornehmlichste Pflicht in Amerika ist, alle Kräfte den gebieterisch dringenden Aufgaben zu widmen, welchen wir zur Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina gegenüberstehen. Bei allen unseren Arbeiten ist unser ernstestes Bestreben, die Integrität der internationalen Zionistischen Organisation zu erhalten und ihr weiterhin alle Mitarbeit und Teilnahme zft widmen. die ihre Leistungsfähigkeit im Dienst für die jüdische Heimstätte in Palästina erhöhen wird. Unsere Organisation wird der internationalen Zionistischen Organisation ihre Unterstützung i n dem Maße gewähren, als von der Zionistischen Organisation von Amerika oder von ihrer Landes- Exekutive bestimmt werden wird. Ferner ist es unsere Pflicht, sofort eine solche Reorganisation der Zionistischen Organisation von Amerika vorzunehmen, die sie instandsetzen soll, der Lage, die in Palästina entstanden ist. gewachsen zu sein. Alle Ausgaben der Organisation außerhalb Palästinas müssen auf ein Minimum reduziert werden, und um dies durchführen zu können, muß -die Arbeit so vereinfacht werden, daß ihre Konzentrierung auf die eine große Aufgabe möglich wird. Eine ReorganisierungskommissioH von fünf oder sieben Personen soll eingesetzt werden. Diese Kommission muß in Permanenz erklärt werden. Sie muß alle hören, welche angehört werden müssen oder es wünschen. Sie muß der Landes- Exekutive in einer besonderen Sitzung, die innerhalb 30 Tagen einberufen wird, Bericht erstatten, bevor der Plan dann — mit eventuellen Abänderungen — der Jahreskonvention vorgelegt wird. In bezug auf den Keren Haiessod ist unsere Ansicht die. daß, in Anbetracht dessen, daß van der 'internationalen Exekutive oder ihren Repräsentanten keine endgültigen Beschlüsse gefaßt worden sind, derzeit die Beschlußfassung über diesen Gegenstand aufgeschoben werden muß. bis bestimmte Daten zur Hand sein werden, ln der Zwischenzeit schlagen wir vor. mit besonderen Arbeiten in Palästina einschließlich der palästinensischen Regierungsanleihe fortzufahren in möglichst enger Verbindung mit der internationalen Zionistischen Organisation, deren Teil wir sind. Und zu diesem Zweck fordern wir alle amerikanischen Juden zu weitgehender Unterstützung auf. Es soll ein Komitee ernannt werden, das festsetzt, welche Arbeiten sofort in Palästina unternommen werden sollen, und das sich mit dem ganzen Fragenkomplex des Keren Hajessod beschäftigt. Wir schlagen vor, daß die in einem von Justice Brandeis vorge’.egten Memorandum skizzierten Ziele der Entwicklung eines jüdischen Palästina das Komitee für Reorganisation und das Komitee für Palästinaarbeit in ihren Beratungen leiten sollen. Und während es für die Organisation als solche notwendig geworden ist. alle ihre Kräfte auf das enorm schwierige Problem des Aufbaues Palästinas zu konzentrieren, ist es die Pflicht aller einzelnen Juden, weiterhin den lebhaftesten Anteil an der Verbesserung des Loses der Juden in allen Ländern zu nehmen und alle dahingehenden Bestrebungen zu unterstützen.“ Die litauischen Juden und der polnisch-litauische Konflikt Der ehemalige litauische Staatssekretär des Äußern, Rechsanwalt S. Rosenbaum. Präsident des Jüdischen Nationalrates in Litauen, der gegenwärtig in Paris weilt, um bei den zuständigen politischen Stellen zugunsten einer friedlichen Lösung des polnisch-litauischen Konflikts zu plädieren, machte dem Pariser CL-Korrespondenten der „Jüdischen Preßzentrafe Zürich“ folgende Angabe über die Rückwirkung dieses Konfliktes auf die Lage der Juden: Der polnischlitauische Konflikt wird von Rosenbaum als jüdische Frage betrachtet. Den litauischen Juden sei es gelungen, sich eine menschenwürdige Position zu schaffen. Sie seien gleichberechtigte Bürger und seien die Beziehungen des litauischen Volkes und der Regierung zu den Juden vollkommen loyal. Auf Grund eines SDezialgesetzes seien die Juden in autonomen Gemeinden und diese wiederum im Jüdischen Nationalrat organisiert. Dem Nationalrat sei es gelungen, die ärmeren Schichten der jüdischen Bevölkerung ökonomisch zu organisieren und dadurch ihren Lebensstandart zu heben. Auch in kultureller Beziehung hätten Nationalrat und jüdische Gemeinden bis heute recht viel geleistet. Die Juden nehmen bedeutenden Anteil am Aufbau des litauischen Staatswesens und erfreuen sich einer tatsächlichen Autorität im Lande. So sei z. B. der Auftrag, den Entwurf der litauischen Konstitution zu entwerfen. Rosenbaum zu teil geworden. Auch an den Friedensverhandlungen zwischen Litauen und Rußland nahm Rosenbaum regen Anteil. Dr. Soloweits c h i k sei als Minister für jüdische Angelegenheiten auch Mitglied des Ministerkabinets. wo auf seine Meinung viel Gewicht gelegt werde. Dies alles ginge verloren, wenn Litauen« — in welcher Form immer — unter politischen Einfluß käme oder wenn die wichtigsten Städte Litauens, wie z. B. Wilna. Grodno. Bialystok usw. polnisch werden sollten, abgesehen davon, daß diese Städte dann auch ökonomisch zu Grunde gehen würden. „Wenn ich über die Lage der Juden in Litauen spreche — führte Rosenbaum des weitern aus — so habe ich nicht nur die litauischen Juden, sondern das gesamte Ostiudentum geradezu ein Programm. Das Beispiel Litauens könnte mit der Zeit auch für die anderen Länder als Muster dienen. Gegenwärtig ist allerdings der Antisemitismus in Estland. Livland und namentlich in Polen derart, daß es momentan undenkbar ist. daß die Juden in erwähnten Ländern eine derartige Stellung einnehmen könnten, wie in Litauen. Für die Zukunft jedoch wäre noch vieles zu erhoifen. wem» erwähnte Völker sich durch das von Litauen gegebene Beispiel überzeugen, daß sie durch friedliches Zusammenleben mit den Juden und durch deren tätige Teilnahme am Aufbau des Landes nur gewinnen können. Aber die litauischen Juden haben auch viel „nähere“ Gründe, eine friedliche Lösung des polnisch-litauischen Konfliktes sehnsüchtig herbeizuwünschen. Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß die blutige Entscheidung des Konfliktes durch Waiienmacht. vor allem Judenpogrome hervorruren würde. Es genügt auf die in letzter Zeit stattgefunaenen Pogrome in Bialystok. Grodno. Wilna. Minsk. Borvssow. Smolewitschi. Seinv hinzuw eisern. Die Städte B o r i s s o w und S e i n y sind gänzlich vernichtet nnd dem Erdboden gleichgcmacht worden. In Minsk wurden einige Straßen bombardiert und vernichtet. In Grodno. das ebenfalls bombardiert wurde, wurden über 200 Juden ermordet ln der Umgebung von Wilna sind 15 Juden, hauptsächlich Greise und Kinder meuchlings ermordet worden. In Wilna selbst, wo während der ganzen polnischen Okkupationszeit geradezu ein ununterbrochener Pogrom stattfand. begnügten sich' die Polen vor ihrem Abzug mit Raub und Plünderung der jüdischen Handelst den.“ Nach Rosenbaums Ansicht sei es eine Ehrenpflicht der allweltlichen Judenh-edt. mit Anstrengung aller Kräite in dieser schweren Zeit den litauischen Juden beizustehen und dahin zu wirken. daß die Selbständigkeit Litauens und damit auch das friedliche Leben der dortigen Juden nicht von Barbarenhänden zerstört werde. Die Frage des Ostjordanlandes Wie erinnerlich, hat Sir Herbert Samuel vor einiger Zeit Transjordanien besucht und über die Zukunft des Landes bedeutungsvolle Erklärungen abgegeben, welche den Lesern unseres Blattes bekannt sind. Hiezu schreibt das Organ der englischen Palästinavereinigung „Palestme“ u. a.: Als die Franzosen den Platz des Emir in Damaskus entnahmen, erhob sich die Frage, ob sie auch seine Rechtsnachfolger in der Regierung über Transjordanien seien. Auf eine diesbezügliche Anfrage antwortete die Pariser Regierung unverzüglich, daß sie sich in. die Angelegenheiten Transjordaniens nicht einzumischen gedenke. Damit kamen die Schwierigkeiten mit den Einwohnern. Die transjordanischen Scheichs hatten niemals besondere Sympathien für die arabische Regierung von Damaskus, besonders als diese Aushebungen dnrchzuiühren und Steuern einzutreiben versuchte. Schon längst hatten die Scheichs britische Intervention gewünscht, und da diese jetzt Hand in Hand ging mit der Versicherung, daß keine Aushebung und keine Entwaffnung beabsichtigt sei (und dies ist einer der empfindlichsten Punkte der Beduinen), ist die gute Aufnahme der britischen Oberherrschaft als durchaus aufrichtig anzusehen. Soweit ist alles klar. Was aber sind die Grenzen von Transjordanien? Welches -wird sein Verhältnis zu Palästina sein? Wie soll man sich seinen politischen Zustand vorsteilen? Aui keine dieser Fragen gab der High Commissioner eine ausreichende Antwort, wahrscheinlich, weil in diesen Beziehungen noch keine klaren und endgültigen Entscheidungen getroffen sind. Nach dem Sykes-Plcot-Vertrag erstreckte sich die britische Emfiußzone im Süden bis zu einer Linie, die von Akaba ausging und die Hedschasbahn südlich von Maan kreuzte. Im Norden ging die Grenze entlang des Jarmuktales und von dort nordöstlich. Weder ist im Westen ein Unterschied zwischen Palästina und Transjordanien gemacht, noch im Osten zwischen Transjordanien und Mesopotamien. Wenn der Sykes-Picot-Vertrag die Sache nicht regelte, so tat dies ebensowenig der tatsächliche Zustand zur Zeit von Emir Feisals Regierung in Damaskus. Dieses provisorische Militärsystem bot uns weder eine Ostnoch eine Nordgrenze für das Gebiet dar, wo jetzt Großbritannien die Oberherrschaft hat. Die Grenzen werden jetzt erst bestimmt werden müssen. Der Sykes-Picot-Vertrag selbst ist ja. abgesehen davon, daß er wichtige Punkte unbestimmt läßt, längst zum alten Eisen geworfen. Eie Grenzen werden nach sichereren Grundsätzen bestimmt werden müssen, als die für ein flüchtig zusammengebrachtes diplomatisches Gemachte bestimmend waren, das niemals imstande war, auch nur einen einzigen Freund zu gewinnen, seit es das Licht der Oeffentüchkeit erblickte. Die britische Verwaltung wird auf Transjordanien ausgedehnt, aber nicht in derselben Form wie sie Ln Cisjordanien besteht. Die Autorität der Scheichs wird beibehaiten. nur daß sie britische politische Beamte als Berater erhalten. Transjordanien erhält seine eigene Verteidigungs¬ und Polizeitruppe. und die dort aufgebrachten Steuern werden im Lande selbst -verwendet. Bedeutet dies, wie manche vermutet haben, daß Transjordanien ein besonderer Staat neben Palästina sein soll oder daß es eine eigene Provinz von Palästina wird, die ein iiir ihre besonderen Bedingungen passendes Verwaltungssystem erhält? Wir finden in Sir Herbert Samuels Rede keine klare Antwort. Wir entnehmen ihr nur. daß für Cisjordanien und Transjordanien ein gemeinsamer High Commissioner. und daß zwischen beiden Teilen absolut freier Verkehr

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