Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 28 (15.10.1920)
- Date
- 1920-10-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2438141-2438777-2438805--6785-2446902- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 28 Rahmen des Tätigkeitsberichtes fallen, welcher übrigens auch sonst viel Kritik taervorruren und viel Zeit in Anspruch nehmen dürfte. Hingegen wird dem Parteitage eine komplizierte Frage vorliegen, die seit zwei Jahren viel zu schaffen gibt und jetzt eine Bereinigung erfahren soll. Sollte diese Frage nicht mit Behutsamkeit und gegenseitigem Entgegenkommen behandelt werden, so könnte sie, wenn sie im Anfänge der Tagesordnung behandelt würde, die größte Zeit der Verhandlungen in Anspruch nehmen, oder, wenn sie spät angesetzt wird, gar nicht gelöst werden. Es ist die O r g a n i s a t i o n sfrage. welche den letzten Parteitag wohl ganz absorbierte, jedoch trotzdem unerledigt blieb. Bekanntlich beschloß der letzte Parteitag, daß das Landeskomitee ein Organisationsstatut dem kommenden Parteitag vorzulegen hat, wonach die Organisation im ganzen Lande sich nach Ortsgruppen der Parteisteuerzahler gliedert, einzelne Vereine hingegen, insofern dieselben nicht Ortsgruppen bilden, der Organisation nicht angegliedert werden können. Inzwischen sind diese Ortsgruppen gegründet worden und das Landeskomitee wird das neue Statut zur Sanktionierung dieses neuen Organisationssystems dem Parteitag vorlegen, was an sich keinen Widerspruch hervorrufen wird. Daß die in Wien gegründeten Bezirkssektionen noch bis nun kein vereinigendes Bindeglied haben, das sie zusammen die Wiener Organisation bilden läßt und daß dadurch die Bezirkssektionen viel zu wünschen übrig lassen — hierin Remedur zu schaffen, wird es dem Parteitag nicht schwer fallen, obwohl mancher den jetzigen Zustand für gut befindet. Nun zeigte es sich aber, im Laufe der Zeit, daß dennoch manche zionistische Kreise sich in die Bezirkssektion nicht eingliedgrn lassen können. Die zionistischen Hochschüler zum Beispiel verlangen die Konzession, ein eigenes Glied in der Organisation bilden zu dürfen und dürften diese ihre Forderung am Parteitage mit Zähigkeit verfechten. Ferner ist eine zionistisch-sozialistische Gruppe vorhanden, die „Hitachdut Hapoel Hazair und Zeirei Zion“, die zwar ihrem Weltverbande untersteht, deren Mitglieder jedoch auch dem österreichischen zionistischen Landesverbände angehören, welche Gruppe kraft ihrer gesonderten Stellung das Recht für sich in Anspruch nimmt, eine Fraktion innerhalb der österreichischen zionistischen Organisation unabhängig von den Ortsgruppen zu bilden. Diese Sonderwünsche sind es, welche einer raschen Erledigung des neuen Organisationsstatutes im Wege stehen könnten. Es wird sich jedoch empfehlen, gerechten Forderungen Verständnis entgegenzubringen und in diesem Falle würde die Organisationsfrage eine glückliche Lösung finden, ohne aUzu viel Zeit in Anspruch zu nehmen. Ich möchte zum Schlüße auf eine wichtige Frage hinweisen, die am Parteitag ihre Lösung finden könnte. Es ist die Frage der Teilung zwischen Palästinaarbeit und Landespolitik. Ersterer müßte das Hauptaugenmerk der neuen Leitung zugewendet werden, für die nationale Galutarbeit hingegen müßte ein politischer Referent bestellt werden, dem der Rat der. Mandatare zur Seite stünde, welch letzterer mit eventueller Zuziehung noch anderer Mitglieder den politischen Ausschuß bilden sollte. S. Picker. Von der Konferenz des Waad Hasmani Wir haben in unserer letzten Nummer einen Bericht über die letzte Sitzung des Waad Hastnani veröffentlicht, welche zu der durch die Londoner Jahreskonferenz geschaffenen Lage Stellung genommen hat, und den Bericht Ussischkins im wesentlichen wiedergegeben. Wir veröffentlichen im Nachstehenden auf Grund des im „Haarez“ abgedruckien Sitzungsprotokolles Auszüge aus einzelnen Reden, welche für die Auffassung der einzelnen Gruppen in Palästina kennzeichnend sind. Nachdem David Yellin den Bericht Ussischkins ergänzt hatte, wurde die Diskussion eröffnet. Josef Ahrcnowicz (Hapoel Hazair): Die Konferenz gab ein Bild der Zerfahrenheit der Zionistischen Organisation. Sie zeigte uns unsere Schwäche, die uns vor den Amerikanern bloßstellte. Die Amerikaner hatten ein Programm, wenn auch ein schlechtes, gegen das wir uns wenden müssen, aber was war das Programm von Ussischkin? Es ist noch schlechter: es fordert zwar die Heranziehung von Privatmitteln. aber es sagt nichts über die Aufgabe des Volkes. Die Zionistische Leitung ist schuldig an unserer Krise und nicht nur die Amerikaner. Wißt Ihr, von wo der Defaitismus ausgeht? Vom Hotel Jus (Sitz der Zionist Commission — Anm. d. Red.). Auf jede Forderung antworten sie: es gibt kein Geld, es gibt momentan keine Arbeit, wir wissen nicht_ was sein wird. In der schweren Kriegszeit ist d£s' Palästinaamt in Jaffa niemals erlahmt. Wenn inan die Arbeit fortführen will, muß man eine Atmosphäre des Zutrauens um sich verbreiten. Wenn kein Glaube da äst, wreim man uns vor eine Wand stellt, dann wäre es besser, das Hotel Jus zu schließen. Ihr rechnet in Eurem Programm nur mit Einzelnen. Das Volk kommt gar nicht in Betracht, Ihr glaubt nicht an das Volk. Auch Keren Hajessod, diese gute und schöne Sache, ist nicht den Vertretern des Volkes übergeben worden. Und doch werden wir sogar in die Länder der wirtschaftlichen Zerstörung gehen und werden dort Geld bekommen. Nachdem die Armen gegeben haben, werden die Reichen kommen. Zu dem Volk aber müssen Leute kommen, welche an das Volk glauben und an die das Volk glaubt. Darum bedürfen wir eines Umsturzes, einer Neuschöpiung, einer zionistischen Volksorganisation. Die linken Parteien werden diesen Umsturz vollführen und das Volk wird ihnen folgen. Ussischkin hat auch den linken Parteien vorgeworfen, daß sie sich in London mit denselben nichtigen Dingen beschäftigen. Wir bekennen uns schuldig, wir schlagen an unsere Brust, daß wir nicht die Führung der Konferenz in unsere Hand genommen haben. Die Einstellung Brandeis1 war nicht richtig, aber in seiner Kritik war sehr viel richtiges, Dinge, die wir voll unterschreiben können. Aber mit der Frage der Leitung haben sich nicht nur die Amerikaner befaßt, sondern alle. Niemand ist unschuldig. Wir wollten aufstehen und sagen: was soll uns dieses Spiel! — wir hätten es tun können, aber wir haben es nicht getan, aus einer gewissen Hemmung eines zu starken Verantwortlichkeitsgefühls. Wir haben gesündigt, aber was wir dort nicht getan haben, werden wir hier tun können. Wenn wir sitzen bleiben und darauf warten, daß die Führer sich um uns kümmern und Geld schaffen werden, dann wird gar nichts sein. Aber wenn wir uns erheben und zu den Führern sagen, bis jetzt habt Ihr mit dem Zionismus gespielt. jetzt wollen wir kommen und schaffen — dann wird auch Geld da sein. Was hat die Leitung getan? Jetzt, nach San Remo, nach der Ernennung eines jüdischen Gouverneurs schickt sie ein Telegramm nach Wien: „stop emigration“ — und auch der Waad Hazirim hat telegraphisch verlangt, keine Visa zu geben. Demgegenüber haben wir .nach London mitgeteilt und wiederholen diese Erklärung hier in Jerusalem, daß wir uns an diesen Einst el 1 un g sb e f ehl nicht halten werden. Wir sind gewillt, in jeder Sache strengste Disziplin zu halten. Aber auf die Aljah werden wir nicht verzichten, und wenn wir als Eindringlinge betrachtet werden, dann zwingt nian uns, aus der Zionistischen Organisation auszutreten. um unsere Arbeit fortsetzen zu können. Dann werden wir selbst Geld sammeln, Anleihen aiunehmen und werden in irgend einer Werne die erforderlichen Mitei bekommen. Ohne Aljah gibt es heute keinen Zionismus. Wenn unsere jungen Leute sich in Wien und anderswo herumtreiben, nützen sie niemanden, aber wenn sie herkommen. werden sie schallen und arbeiten. Der Waad Hazirim möge wissen, daß die Aljah nicht unterbrochen wird, und daß keine Macht der Welt sie aufhalten kann. Dr. B. Mossinsohn: Die Situation war vielleicht noch schlimmer, als Ussischkin sie dargestellt hat. Man hat über die wichtigsten Dinge beinahe spöttisch gesprochen und die Konferenz selbst ironisiert. Deutlich ist .die Tendenz zu merken, vielleicht ohne Absicht, überall einen fremden Geist hereinzubringen. den Geist der Englischsprechenden, sowie zur Zeit der Administration des Barons den französischen Ahrnowicz schlägt jetzt an die Brust, aber warum stand er und seine Genossen bei der Konferenz nicht auf und sagte wirklich: „Genug des Spiels!“? Warum waren sie beschäftigt mit Parteiangelegenheiten und haben nicht die ganze Konferenz gerettet? Jetzt mögen sie nicht andere beschuldigen. Wir, die wir uns nicht „Linke“ nennen, haben mehr für die volkstümlichen Prinzipien gekämpft als sie. Ein Einziger versuchte es. auf der Konferenz Arbeit für die Einwanderer. Kulturarbeit, eine politische Vertretung in Palästina zu verlangen, aber es scharte sich niemand um ihn. Wir wissen, daß drei Vierte! der Amerikaner mit uns gewesen wären, denn sie sind ja russische Juden, die so fühlen wie wir, aber sie waren durch Disziplin geknebelt Ich kenne und schätze Brandeis, er ist ein Charakter, ein richtiger Zionist, aber er denkt anders als wir, er kam mit Ideen, die unserer Meinung nach gefährlich sind, aber er begegnete keinem ernsten Widerstand. Hätten wir deutlich gesagt, bis hierher und nicht weiter, dann hätte er begonnen, uns zu verstehen. Heute stehen wir vor einer Krise. Wenn nicht Arbeit im Lande geschaffen wird, werden wir nicht nur nicht vorwärts, sondern rückwärts gehen. Ich glaube nicht an Ussischkins Trost, daß er Privatmittel aus Amerika bekommen wird. Ich will nicht schwarz malen, aber ich will, daß wir die Situation so sehen, wie sie ist und zunächst alle unsere Kräfte im Lande anstrengen. Wenn wir selbst das Unsere tun. dann wird diese Energie ihren Widerhali auch im Auslande finden. Eljahu Munczik bezeichnet es als Schuld der Palästinenser, daß sie die Amerikaner nicht besser informiert haben. Die Abgesandten, die drüben waren, haben sich nur um die Großen gekümmert. nicht um das Volk. Symptomatisch sei auch das Verhalten der A. P. C„ die zwar Getd für Beiruther Effendis. nicht aber für jüdische Arbeiten hat. Welcher Zustand wäre heute im Lande, wenn nicht die Einwanderung gewesen wäre? Redner greift die palästinensischen Juden heftig an, daß sie sich um die Einwanderer nicht bekümmert haben. Remes (Achduth haawodah): Für eine» •großen Teil der Arbeiter kommt die Krise nicht unerwartet. Man hat aus den Amerikanern eine Karikatur gemacht die immer mehr ausgesponnen wird; w.ir sind mit den Amerikanern einig in ihrer Kritik, ln dem Augenblick, als Ussischkiit, Weidmann und Sokolow ihre Hand gegen die Nationalisierung des Bodens erhoben haben, wurde das Schicksal dieser Führer entschieden. Uns war das frühere Palästina-Amt vieb lieber als der Waad Hazirim. der Millionen ausgegeben hat, die keine Früchte getragen haben. Redner bespricht die Zustände im Lande und greift Ussischkin heftig an. Wenn die Leitung abtritt, werde .eine neue Volksbewegung entstehen. Aber im Waad Hazirim zu sitzen und gegen Arbeit zu sein, ist unmöglich. Dr. Arthur Ruppin: Wir dürfen nicht vergessen, daß die Amerikaner während des Krieges den Jischub gerettet haben, Sie haben mehr getan, als wir damals erwartet haben. Ihre jetzige Ansicht ist irrig, ist ein Mißverständnis, aber unsere Sache ist, sie nicht zu vergewaltigen, sondern sie zu überzeugen. Wir müssen Ihnen erklären, -daß es für uns geschäftliche und nichtgeschäftliche A n g e 1 e g e nheiten gibt. Eine Agrarbank z. B. ist ein rein geschäftliches Unternehmen, aber wem sie Kredit zu geben hat, — dies ist eine Frage der Vorbei reitung der Arbeiter, eine nichtgeschäftliche Angelegenheit. Es gibt Dinge, die heute keinen Profit geben, aber später viel eanbrmgeii werden. Dies sind zum Beispiel die Farmen. Wir können auch unseren Kindern keine solche Erziehung geben wie die Araber. Wenn wir sie zu gute* Bauern und Handwerkern erziehen wollen, dann ist eine größere Bildung nötig, als die in den Regierungsschulen erreichbare. Wenn es uns nicht gelingt, den Amerikanern die Notwendigkeit der niehtgeschäftlichen Arbeit zu beweisen, dann wollen wir ihnen die rein geschäftlichen Arbeiten übertragen und die übrigen Länder werden sich bei der Befriedigung unserer anderen Bedürfnisse beteiligen. Täuschen wir uns nicht über die amerikanische Masse, auch sie hat kapitalistische Begriffe. Wenn wir die Amerikaner nicht nach ihren Begriffen im Lande arbeiten lassen, werden wir kein Geld aus Amerika bekommen. Ich frage die Arbeiter: Sie haben sich doch an die Massen in Amerika gewendet, undwie groß sind die Summen, die sie bekommen haben? Auch der Natioltalfonds hat statt einer Million nur 80.000 bis 90.000 Pfund Sterling'eingenommen.- Das private Kapital der amerikanischen Zionisten hat nicht die Absicht, den Jischub aüszubeuten. denn er wird sich mit kleinen Gewinnen begnügen; so war es auch bei der P. L. D. C„ privates Kapital zum Zwecke der Erschließung des Landes auf geschäftlicher Grundlage. Ich glaube auch, daß wir uns viel mehr an Selbständigkeit gewöhnen müssen. Jede Gesellschaft. die gegründet wird, wendet sich gleich um Unterstützung an den Waad1 Hazirim. Das dürfte aber nur in Ausnahmsfällen. geschehen. Der Waad Hasmani oder die Assefat Haniwcharim wird eine Wirtschaftskommission ednsetzen, welche sich mit der Entwicklung von geschäftlichen Gesellschaften im Lande zu befassen haben wird. Die Gesellschaften haben sich auf der ganzen Welt Ln ungeheurem Maße entwickelt. Eine Gesellschaft, die in Amerika im Jahre 1909 mit einem Kapital von 2000 Dollar gegründet wurde, hatte nach sieben Jahren ihr Kapital auf über eine Million Dollar gebracht. Es gibt viele Möglichkeiten, Transportgesellschaften, Hypothekenbanken, Industrie-, Ballgesellschaften usw. ich habe mit dem Gouverneur über alle diese Fragen gesprochen, und er ist bereit, allen derartigen Gesellschaften zu Hilfe zu kommen. Die Einkünfte aus den Steuern1 können hier herangezogen werden. Wenn der Jischub vergrößert wird, werden auch diese Gesellschaften sich entwickeln. Es muß eine neue Ordnung in unsere Arbeit kommen. Der Waad Hazirim muß umgestaltet werden. Alle geschäftlichen Angelegenheiten müssen ihm entzogen werden, und er soll sich nur mit nichtgeschäftlichen Angelegenheiten befassen, für die immer auch die Unterstützung einzelner Faktoren des Auslandes herangezogen werden . sollen. Selbstverständlich werden auch die Leiter der verschiedenen Gesellschaften einen gemeinsamen Rat schaffen müssen, damit keine Anarchie in ihrer Arbeit einreißt, und sie bedürfen auch der Aufsicht bezüglich der Steuern und der Gewinne. Ich hoffe, daß auf diese Weise ein Einvernehmen zwischen uns und den Amerikanern zustandekommt, und habe mich auch in diesem Sinne in London geäußert. Der Gouverneur wird demnächst ein Gesetz erlassen, das als Reglement für alle Arten der Gesellschaften gelten .soll. Redner erwartet viel von der Wirtschaftskommission, die von der Assefath Haniwcharim eingesetzt werden soll, von der bevorstehenden Regelung des Steuerwesens, von der Unterstützung der genossenschaftlichen Institute, wie „Hamaschbir“, usw. Die Assefath Haniwcharim wird solche Gesellschaften anregen müssen. . welche das öffentliche Leben im Lande erleichtern und auch den Aktionären Nutzen bringen. Wenn im Lande selbst der Anfang gemacht wird, werden die Kapitalen von außen kommen. Zum Schluß betont Redner, daß nach Ablösung der