Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 28 (15.10.1920)
- Date
- 1920-10-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelexemplare K 2.— 00 Sedaktioa and Administration; V/Iaa I!., Taboratraße I Fernsprecher Nr. 44033 u. 43319 vity-v Nalional-jüdifche* Organ Mit aer Beilage: «Der jüdische Nationalionds“ XIV. Jahrgang Nr. 28 Wienj Freitag^ den 15. Oktober IS20 SezBgsrfels: Vierteljährig 13K gsnzj. 50 K, Einselnnmmer 2 & Postaparkaiaenkonto 133.404 Wieder steht ihr vor der Aufgabe, eure politische Kraft zu zeigen. Das Wahlrecht, das euch am Sonntag an die Urne ruft, gibt euch die Gelegenheit, der Welt von Feinden, die euch allen an Existenz und Ehre greift, euren felsenfesten Willen zu beweisen, eurem Volkstum treu zu bleiben und nur seinem Gebot euch zu fügen. In der abgelaufenen Tätigkeitsperiode der Nationalversammlung habt ihr alle prüfen können, wer euch in Wahrheit vertritt, für euch spricht und handelt, und ihr alle könnt nur das Urteil fällen, daß einzig und allein der jüdischnationale Abgeordnete, den ihr am 16. Februar 1919 gewählt habt, euch in würdiger Weise vertreten hat. Unter den verschiedensten Namen drängen sich die alten Vertreter des Judentums, seine Verleugner und Irreführer an euch heran. Sie, die früher als Libreale bewußten Verrat am Judentum geübt haben, nennen sich jetzt entweder Demokraten oder Freiheitlichsoziale oder Arbeitsparteiler. Ihre Demokratie besteht darin, daß sie im Kriege zu allen Bestialitäten des Militarismus geschwiegen haben, ihr Freiheitssinn hat sich mit Orden und Titeln erkaufen lassen. Eure Männer, eure Söhne sind im Kriege geopfert wörden,“ während im Tiinterland eure jüdische Ehre beschimpft, eure Toten und Verwundeten geschmäht wurden. Wo waren damals diese Demokraten und Freiheitlichen? Erinnert euch daran, daß damals so wie heute nur die Jüdischnationalen daran arbeiteten, die Wunden, die euch jüdischen Opfern der Krieg der Nichtjuden geschlagen hat, zu heilen. Not und Kummer verwüsten das jüdische Haus. Euer redlicher Erwerb wird verdächtigt, eure Wohnungen werden unter nichtigen, dummen Vorwänden beschlagnahmt. Warum reden die Demokraten nicht? Weil sie nicht mit euch, nichts für euch fühlen. Die jüdischnationale Partei allein hilft euch eure Sorgen tragen. Sie entstammt dem jüdischen Volke, sie denkt für das jüdische Volk. Die jüdischnationale Partei hat die gesamte soziale Arbeit für die durch den Krieg verarmten auf sich genommen, sie hat das auswärtige Judentum für eure Kinder zu Hilfe gerufen, sie sorgt für Tagesheimstätten, für die jüdischen Witwen und Waisen, für Arbeits- und Erwerbsgelegenheiten, für billige Lebensmittel. Die jüdischnationale Partei tut dies wahrlich nicht erst der Mandate wegen, sie kennt als Volkspartei, als moderne, demokratische Organisation ihre Pflicht. Aber sie kämpft allein gegen die mißgünstigen Behörden, gegen die Verhetzung der antisemitischen Straßendemagogie muß sie in harter, alle Nerven aufreibender Arbeit für das jüdische Volk sich wehren und die Beachtung der Gesetze erzwingen. Sie allein schützt eure Kinder vor dem Ausschluß aus den öffentlichen Schulen, sie erhält ihnen die Möglichkeit auf Bildung. Demokraten, Sozialdemokraten und Kommunisten— sie alle kennen euch nur, wenn Wahlen kommen. Jetzt, heute, versprechen sie euch das Blaue vom Himmel. Später erinnern sie sich nicht mehr an euch. Eure Leiden, eure Sorgen finden bei ihnen nur taube Ohren oder werden mit Hohn zurückgewiesen. Wenn etwas gegen euch unternommen wird, dann sind die Demokraten nicht da, die Sozialdemokraten fordern eure Wohnungen und die Kommunisten, deren Wirkern der Pogrom selbst ist, verlachen euch. Jüdische Wähler und Wählerinnen! Denket daran, bei wem allein ihr Hilfe and Schutz, warmes, brüderliches Mitgefühl gefunden habt. Denket daran und wählet die jüdischnationale Liste Robert Stricker, Anitta Müller und Genossen! Zum bevorstehenden Parteitag Der Parteitag der Zionisten Oesterreichs ist für den 31. d. M. und den 1. des kommenden Monats anberaumt und bis heute war für denselben fast gar kein Interesse zu merken. Es ist höchst erstaunlich, wie jetzt, nachdem im Zionimus die Phase der unmittelbaren Verwirklichung eingetreten ist, da die Notwendigkeit der Propaganda nach außen ihren Abschluß der Innenarbeit zhwenden muß, man wohl füglich von der Außenpropaganda für die zionistische Idee abgesehen, jedoch mit der notwendig gewordenen Innenpropaganda nicht eingesetzt hat und viele sich im Bewußtsein des erreichten Erfolges einem süßen Schlummer ergeben haben. Im sicheren. Bewußtsein, daß ja schon jemand da ist, der alles besorgt, wird, beinahe nach der Art der gewissen, alten Messiasgläubigen, allenthalben verfahren. Und wird endlich ein Parteitag ausgeschrieben, und zwar rechtzeitig ausgeschrieben, so lebt man erst recht mit beruhigtem Gewissen in ruhiger Zuwartung: Nun wird der Parteitag alles bringen. Aber das große zionistische Publikum tut nichts, damit der Parteitag wirklich etwas bringe. Zum Parteitag selbst werden auf diese Weise die Delegierten in der Regel unvorbereitet kommen und dessen Verlauf wird durch frucht- und uferlose Debatten leiden. Was dann noch der Parteitag bringen kann, das möchte ich noch rechtzeitig zu bedenken geben. Daß sämtliche zionistische Kräfte bis jetzt durch die Wahlbewegung absorbiert waren, wird doch niemand behaupten. Es ist dies eine Erscheinung, die vielen den Vorwand gibt, .weder für die Wahlen noch sonst zu arbeiten. Da aber nun die Wahlbewegung bald zu Ende sein, wird und sämtliche Kräfte hievon entlastet sein werden, soll hiemit auf die Wichtigkeit hingewiesen werden, die Fragen, die den Parteitag beschäftgen werden, einer vorherigen Erörterung zu unterziehen. Denn, wie gesagt, am Parteitag selbst, für den zwei Tage reserviert sind, wird es unmöglich sein, die eminent wichtigen und zugleich' sehr, komplizierten Fragen auch nur im geringsten erschöpfend zu behandeln, geschweige denn einer totalen Lösung zuzuführen. Wie nun diesem Ziele meines Erachtens näher zu kommen und in welchem Sinne manche Frage zu lösen wäre, soll im folgenden kurz dargelegt werden. Den Kardinarlpunkt des Parteitages muß der Keren Hajessod bilden. Da nun, die zionistische Oeffentlichkeit über sämtliche Vorgänge durch die Presse im Laufenden gehalten wird, so könnten Spezialberichte, wie über die Londoner Konferenz, über die Lage in Palästina, über die Tätigkeit des Nationalfonds, des Palä_stinaamtes usw. unterbleiben zugunsten eines umfassenden Palästir.aberichtes, der vorher gedruckt erscheinen soll. Dieser Bericht soll in einem detaillierten Plan gipfeln für die sofort in größtmöglichem Maße einzusetzende Aktion zugunsten des Keren Hajessod. Nach diesem Plane müßten hunderte von Zionisten zu entsprechend verteilten und obligatorisch zugewiesenen Arbeiten nach einer strenge disziplinierten Dienstpragmatik rekrutiert werden. Ja, rekrutiert werden; denn wenn man sie entsprechend aufrufen und den Dienst entsprechend verteilen sollte, würden sie gerne ihrer Pflicht nachkommen. Nur keine Ausnahmen! Auch kein Loskaufen durch Erlag der eigenen Steuer! Freilich muß jeder zuallererst mit seiner Leistung heran; dann aber muß es heißen: sich in den Dienst der Sache stellen nach Anordnung und Zuweisung durch die Leitung im Einvernehmen mit dem Betreffenden. Immerhin müßte immittelbar vom Parteitag die großzügigste Aktion für den Keren Hajessod in Oesterreich ausgehen. Die Frage der Betätigung in der Landespolitik dürfte die Tagung nicht lange in Anspruch nehmen, da es nunmehr fast gar keine prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten im zionistischen Lager über die Notwendigkeit der Landespolitik gibt. Wohl wird es Kritik über die Art oder den Umfang der politischen Tätigkeit geben; diese Kritik wird aber höchstwahrscheinlich in den