Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 27 (1.10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 27 Cs 4st wichtig zu bemerken, daß die englischen Behörden einen Unterschied zwischen den Juden ehemals feindlicher Länder und anderen Juden nicht machen werden. Man kann somit sagen, daß die Organisierung der Auswanderung seitens der englischen Regierung für uns im weitesten Ausmaße günstig geregelt worden ist. Trotzdem ist heute — und das muß auf das stärkste betont werden — absolut noch keine Möglichkeit vorhanden, diese uns so vorteilharten Bestimmungen auszunützen. Es gibt heute keine Arbeitsmögüchkeit in Palästina. Im Gegenteil, die Zahl der Arbeitslosen in Palästina ist derzeit bereits auf 2000 angewachsen. Somit ist jede weitere Einwanderung •nach Palästina iin gegenwärtigen Zeitpunkt für den Aufbau und die geregelte Entwicklung des Landes von höchster Gefahr. Die erste Arbeitsmöglichkeit wird die Inangriffnahme öffentlicher Arbeiten geben, welche geplant sind. Um aber diese öffentlichen Arbeiten zu ermöglichen, sowie auch um andere Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, ist heute in Palästina neben privaten Geldmitteln und Unteraehnrergeist das finanzielle Eingreifen des jüdische n Volkes auf der ganzen Welt notwendig. Diese brennendste Frage wird von der palästinensischen Regierung sowie von der zionistischen Leitung in ihrer ganzen Schwere gewürdigt. Die Frage der Geldbeschaffung muß heute vor jeder anderen zionistischen Arbeit weit zurücktreten. Die ersten Schritte sind bereits unternommen worden. Es sind folgende Aktionen in Aussicht genommen: 1. Eine palästinensische Staatsanleihe von 2% Millionen Lst. Diese soll garantiert sein durch d'.e Einkünfte Palästinas. Es sollen reiche Juden in London und New-York die ganze Anleihe übernehmen und sie dann vielleicht durch die Kolonialbank. vielleicht durt^h andere Banken dem jüdischen Publikum anbieten. Die palästinensische Regierung und der High-Commissioner Herbert Samuel sind überzeugt, daß .diese Anleihe einen großen Erfolg haben wird. 2. Der Keren haiesod. 3. Der Economical Council. Diese Körperschaft, welche auch auf der Konferenz ins Leben gerufen wurde, hat vor allem zwei Aufgaben: 1-. Die Verwendung des für rentable Unternehmungen in Anspruch genommenen Teiles des Keren haiesod zu prüfen und 2. in nichtzionistischen Kreisen. Geldmittel zu beschaffen. von Seiten solcher jüdischer Interessenten. welche sich mit Rücksicht auf die Rentabilität dieses Betrages an dem Wiederaufbau beteiligen wollen. Ferner soll in nächster Zeit im. Rahmen des Keren hajesod in London eine Konferenz reicher, englischer Juden zusammentreten, die auch von Nichtzionisten' beschickt sein-, soll und. wie man hofft, große Mittel aufbringen wird, um die Einwanderung notleidender Ostiuden nach Palästina zu ermöglichen. Es soll dies ein humanitäres Palästinau'iiternehmen sein, das den Juden. ohne Unterschied des Bekenntnisses, eine Mitarbeit an der Linderung der jüdischen Massennot durch Beförderung der Emigration nach Palästina ermöglichen soll. Es wird gewiß einige Monate, dauern, bis sich die ersten Wirkungen zeigen werden: dann werden auch die. Arbeitsmöglichkeiten in Palästina so weit sein, daß eine Einwanderung in größerem Stile beginnen kann. Wann dies_ sein wird. ist. wie gesagt, heute eine reine Geldfrage. Daß vor der Einwanderung erst Arbeitsmöglichkeiten da sein müssen, steht ein für allemal fest Die Einwanderung der Mittellosen darf nicht früher einsetzen. bis Palästina selbst nach dieser Einwanderungverlangt. Die Zionist Commission wird durch amtliche Zirkulare alle Palästinaämter über die Arbeitsmöglichkeiten im Lande ständig am Laufenden halten. Was die Palästina Wanderer anlangt, die schon auf dem Wege sind, so äst es unmöglich, daß sie nach Hanse zurückkehren, ebenso unmöglich. daß sie jetzt nach Palästina geschafft werden. Es bleibt nur eine Möglichkeit: eine Zwischenstation auf dem Wege zu finden, wo sie unterdessen Unterkunft und Arbeitsmöglichkeit finden. Die Forderungen des palästinensischen Judentums Der palästinensische Mitarbeiter der ..löschen Pressezentraie Zürich" berichtet: Am 24. August fand unter Teilnahme fast aller Mitglieder sowohl aus den Städten als aus den Kolonien die 13. Sitzung des Waad Hasmani in .1 a f f a stau. Auf der Tagesordnung - standen: Bericht der Londoner Delegierten und E i n~b er ui u n g der Delegierten- Versammlung. D r. Thon eröünete die Versammlung. Es wurde beschlossen, die Delegiertenversammlung für den 7. Oktober nach Jerusalem einznberufen. Auf der Abendsitzung erstattete sodann Uussischkin den mit Spannung erwarteten Bericht über die Londoner Konferenz. Ich bringe keine gute Botschaft. Aus dem vorgelegten Rechenschaftsbericht ist zu ersehen, daß die Konferenz unseren Hoffnungen nicht entsprochen hat. Alle, die nach San Remo aus Osteuropa und hauptsächlich aus Palästina nach London kamen, waren in gehobener Stimmung. Die palästinensischen Delegierten kamen auch nach der Geulah Woche. Wir dachten, daß unsere Gedanken nur auf die eine Frage konzentriert sein würden, wie kann man gleich in Palästina mit der großen Arbeit beginnen. In London fanden wir iedoch eine ganz andere Geistesverfassung. Der Frage der Mittel und dem Arbeitspläne wurde fast keine Aufmerksamkeit geschenkt. (Zwischenruf Jeliins. warum „fast“, überhaupt nicht) Die Gedanken der Konferenz waren von Anfang an auf die Frage der Leitung, die Personenfrage. gerichtet. Wir dachten, daß. nachdem die ganze Judenheit nach San Remo sich in gehobener Stimmung befindet, die finanziellen Kreise iens'eits des atlantischen Ozeans längst über die Beschaffung der Mittel beraten und auch einen Arbeitsplan gefunden haben. Aber das war keinesfalls der Fall. Die amerikanischen Delegierten brachten nur ein neues System: Zuerst müsse alles zerstört werden, dann werden wir sehen, was weiter zu geschehen hat. Aber auch unsere palästinensischen Parteien, die rechten und die linken, was taten sie? Sie stritten über die Frage der Nationalisierung. wo weder nationale noch private Geldmittel vorhanden sind, über die Waadei Hachinuch und ähnliches Aber auch bei ihnen konnte man keinen ausgearbeiteten Plan wahrnehmen. Audi bei ihnen war gleich wie heim A. C. in London die wichtigste Frage, wer wird an der Spitze stehen? "Die Amerikaner traten trotz ■ aller inneren Meinungsverschiedenheiten nach außen geschlossen auf. Sie erklärten, die Zionistische Organisation müsse sich nur mit einer Frage beschäftigen, mit der Kolonisierung Palästinas. Fragen des Galutli. die Erziehung im Galuth wie auch die Erstarkung unserer Kräfte im Galuth und Erstarkung unserer nationalen Gefühle, wofür wir 23 Jahre im Galuth kämpften, gingen die Zionistische Organisation nichts an. Wir dagegen waren der Ansicht, daß man den Galuth von Erez Israel nicht trennen könne Es ist undenkbar, daß 70 bis 80.000 nalästiner Juden die Millionen im Galuth vergessen sollten. Auch Palästinas wegen müssen wir die Kräfte im Galuth. die Quelle aus der ■yir schöpfen, stärken. Die Amerikaner meinten, es' sei jetzt kein Platz mehr für politische Arbeit und zionistische Agitation. San Remo sei der letzte Schritt. Wir dagegen betrachten San Remo als Anfang. Die Amerikaner werfen der östlichen Judenheit zu großen Idealismus vor: auch die Arbeiter Palästinas seien nur Geistesmenscben. Wir geben zu. daß wir Idealisten sind. Aber nicht im negativen, sondern im positiven Sinne. Vom ersten Bauer in Petach-Tikwah bis zum letzten Immigranten, sie a'ie führte der Geist des Idealismus nach Palästina. Der Jude kann für Palästina alles opfern, auch seine Seele, doch auf eines wird er nie eingehen. daß sein Sohn ein Am-Haarez werde. So waren wir. so sind wir und so werden wir biedren. Das ist unsere jahrhundertelange Krankheit, die auch die amerikanische „Hadassah" nicht auskurieren wird. Wäre dieser eben skizzierte Gedankenaustausch wenigstens öffentlich geschehen, so hätte er vielleicht Nutzen gebracht, vielleicht auch Hebung der Stimmung; aber all dies geschah nur hinter den Kulissen hat man den Waad Hazirim der Geldverschwendung bezichtigt, wobei man es nicht einmal für nötig fand, mich als Mitglied des Waad Hazirim diesbezüglich zu befragen. Was die Arbeit in Palästina anbelangt, lehnten die Amerikaner die Uebernahme jeder Verantwortung ab. Es fehle an Geld und es sei auch keine Hoffnung, dies in kurzer Zeit zu beschaffen. Auch in bezug auf das Erziehungswesen lehnten die Amerikaner die Verantwortung ab. Ich versuchte ihnen zu erklären, daß Schulen ohne bestimmte Subvention nicht bestehen könnten. Ebenso müssen wir unbedingt den neuen Immigranten Arbeit zuweisen können. Erst nach langer Mühe gelang es mir. eine minimale Subvention für die Erhaltung des schon Bestehenden durchzusetzen. Ich hoffe, daß Sokolow und Weizmann alles tun werden, um diesen Beschluß durchzuführen, aber vorderhand erhalte ich fortwährend Telegramme aus London, die stetsfort etwas abhandeln möchten. So ist jetzt die Lage. Wir haben zahlreiche kritische Stunden erlebt, so Uganda, die Herrschaft Djemal Paschas .und den Jerusalemer Pogrom: trotzdem verzweifelten wir nie. Jetzt fehlt es uns nur an Geld und ich glaube, daß es sich finvden wird. Die Delegiertenversammlung kommt zur rechten Zeit und ihr müßt trachten, daß sie nicht' zu einer zweiten Auflage der Londoner Konferenz werde. Wir werden die Arbeit fortsetzen, unter Anpassung an unsere Lage und die Fehler der Londoner Konferenz gutmachen. Anschließend an die Rede Ussischkins folgten zahlreiche Redner, die. alle des Ernstes des Augenblickes bewußt, für die Anspannung aller Energien sich aussprach en. worauf folgende Resolutionen angenommen wurden: Der Waad Hasmani fordert nach Anhörung des Berichtes von Ussischkin über die schwierige Lage, in die der Zionismus und Palästina geraten sind, infolge des Auihörens der Mittel seitens der Zionisten Amerikas. die oberste zionistische Leitung auf. sofort allen zionistischen Organisationen und Föderationen Mitteilung zu machen, daß Gefahr d'es Unterganges unserer Arbeiten im Lande besteht und sie aufzufordem. alle Kräfte für die Arbeit anzustrengen. Der Waad Hasmani betrachtet es als unverzeihliche Sünde, wenn infolge Mangels an Mitteln auch nur ein Zweig von den Zweigender lebendigen Arbeit in Palästina geknickt werden würde und protestiert mit aller Macht gegen jeden Versuch der Leitung, den geringen in den letzten Monaten e i n s e t z en d'e n Einwanderungsstrom. auf den wir so lange gewartet haben, zu unterbrechen oder einzudämmen-. Der Waad Hasmani wendet sich an den Jischub in Palästina, in die Aus den Tagen dfes Pogroms in Jerusalem Unser Freund Dr E. F. W a s c h i t z schreibt uns: Seitdem ich Jjinen ans Jerusalem die Ansichtskarte schickte, die Sie zweifelsohne erhalten haben müssen (Ende Jänner 1920) ist mehr als ein halbes Jahr vergangen. Das war für mich eine ziemlich bewegte Zeit« Der Zufall wollte es, daß auch Mr. Herbert Samuel das Schiff benützte, das mich nach Alexandrien brachte. Samuel wurde von Ussischkin erwartet. Wir fuhren zusammen (auch Dr. Stein war dabei) nach Kairo. Dort im Hotel Continental machte mir Ussischkin den Vorschlag,, zum Friedensgericht nach Jaffa zu gehen. Ich nahm mir Ueberlegungsfrist, bis ich nach Jerusalem käme. Dort akzeptierte ich. Zu Pessach fuhr ich nach Jerusalem. Ich wohnte im Junggesellenklub des „Waad Hazarim“. Ich trug mich selbstverständlich gleich in die Liste der Selbstverteidigung ein und tat im „Bezaiel“ Dienst. Als am Sonntag früh die erste Kunde vom Ausbruche der Unruhen kam, war ich in der ersten Viererreihe der Abteilung, die im Laufschritt zum Jaffator ging und dort von Maschinengewehren, die schußbereit standen, aufgehalten wurde. Am Diens.tag abends wurden wir im Junggesellenklub, wohin die Bereitschaft aus dem Bezaiel verlegt wurde, von Engländern überrascht. Mit gezogenem Revolver, Hausdurchsuchung vom Keller bis zum Dachboden. Waffen und Munition wurden gefunden (es war nach Proklamierung des Belagerungszustandes) und alle 24 Anwesenden für verhaftet erklärt. Vorläufig wurden wir in der großen Halle des Hauses verwahrt. — Wir nahmen uns Stühle, setzten uns in eine Runde, tranken alle Vorräte, die vom Seder gebheben waren, und ich mußte mich auf allgemeines Verlangen in die Mitte setzen und mit drolligen Geschichten loslegen. Lachsalven durchdröhnten das Haus. Die Engländer begriffen unsere Heiterkeit nicht. Und wir hatten die instinktive Empfindung, daß uns diese Ereignisse San Remo bringen. Um zwei Uhr nachts kam der Befehl: Abmarsch ins Arrestlokal. 19 wurden abgeführt, 5 (darunter auch ich) blieben „zum Schutze des Hauses“. Am nächsten Tage wurde Jabotinski verhaftet. Drei Tage später fand die Verhandlung gegen ihn, und die Neunzehn (die dann in Arrest saßen) statt. Ich verbrachte den Rest der Pessachtage im Jüdischen Stadtrat, wo ich die Pogromschäden aufnehmen half. Nach Pessach fuhr ich nach Jaffa zurück. Hier, brodelte der Wahlkampf zur Konstituante. Just am Wahltage, nachdem ich meine Stimme abgegeben hatte, kam ein Haftbefehl gegen mich. Ich ging, bevor ich noch offiziell davon Kenntnis hatte, zur Polizei und erwirkte „mit Rücksicht auf meine angesehene Stellung“, daß ich bloß „unter Beobachtung“ zur Bahn gehen durfte und in unauffälliger Weise nach Jerusalem fuhr. Hier wurde ich gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt und erfuhr, daß auch die anderen vier nachträglich verhaftet worden waren. In die Vorbereitungszeit des Prozesses vor dem Kriegsgericht fällt ein hochinteressanter Zwischenfall. In jenen Tagen war der aus Aegypten entsendete Untersuchungsausschuß eingetrofien und begann seine Tätigkeit Die Sitzungen waren öffentlich. Auch ich ging zu einer der ersten Sitzungen. Großes Gedränge, Majorität Juden. Ein Offizier überwacht den Einlaß. Erst kommen die Berichterstatter, dann die Damen, dann der Rest. Ich dränge als letzter nach. Da berührt der Offizier meine Schulter und meint im Vorbeigehen: „Drängen Sie nicht hier ist keine Synagoge“. Ich erkundige mich, wer der Offizier sei und stelle fest, daß dies der Oberstleutnant-Scott sei. der Stellvertreter des beurlaubten Bentwich, also momentan der oberste Richter in Palästina.. Unverzüglich schrieb ich einen energischen Brief an den General der die Untersuchungskommission präsidierte, und bemerkte, daß es einen Schatten auf die Unparteilichkeit der Kommission werfe, wenn ein bei der Kommission diensttuender Offizier sich in einer solchen Weise ausdrückt. Für den nächsten Morgen wurde ich •vorgeladen. Mr. Scott fragte mich, ob ich sein Entschuldigungsschreiben erhalten habe (er schickte mir ein solches in aller Früh) und ob ich zufrieden sei. Ich schwieg. Darauf meinte er: „Um Ihnen volle Genugtuung zu gewähren, teile ich Ihnen mit, daß ich meine Demission überreicht habe.“ Dann kam der General und entschuldigte sich persönlich. Am Nachmittag traf anUs sischk i n ein Schreiben des Generals Bois ein, worin er ihm mitteilte, daß die Demission angenommen wurde. Aui diese Weise sind wir einen der berücbtigsten Feinde unserer Sache losgeworden. Er war der H au p tb e r a t e r d es Generals Bois, einer der Arrangeure der Demonstrationenund Pogrome und Zeuge, „wie fünf Juden den Mufti erschießen wollten“. Dieses war mein erster Streich. Ussischkin sagte: „Wenn er nur deswegen aus Lemberg hergekommen wäre, das hätte schon genügt." Die anderen meinten: „Wenn die übrigen vier je drei Jahre bekommen, gleich ihren neunzehn Genossen, Waschitz bekommt mindestens 30 Jahre, dafür wird schon Scott sorgen.“ In allen Zeitungen Jerusalems waT die Nachricht über den Vorfall konfisziert. Nur im „Hapoe 1 Hazair“ von1 Ende April oder Anfang Mai ist sie durchgescblüpft Am Tage des Vorfalles mit Scott war Fasttag (Buße für den Pogrom), zu Mittag kam die Depesche aus San Remo. Das Nähere wissen Sie aus den Zeitungsberichten. Ich war anwesend bei der Verkündung der Botschaft in der großen Synagoge und sah, wie Rabbi Kuk, der eben vor Schmerz weinte, vor Freude zu weinen begann und Psalmen anstfmmte. Das Fasten wurde unter-