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Jüdische Zeitung · 1920-10-01 · 27 (1.10.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
27 (1.10.1920)
Date
1920-10-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelexemplare K 2.— r? ## •j-. .i XIV: Jahrgang Nr. 27 Redaktion and Administration: Vfln II., TaborstraBe I Fernsprecher Nr. 44038 fl. 43319 Nalional-jüdifches Organ Mit der Beilage: »Der jüdische Nationalfonds* Wien, Freitag» dn I. Oktober 1920 Barafsatgla: Vierteljahr!? 13 K ganzf. 50 K, Einsalanrnmer 2 2 Postsparkaaaenkonto 133.404 Die nächste Nummer der .Jüdischen Zeitung“ erscheint am Freitag, den 15. Oktober 1920. Negative Parolen? Die zionistische Jahreskonierenz in London war nicht völlig von jenem Hochgefühl der großen Begeisterung erfüllt, wie es die Zionisten in den verschiedenen Ländern der Qaluth erwartet haben mochten, die den Ergebnissen der Londoner Tagung mit großer Spannung entgegensahen. Es hieße bereits Gesagtes wiederholen, wollten wir hier die Gründe darlegen, w’elche verursacht haben, daß die Verhandlungen sich so schwierig anließen und daß gewisse Gegensätze zum Vorschein kamen, deren Ueberbrückung in London nicht restlos gelungen ist. Trotzdem hat die Jahreskonferenz ein redlich Teil von Arbeit zuwegegebracht; sie hat die Richtlinien für die künftige Tätigkeit geschaffen, sie hat in manchem wesentlichen Punkte eine Klärung gebracht, sie hat durch ihren Verlauf bewiesen, daß sich ein detailliertes Arbeitsprogramm für den Wiederaufbau Palästinas am grünen Tisch nicht schaffen läßt und hat 4ie großen Institutionen mit Einhelligkeit beschlossen, welche die materiellen Fundamente für den Wiederaufbau der-jüdischen Heimat-bilden-sollen. Eie. Frage der Leitung, welche auf der Konferenz soviel Zeit und Energie in Anspruch nahm, erfuhr eine Lösung, die wohi nicht auf allen Seiten befriedigen wird, bei welcher .jedoch eine bestimmte Absicht der Initiatoren vorschwebte: in dem Augenblick, da die praktische Arbeit in Palästina auf breitester Grundlage möglich wird, sollte das Wort der Praktiker mehr zur Geltung kommen und die reale Seite der Bewegung stärker betont werden. Nun sind bereits zwei Monate verstrichen und von der Ausführung der in London gefaßten Beschlüsse hat man bisher nichts konkretes zu hören bekommen. Die Teilnehmer ander Jahreskonferenz verließen diese mit dem Eindruck, daß man sofort und unverzüglich an die Arbeit gehen und daß alle Energie darauf gewendet werden müsse, um die Beschaffung der gewaltigen Geldmittel zu betreiben, deren wir für die Arbeit in Palästina bedürfen. Wir empfanden alle den Ernst des Augenblicks und hatten das Gefühl, daß keine Zeit verloren gehen dürfe. Aber d i e große Parole ist bisher ausgeblieben und London hüllt sich in Schweigen. Inzwischen hat sich in Palästina ein Kontrast zwischen dem erreichten politischen Erfolg und den Möglichkeiten der Inangriffnahme der großzügigen Arbeit eingestellt, dessen Schärfe jeden wirklichen Zionisten mit Sorge erfüllen muß und der geeignet ist, eine Wirkung zu schaffen, die für unsere ganze weitere Arbeit von größtem Schaden werden kann. Die Nachricht von dem Erfolge in San Remo hat die Massen des jüdischen Volkes mit einer gewaltigen Spannung erfüllt lind es ist begreiflich, daß sich viele, die auf den Moment warteten, der ihnen die Möglichkeit eröffnen würde, an die Verwirklichung lange gehegter Wünsche zu gehen, auf den Weg nach Erez Israel machten, sobald die ersten Schranken fielen, die den Eintritt in das bisherige Okkupationsgebiet verwehrten. In den letzten Monaten ist die Zahl des neuen Jischub um eine beträchtliche Gruppe junger, produktiver und idealistischer Elemente vermehrt worden, die hinübergegangen sind, um mit ganzer Kraft und Hingabe den Aufbau der endlich errungenen Volksheimat zu fördern. Aber mit jedem neuen Tage vergrößern sieb die Schwierigkeiten in Palästina, die Gefahr der Arbeitslosigkeit ist da, es wird immer schwerer, die neuen Ankömmlinge imterzubringen, die Ankunit der Einwanderergruppen findet die zionistischen Behörden unvorbereitet und für eine entsprechende Aufnahme und provisorische Installierung ist nicht gehörig gesorgt. Der abnormale Zustand, in dem sich die zionistischen Verhältnisse augenblicklich befinden, wird durch nichts so deutlich erhellt als durch die jüngst von der Londoner Leitung an die verschiedenen Palästinaämter ergangene Weisung, die Beförderung der Palästinawanderer zu stoppen und nur solche Elemente zu befördern, welche imstande sind, sich ein Jahr aus eigenen Mitteln zu erhalten. Während uns beständig von der Reformtätigkeit Sir Herbert Samuels berichtet wird und wir Kunde erhalten von neuen, zum Teil weitausgreifenden Pläneir, welche Erez Israel zum Aufschwung verhelfen und es zu neuer Blüte bringen sollen, während man gleichzeitig von allen möglichen Projekten privatkapitalistischer Natur hört, deren Ausführung zumindest beträchtliche Arbeitsmöglichkeiten darbieten müßte, weiß man der immer ungeduldiger werdenden zionistischen Oefiemlichkeit und den Chaluzim, deren Entschluß durch die für die östliche Judenheit katastrophalen Kriegsereignisse noch beschleunigt worden ist, nichts anderes zu sagen als daß bis auf weiteres der Zuzug nach Palästina fernzuholten ist. Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß die großen Pläne, welche den Gouverneur von Palästina und wohl auch die zionistische Leitung beschäftigen, sich in der Dauer von wenigen Wochen nicht in die Tat umsetzen lassen und daß ' dermr-Aktivierung sehr bedeutende Mittel -ertöt-* dert und Palästina ist ein durch Jahrhunderte vernachlässigtes Land, das nur durch harte Arbeit der Kultur wieder zu gewonnen sein wird. Die vom High Commissioner ernannten Kommissionen zur Prüfung der Fragen des Bodenbesitzes und der Kreditbanken, die beide für unsere künftige Arbeit von größter Wichtigkeit sind, haben kaum erst mit ihrer Arbeit begonnen und nocli ist alles im Stadium des Projektes. Aber so weit darf es nicht kommen, daß das befreite Palästina nicht imstande sein soü. eine bescheidene Zahl frischer Kräfte auizunehmen. denen man dann gewissermaßen ein Fata morgana gezeigt hätte, um ihnen nachher die Tore zum ..gelobten Lande“ zu sperren! Die Wirkung des in London eingeschlagenen Kurses hat sich in Erez Israel rasch eingestellt und die Nachrichten von drüben geben Kunde von einer starken Mißstimmung, welche den ersten Enthusiasmus rasch abgelöst hat. Und während man von London aus bestrebt ist. fürs erste allen Zuzug fernznhalten. f o r d e r t P a 1 ä s t i n a einstimmig. daß die begonnene Einwanderung keine Einschränkung erfahren dürfe und macht auf die Gefahren aufmerksam, weiche von einer solchen Einschränkung dem begonnenen Werke drohen, während der mit der Einwanderurigsirage betraute Ressortleiter des Londoner zionistischen Bureaus erklärt, die Auswanderer, die sich bereits auf den Weg gemacht hätten und die nicht mehr in ihre Ausgangsländer zurück könnten, müßten provisorisch in geeigneten Unterkunftsstellen außerhalb Palästinas Aufnahme finden. Diesem unhaltbaren Zustand muß ehestens ein Ende bereitet werden! Es geht nicht an. die ganze Schuld an dem Stocken der Arbeit der Haltung der Amerikaner in London auizubiirden und manche Anzeichen deuten darauf hin, daß dieser Haltung drüben die Gefolgschaft verweigert werden dürfte. London darf nicht länger schweigen, cs muß sagen, was nottut und deutliche Richtlinien geben, statt sich darauf zu beschränken, bloß negativ gerichtete Weisungen zu erlassen. Schon ist viel kostbare Zeit vertan worden: die Arbeit für den Keren Hajessod hat noch immer nicht eingesetzt und es fehlt die große Parole, weiche imstande wäre, der zionistischen Tätigkeit bis in dem entferntesten Winkel Jen nötigen Schwung zu geben, auf den es heute ankommt mehr denn je. Heute, da wir endlich aus den politischen Nöten hinaus sind und unser Schiff freie Bahn gewinnen will, darf die Arbeit keinen Augenblick einen Rückschlag erleiden, dessen Schuld ausschließlich auf uns allein fällt. Was im Augenblick fehlt, ist niciits als das elende Geld und wir wären der Erlösung nicht würdig und der ganze Zionismus wäre nichts mehr als eine verlogene Farce, wem» wir dieser Schwierigkeit nicht Herr würden. Es ist wahr, ein Werk wie das unsere braucht Zeit und Vorbereitung, aber es muß die Möglichkeit vorhanden sein, daß unser ausgewähltes Menschenmaterial, die Menschen, die unsere Organisationen hinüberschicken und für welche sie bürgen, Einlaß lind Beschäftigung finden. Solange die Dinge nicht so weit gediehen sind, daß mit großzügiger Arbeit begonnen werden kann, müßten Notstandsarbeiten unternommen werden, die in Palästina, wo alles noch zu tun ist, von selbst einen produktiven Charakter bekämen. Das darf nicht sein, daß man uns in einem Augenblick, da wir die Höhe erklommen zu haben glauben, die Aussichten auf ein zeitlich modifiziertes ..Nachtasyl“ eröffnet, um Zions willen nicht, das nach neuen Menschen ruft und um unserer ganzen Arbeit willen nicht, die durch solche Methoden den stärksten moralischen Rückfall erleiden müßte. Die zionistische Leitung tnuß unverzüglich aus ihrer bisherigen Reserve heraustreten. Sie muß uns fühlen lassen — was wir bisher nicht empfunden haben — daß es eine wirkliche, homogene Leitung gibt, die auf der Höhe ihrer wahrlich „flicht, geringen. Aufgabe steht und daß sie ein wirkliches Programm hat. Nun. da die politisch-diplomatische Arbeit fürs erste zurücktreten kann, mögen die ..Praktiker“ zeigen, daß sie es sind! A. F. Der zionistische Generalsekretär über die Frage der Palästinawanderung Der Generalsekretär der zionistischen Organisation in London Herr Land man hat eine Dienstreise unternommen, auf welcher er s'ch auch In Wien aufgehaiten und mir der hiesigen zionistischen Leitung Fühlung genommen hat. Ueber die Frage der Palästinaemigration äußert sich Herr Landman folgendermaßen: Die palestinensische Regierung hat eine bestimmte Zahl von Einwanderern für das erste Jahr festgesetzt. Diese Zahl beträgt 16.500: mit den Familien entsprechend mehr. Darunter sollen sicit hauptsächlich Landarbeiter. Bauarbeiter. Handwerker und Taglöhiter befinden. Personen, die nichi von der Regierung, resp. der zionistischen Organisation. Arbeitsmöglichkeiten verlangen werden, sind in dieser Zahl nicht eineesciilossen. ihre Einwanderung ist selbstvertänulich nicht beschränkt. Das Zionistische Zentralbüro in London verteilt diese Gesamtzahl auf die einzelnen Länder und informiert die Palästinaämtcr darüber. Die englischen Konsulate werden die Instruktion bekommen. Personen, weiche von den Palästinaämtern empfohlen werden. Visa Zu erteilen. Selbstverständlich müssen die Pak'istinaämter. resp. ihre Leiter, die volle Verantwortung für die empfohlenen Personen übernehmen, hauptsächlich dafür, daß es zuverlässige Leute sind, die alle Voraussetzungen der Palästinawanderer haben. Die Zulassung ungeeigneter Elemente kann für das Funktionieren dieses ganzen Apparates gefährlich werden. Unter gewissen Bedingungen können von den Konsuln auch sogenannte Laisser-Passer's erteilt werden, das sind Paniere itir solche Leute, weiche keinen Paß haben. Die Betreffenden miis- .sen unter anderem die Absicht haben, für die palästinensische Staatsangehörigkeit zu optieren, sobald sie in Palästina sein werden. Außer den von den Palästinaämteni emufoh- Ieneu Personen können auch andere Personen Visa bekommen, wenn sie den englischen Oehörden_ nachweisen können, daß sie w i risch ait lieh unabhängig sind und daß bereits Arbeitsgelegenheit speziell für sie in Palästina vorhanden ist. ein besonderer Paragraph wird lene .Juden betreuen, welche aus religiösen Gründen nach Palästina au'swandern wollen: die Voraussetzung für ihre Einwanderung ist nur der Nachweis, daß sie dem Lande nicht zar Last fallen werden.

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