Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 26 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 werfden wollen! Ferner solien diese Reisezuschüsse. nach Absicht der Subkommission. nie als Geschenk, sondern stets nur als Darlehen gegeben werden. Hiebei wird strenge darauf zu achten sein, daß es nicht ■ nur beim leeren Worte .Darlehen“ bleibt und 'eine; zweite Chalukah herangezüchtet .wird. Vielmehr muß ein einheitlicher Gläubiger, etwa der Keren Haiessod. festgestellt und die Schuldentilgung von einem hiemit eigens betrauten Organ in Palästina überwacht werden. . Die Schuldentilgung wird in den. meisten Fällen zweckmäßig durch Abzug vom Lohn der unterstützten Einwanderer erfolgen. So wird es möglich sein, den Emigrationsfonds stets wieder für die Bedürfnisse neuer Einwanderer aufzufüllen. Der Regulierungsplandes Immigrationsdepartements hatte bloß schüchtern erwähnt, daß „wahrscheinlich“ die Errichtung besonderer Liquid a t io n s b a n k e n notwendig sein werde. Diese Halbheit mußten die Mitglieder der Subkommission, welche als Mitarbeiter der Paläsiina- Aemter Osteuropas täglich vor den Schwierigkeiten allein des Geldverkehrs von Land Zu Land stehen, welche das brennende Bedürfnis nach solchen Banken seit Jahr und Tag erkannt und vergebens nach London hinausgeschrieen hatten, überaus schmerzlich empfinden. So.kam es. zur Fassung der These 10. deren Leitsatz lautet:“ „Zwecks Durchführung der Liquidation des Vermögens des Auswanderers und aller mit der Auswanderung zusammenhängenden Finanzoperationen sollen in den wichtigsten Auswanderungsländem Finanzinstitute im Zusammenwirken mit den zionistischen, in Palästina tätigen Finanzinstituten begründet werden.“ Hiemit wurde der These 'eine so weite Fassung gegeben, daß für jede Art der Ausführung Raum blieb. Das Liouidationsinstitut mag eine Bank, eine Kolonisationsgesellschaft oder was immer sein, wozu die Fachleute sich 'entscheiden werden.^ Auch braucht die Gründung nicht der Zentrale aufgehalst werden, doch müssen ihre Finanzinstitute, vor allem die Anglo-Palästina Bank, schon bei Gründung der Liquidationsinstitute den Landesämtern, sei 'es finanziell, sei es auch nur als englische Gesellschaft, nur moralisch Beistand leisten. Und auch fortab sollen die Liquidationsinstitute mit unseren zentralen Finänzinstituten in Erez Israel kooperieren. Von den übrigen^, der Exekutive zugewiesenen Beschlüssen geht These 3. das Budget der Einwanderungsämter betreffend, folgerichtig dahin, daß die Landesämter zunächst von den ihnen angeschlossenen Organisationen zu erhalten sind, insbesonders. soweit sie (wie Wien) zentrale Agenden besorgen.-von der Zentrale subventioniert werden sollen. Besonderes Gewicht legt These 4. auf die Ausgestaltung des bisher als unzugänglich empfundenen Informationsdienstes der Einwanderungszentrale. These cf. verlangt, daß die Registrierung der Ein w an derungs werber auf iene Kategorien eingeschränkt werden, die laut Informationen der Zentrale voraussichtlich im nächsten Jahre für die Einwanderung schon in Befracht kommen. Zu dieser Einschränkung drängte die Erfahrung der Praxis, daß sich mehr oder weniger alle Juden Osteuropas als Auswanderungskandidaten betrachten. Ihre besondere Geschichte hat These 7. welche die sanitäre Ueberwachuns der' jüdischen Einwanderung betrifft. Im schroffen Gegensatz zum Regulierungsplan des Immigrationsdepartements, welches sich grundsätzlich für die Zulassung aller Art Kranken nach Palästina ausgesprochen hatte, verlangte die Subkommission. daß die Einreise solcher Personen, die durch ihre Krankheit den Gesundheitszustand Palästinas ernstlich gefährden, verhindert werde. Die Palästinakommission aber kam. unter dem Einfluß der Aerztekommission. zur Vertagung der Frage, indem man sich darauf beschränkte, die Errichtung eines Gesundheitsamtes für die Immigration als Abteilung der Einwanderungszentrale zu beschließen. Diese Vertagung wird aber die Landesämter, welche sich täglich vor die Entscheidung gestellt sehen, zwingen, provisorisch nach ihrem eigenen Gewissen vorzugehen. . Sie werden gewiß und gerade jetzt, wo für Vorsichtsmaßnahmen durch Isolierung der Kranken unterwegs und in Palästina selbst kein Raum ist. zu deren Abweisung führen. Hiebei hat das Palästina- Amt Wien das Gutachten seiner Aerztegruppe hinter sich: Palästina ist derzeit ein Arbeitsplatz und kein Sanatorium. These 9 spricht den frommen Wunsch aus. daß die Zentrale den Transport der Einwanderer selbst besorgen soll. „Solange sie hiezu nicht imstande ist. kann sie den Transport in technischer Hinsicht Privatgesellschaften überlassen, iedoch steht die Organisierung und die Bewachung der Transporte sowie die Fürsorge während der Transporte aussließlich den Auswanderungsämtern zu“: „Dieser Zustand ist ja in Wien mehr als erreicht, da die .JVlaavirim“ als Gründung des hiesigen Palästina-Amtes von ihm nicht nur ständig überwacht wird, sondern laut ihrer Statuten, die vor allem jeden Gewinn an den jüdischen Zwischendeckpassagier ausschließen, geradezu als gemischtwirtschaftliche Institution zu werten ist Schließlich normiert These 11 die nötigen politischen Maßnahmen. Darnach ist bei der Regierung der Auswanderungsländer hinzuwirken auf die Legalisierung der Auswanderungsorgane. sowie auf die Sicherung des Rechtes eines jeden Juden, nach Palästina auszuwandern und sein ganzes Vermögen mitzunehmen. Die angestrebte Legalisierung soll die schon .angebahnte faktische Gestaltung, wie z. B. in der Erteilung der „jüdischen Visa“ aut den Pässen in Erscheinung tritt, krönen. Die Sicherung des grundsätzlichen Auswanderungsrechtes ist angesichts der gehäuften Paß- und Grenzschwierigkeiten und der unausrottbaren Rauilust der europäischen Staaten, welche ihre Juden als Kanonenfutter lieben und verwerten möchten, höchst zeitgemäß, ebenso das Verlangen, der planmäßigen Schröpfung der Juden anläßlich ihrer Auswanderung ebenso planmäßig entgegenzutreten. In den vorgeschilderten Beschlüssen dürfte manch einer die Stellungnahme zur Frage der freien Einwanderung vermissen. Diese Stellungnahme erübrigt sich durch die. eingangs der Jahreskonferenz von -W e i zm a n n gegebenen Erklärung, daß die Einwanderung nach Erez Israel ab 1. August in d'em Sinne frei wird, daß die Empfehlung der Landesämter bei den englischen Paßstellen vorerst glatt honoriert wird: freilich soll die Verantwortung für eine ungeeignete oder zu starke Einwanderung der zionistischen Organisation aufgeladen werden. Leider haben die trostlosen politischen Verhältnisse Osteuropas gerade in den letzten Monaten zu einer solchen Massenemigration geiührt. daß unsere Zentrale London sich schon heute, im Interesse des gedeihlichen Aufbaues Palästinas, genötigt sieht, diesem, oft kopflosen Emigrationsdrang ein lautes .Halt!“ zuzurufen. Zionistische Jahreskonferenz für die Slowakei Montag, am 30. August, begann in Preßburg bei recht schwacher Teilnahme von Delegierten und Gästen die 2. zionistische Jahreskonierenz für die Slowakei. Die sehr mäßige Beschickung der Tagung beweist, daß die bisherige Leitung der Organisation nicht den richtigen Kontakt mit der Provinz herzustellen vermochte. Hingegen manifestierte sich die große Werbekraft des zionistischen Gedankens ,bei dem großen zionistischen Meeting, das abends stattfand und auf dem A bgeordneter Stricker aus Wien und Leo Hermann aus London mit großem Beifall sprachen. Dr. Berthold Toniaschoif. Obmann der, zionistischen Organisation, begrüßte zunächst, in hebräischer Sprache die erschienenen Delegierten und Gäste und beleuchtete, deutsch fortfahrend, die Aufgaben der Konferenz. Heute handelt es sieb darum, das Land für das Volk zu erbauen und das- Volk iür das Land zu erziehen. Es wird hierauf zur Wahl des Präsidiums geschritten. Gewählt wurden "zu Vorsitzenden: Dr, Leo Sipos, Dr. B e r e n y i (Nitra). Rabbiner Dr. Aron Schönfeld (Bänksa-Bystrica); zu Beisitzern: S. B. Rosner (Piestany), Theodor W i s t e r (Nove-Mesto n/V.); zu Schriftführern: Dr. Ernst A b e I e s, Berthold Gescheit und J akob N e u m a n n. Dr. Siegfried Steiner begrüßte sodann die Tagung im Namen des Misrachi. Ehr. Geza Fischer erstattete den Tätigkeitsbericht. Die Leitung sei stets auf sich selbst angewiesen gewesen und sei von der Provinz zu wenig unterstützt worden. Sie hat trotzdem mit den geringen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen. manche wertvolle Arbeit geleistet und die Organisation in der Provinz gestärkt. Aus dem Kassabericht ist zu entnehmen, daß im verflossenen Berichtiahr an Parteisteuer K 35.720 und für den Organisationsfonds K‘ 19.578 eingelaufen sind. Die Ausgaben betrugen K 54.000. Dr. Leo Sipos referierte iür das Palästinaamt Die unerwartete Emigration hat zur Errichtung dieses Amtes geführt, somit haben nicht wir. sondern die Ereignisse das Palästinaamt geschaffen. Der englische Konsul kommt dem Amte sehr entgegen, so daß die Weiterbeförderung der C h a 1 u z i m« heute bereits in einem rascheren Tempo möglich ist. Das Palästinaamt benötigt iedoch finanzielle Mittel und verlangt daher, daß es von der zionistischen Organisation entsprechend dotiert werde. Soma Komlösi berichtet über die Tätigkeit der Nationalionds-Sammelstelle. Während das Gesamtergebnis pro 1918 K. 54.463,48 betrug, sind in den verflossenen acht Monaten dieses Jahres K 151.348,30 eingelaufen. Auch eine rege' Propagandatätigkeit wurde entfaltet, so wurden 1121 Sammelbüchsen verteilt und 20.500 Flug, Schriften versendet. Hierauf erstattete Moritz Outtmann ein Referat über die zionistische Jahreskonierenz in London. Er schilderte die Bedeutung des Er- -tolges von San Remo und der Ernennung Herbert Samuels zum High Commissioner von Palästina besprach die Araberfrage und erörterte eingehend die Aufgaben des jüdischen Volkes mit Bezug auf den Wiederaufbau von Erez Israel. Auf der Vormittagssitzung , des nächsten Tages erstattete Dr. Robert K. Füredi das Organisationsreferat. Er schlug die Die schwachen Juden der Jerusalemer Altstadt verteidigten sich iedoch heldenmütig, sodaß den Angreifern die Herausforderung teuer zu stehen kam. Ob der Schmach eines Pogroms in Jerusalem bemächtigte sich begreiflicherweise der Juden der ganzen Welt tiefste Trauer und Verzweiflung. Jetzt reifte auch die uneingeschränkte Erkenntnis in den Köpfen der äußeren Machtfaktoren, daß die Zustänie des bisherigen provisorischen Stadiums für weiter abolut unhaltbar seien, daß die Regelung der Verhältnisse Palästinas ungeachtet der Schwierigkeiten, die durch den Zusammenhang der Palästinafrage mit anderen ungelösten Problemen im Wege stehen. — sofort einer endgültigen Er- . ledigung zugeführt werden müsse. Die in demselben Momente in San Remo tagende Konferenz der Großmächte, wurde auch allseits bestürmt, die Palästinafrage im Sinne der Balfour-Deklaration zu lösen. In Amerika und in England setzte unter den Juden, einschließlich der extremsten Assimilanten eine Riesenkampagne zugunsten des englischen Mandats für ein jüdisches Palästina ein. wobei sie auch kräftige Unterstützung von nichtjüdischer Seite fand. Und am 24. April, den 6. Iiar. bestimmten die Großmächte einstimmig. Palästina im Sinne der Balfour-Deklaration zur Heimstätte des jüdischen Volkes unter englischem Mandat. Der zweitausendiährige Anspruch des entrechteten jüdischen Volkes auf sein Heim wurde von der Welt als zurecht bestehend erkannt — das bedeutet den Anfang den großen Erlösung! Die Botschaft durchzog mit Blitzesschnelle die ganze Diaspora. Es erhob sich eine Jubelstimmung in der Judenschaft der ganzen Erdenrunde, die ihresgleichen kaum ie zuvor aufzuweisen hatte. Die Juden Palästinas zeigten ihre volle Einigkeit' anläßlich der bald darauf vorgenommenen Wahlen in die palästinensisch-jüdische Konstituante., welche vorher, infolge der Opposition mancher ortodoxer Kreise gegen das Wahlrecht der Frauen verschoben worden waren. ' Anfangs Juli trat auch der schon vorher designierte High-Commissioner Samuel, sein Amt an. was von den dortigen Juden mit namenloser Freude aufgenommen, wie auch die Befreiung Jabotinskys und, seiner Geflossen von den Juden warm begrüßt wurde. Inzwischen wurde d'er türkische Friedensvertrag unterzeichnet und die Eröffnung der Grenzen für eine ausgedehnte Immigration schaffender Kräfte in Palästina in greifbare Nähe gerückt. In eingeschränktem Maße geht schon seit Jahresfrist eine Immigration von osteuropäischen Chaluzim vor sich: zwei bis drei Tausend solcher schaffenden Kräfte sind in diesem Jahre bereits eingezogen. Während die Möglichkeiten der- Immigration in Palästina sich langsamen Schrittes entwickeln, harrt der Millionen Juden im Osten Europas, die jeden ökonomischen Halt verloren haben, buchstäblich der Untergang, wenn iür sie nicht bald Immigrationsmögiichkeiten entstehen. Pogrome erneuerten sich im Laufe des Jahres überall, -wo Polen .und Bolschewiki aneinandergerieten und gerade am Jahresausgange erlebten von neuem die Juden Polens und der Nachbarländer traurige Tage, in denen vieliach jüdisches Blut unverschuldet floß. Dort wo blutige Pogrome vermieden werden, wie in Rußland, das untfer dem Regiment der Sowjets steht, sind die Juden jeder Existenzmöglichkeit beraubt und was noch am Leben geblieben, verfällt physischer und geistiger Verkommenheit. Die wenigen übriggebliebenen zionistischen Vorsteher wurden den Krallen der „Tschereswischtschaika.. nur mit Mühe durch Vertreter der Juden Amerikas entrissen. In Litauen und Lettland erfreuen sich die Juden wenigstens ihrer nationalen und kulturellen .Selbstbestimmung, was allerdings nicht verhinderte. daß in Riga ein Pogrom veranstaltet werden konnte. Vergleichsweise lebten die Juden Rumäniens in diesem Jahre glücklich. Die Annahme der Friedensbedingungen, die den Schutz der jüdischen Minorität enthalten, veranlaßte die Regierung. ihre Judenpolitik den Verhältnissen anzupassen. In der Tschecho-Slowakei wurden in diesem Jahre die Juden als gesetzlich anerkannte Nationalität erklärt und wenn auch der dortigen nationalen Judenschafc durch äußere Umstände trotz der Erlangung von 80.000 Stimmen nicht gelang, ihre Vertreter ins Parlament zu entsenden, so ist sie doch bestrebt, auf Grund dieser Stimmenabgabe ihre nationale Vertretung auszubauen. Die deutsche Judenschaft verspürte erst in diesem Jahre recht deutlich das Schwinden ihrer führenden Stellung, die sie im Laufe von mehreren Dezennien im Weltiudentum einnahm. Das Ueberhandnehmen der antisemitischen Bewegung brachte den iii Deutschland befindlichen Zehntausenden von heimatlosen Ostjuden bittere Sorgen um> ihr Schicksal. Vielen wurde durch das jüdische Arbeitsamt und den Verband der Ostjuden Arbeit verschärft. Einen Sieg errang die zionistische Idee durch die zum ersten Mal erfolgte Wahl zionistischer Vorsteher in die jüdische Gemeinderepräsendanz. Ebenso gelang es in Wien, zionistische Kanditaten in großer Zahl in den Kultusgemeindevorstand zu entsenden, wenn auch einstweilen infolge des reaktionären Wahlrechtes die Majorität nicht erzielt wurde. Die Ausweisungsbefehle, die Zehntausende von heimatlosen Juden betrafen, gelangten. dank den Bemühungen der zionistischen Führer, nicht -zur Ausführung, obwohl sie sich vom Beginn bis zum Ende des Jahres des öfteren wiederholten und überdies antisemitische Demonstrationen sehr oft vorkamen. In allen anderen Ländern mit kleinerer jüdischer Siedlung, in welchen die Juden mehr oder weniger Ruhe hatten, bekundeten sie auf verschiedene Arten ihre Solidarität mit dem jüdischen Volke. Auch die „Alliance Israelite Universelle“ nähert sich jetzt anscheinend den nationalen Zielen Erfreuliches war auch in diesem Jahre aus dem Leben und Wirken der amerkaniseben J u d e n zu verzeichnen. Die amerikanischen Juden retteten auch in diesem Jahre Hunderttausende europäischer Juden vor dem Hungertode, erhielten die Reste jüdischer Kultur und trugen schließlich auf ihren Schultern den Jischub in Pa-