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Jüdische Zeitung · 1920-09-03 · 25 (3.9.1920) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
25 (3.9.1920)
Date
1920-09-03
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 25 machten, als den unfreiwilliger Komik. Und der Bolschewismus? Otto BaueT hat in einem Aufsehen erregenden Buch überzeugend dargelegt, auf welchen Grundlagen der Bolschewismus in Rußland sich entwickelt hat und ebenso überzeugend nachgewiesen, daß diese Voraussetzungen in Mitteleuropa fehlen. Gut. aber was wissen wir überhaupt heute über den Bolschewismus? Von der bürgerlichen Presse haben wir allerdings allerlei Schauerberichte gehört, über verödete und verhungerte Städte, über Morde und Greuel, über den Zusammenbruch von Kunst und Wissenschaft im bolschewistischen Rußland. Desorganisation des Transportwesens und vieles andere. Die .kommunistische Presse dagegen behauptete vielfach das Gegenteil und war alles Lobes voll. Gestehen wir es uns nur aufrichtig. Etwas wirklich Reales über die Verhältnisse im bolschewistischen Rußland, die ja tatsächlich noch vielfach ungeklärt sind, wissen wir heute überhaupt noch nicht. Die Verschiedenheiten der Anschauungen' über den Bolschewismus und seine Leistungen ist sehr be-, greiflich. Es handelt sich um eine in der Entwicklung begriffene Erscheinung, um lebendige Gegenwart, zu der wir viel zu wenig Distanz haben, um sie auch nur halbwegs objektiv beurteilen zu können. Es wird noch Jahre dauern, bis man eine richtige Antwort erhalten wird auf die Frage: Was hat der Bolschewismus sozial, wirtschaftlich und politisch geleistet? Hat er bloß zerstört oder hat er auch aufgebaut? Und dann wird man erst über den Bolschewismus ein halbwegs richtiges und gerechtes Urteil abgeben können. Mit dieser noch nicht ausgereiiten. noch im Werden begriffenen Bewegung will man das Judentum in Zusammenhang bringen? Das Judentum. das nach einer Jahrtausend langen Evolution das geworden ist als was es sich heute darstelit? Nein, das einzig, wirklich Gemeinsame zwischen Judentum und Bolschewismus liegt darin, daß hinsichtlich beider sehr tiefgehende Meinungsverschiedenheiten herrschen. Die objektiv-geschichtliche Beurteilung beider ist ..von der Parteien Haß und Gunst verwirrt“ und ist daher als über noch nicht abgeschlossene Erscheinungen, derzeit noch unmöglich. RUNDSCHAU Streitbare Assimilation in Italien Wie erinnerlich, endeten die vor einiger Zeit stattgCfundenen Wahlen in die jüdische Gemeinde von Florenz, welche eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden von Italien ist. mit einem entschiedenen Siege der Zionisten. Diese nahmen von der Leitung der Gemeinde völligen Besitz und begannen alsbald mit Reformen, welche vom Geiste des modernen Judentums getragen waren und dem Gedanken von der allweltlichen Einheit des Judentums zum Durchbruch verhelfen sollten. Die Erfolge des jüdischnationaleii Gedankens aber konnte die kleine Clioue von Assimilanten in Florenz — und das Assinrilationsjudentum ist sich bekanntlich in seiner Würdelosigkeit wie in der Wahl seiner Mittel überall gleich — nicht ver- ' schmerzen und sie nahm zu Denunziationen ihre Zuflucht Sie schwärzte nämlich die neue Gemeindevertretung bei der Regierung als staatsgefährlich an, und erreichte, daß die Regierung die neugewählte Gemeindevertretung, auflßste und einen königlichen Kommissär — einen Nichtjuden — einsetzte, der gegenwärtig die Gemeindegeschäfte besorgt. Um zu verstehen, wie es kommt, daß eine solche alberne Denunziation überhaupt Gehör bei der Regierung gefunden hat. genügt es zu wissen, daß an der Spitze der Assimilanten von Florenz Herr Mortara, ein Bruder des italienischen Kultusministers Lodovico Mortara steht Gegen diesen Gewaltakt hat der italienisch-jüdische Gemeindebund und deritalienische Rabbinerverband schärfsten Protest eingelegt. Natürlich hat die italienische Regierung die Gemeindevertretung nicht Wegen ihrer zionisti-" sehen Richtung aufgelöst — denn der Zionismus hat von Italiens Staatsmännern und der großen Presse in der letzten Zeit so vielfache Förderung erfahren, daß die italienische Regierung, gar nicht daran denken kann, etwas ■"••en ihn zu unternehmen — und die Beantwortung auf einen von Florenz an die Regierung gerichteten Protest hebt dies ausdrücklich hervor, als Grund .dienten vielmehr die folgenden Beschlüsse der zionistischen Gemeindevertretung von Florenz: die Einführung der öffentlichen Sitzungen und das dem Publikum eingeräumte Recht, an der Diskussion teilzunehmen, die Zuerkennung eines Vetorechtes an den Rabbiner und die Einführung einer Bestimmung, laut welcher die Gemeinde das R e-c h t haben soll, gegen das Veto des Rabbiners an die Entscheidung eines rabbinisehen Kollegiums von Jerusalem zu a p p e FH e r e n. und schließlich der Beschluß, daß alle jene, -als Juden Geborene, welche nicht offiziell erklärt haben, daß sie nicht mehr Juden sein wollen, zur Zahlung der Gemeindetaxen verpflichtet sein sollen. In diesem letzten Beschlüsse sieht die italienische Behörde einen Verstoß gegen die Gewissensfreiheit, während der Beschluß betreffs, des Appells an das Rabbinerkollegium von Jerusalem, also an nichtitalienische Bürger, die Grenzen des Statutes einer jüdischen Gemeinde überschreiten soll. Aber wie dem auch sei, auf alle Fälle handelt es sich hier um eine Intrigue ■ des jüdischen Assimilantentiuns und die Zionisten Italiens sind nicht gesonnen, . den Kampf aufzugeben, welchen die Assimilanten mit der Unterstützung des assimilarorischjüdischen italienischen Kultusministers führt. Eine poalezionlstische Tageszeitung in New-York. Am 29. August beginnt in New-York eine neue große iiidischc Tageszeitung. „Jewish Daily Time s“. zu erscheinen. Das Blatt ist das Organ der amerikanischen Poale-Zion. An der Spitze der Redaktion steht der bekannte Schriftsteller und Dichrer David P i n s ki. Als Mitarbeiter sind eine große Reihe hervorragender publizistischer und literarischer Kräfte gewonnen. Ferner zählen zu den Mitarbeitern des Blattes auch viele Wortführer der internationalen sozialistischen Bewegung. In Berlin würde ein europäisches Büro der ..Jewish Daily Times“ errichtet, das unter der Leitung des Schriftstellers Leon Chasanow i t s c h steht, der als europäischer Redakteur der Zeitung fungiert. Plenarsitzung des Komitees der Jüdischen Delegationen. Am 15. August trat in Karisbad\das Komitee der Jüdischen Delegationen an der Friedenskonferenz in Paris zu einer Plenarsitzung zusammen, zu der fast alle in Betracht kommenden Länder ihre .Vertreter entsa'ndt hätten. Sokolow und Motzkm referierten über den Schutz der nationalen und bürgerlichen Rechte der Juden in den Ländern der Diaspora. Die Bildung des Waad Haarazoth als einer aus demokratischen Wall- . len hervorgegangenen Permanenzvertretung, zur- Wahrung der Rechte der Juden wurde beschlossen. der seinen Sitz in Genf haben soll. Ueber das Verhältnis des Waad Haarazoth zum Völkerbund fand eine eingehende Diskussion statt. * / Studententag der mähr.-schles. Ferialverbindungen. Nach siebenjähriger Unterbrechung tritt am -G. und 7. September d. J. der Studententag der mährisch-schlesischen Ferialverbindung in Leipnik zusammen. Dank der Initiative der jüd. akad. Fernverbindungen ..Gamalah". (Höding) und „Hatikwah“ (Lundenhurg) ist es gelungen, dem langjährigen Bedürfnis der organisierten Studentenschaft Mährisch-Schicsiens zu entsprechen. Aufgabe der am Studenteniag befindlichen Vertreter wird es sein, diesem einen gedeihlichen Verlauf zu geben und den, Grundstein für eine kommende arbeitsreiche Periode zu schaffen. Mit Freude har die ..Massadah" alle lokalen Vorbereitungen für die Tagung übernommen und wird bestrebt sejn. den Delegierten den Aufenthalt in ihrer Heimat so angenehm wie möglich zu gestalten. Den Beginn der Tagung bildet ein-von der iii.i. akad. Ferialverbindung „Massadah“ am Sonntag. den 5. September um 8 Uhr abends veranstalteter Begrüßungsabend mit anschließender Akademie, dessen Programm die Gewähr bietet, diesen Abend zu einer würdigen Einleitung des Studententages zu gestalten. Schließlich werden sämtliche Verbindungen und Korporationen, die bei dem Studententag vertreten sein werden, ersucht, ehestens Zahl. Namen und Ankunft ihrer Delegierten der J. a. Ferialverbindung ...Massadah“ (p. A.-H. Lothar Tauber.'Leipnik). hekanntzugeben. Palästina Das neue Regime in Palästina. Das Zionistische Zentralbureau erhielt aus Jerusalem felgendes Telegramm v. 12. August: Herbert SsmueP hat bekamitgegeben. daß er folgende Kommissionen eingesetzt habe: 1. Eine Landkommission, welche die. 1 nöiigen Ländereien für die Verfügung der Regierung sichern, darüber berichten, soll, welche Ländereien für geschlossene Siedlung verfügbar sind, und überhaupt als Beratungskörper für die Verfügungen über Regierungsland wirken soll. Die Mitglieder der Kommission sind Major Abranison. Fcidi Armi und Kalwary.iski. , 2. Eine Kommission zwecks Berichterstattung über die Möglichkeit der Einhebung einer Landzuwachsstnier, die für das allgemeine Wohl von solchem Wertzuwachs eingehoben werden soll, der nicht erarbeitet ist. Die Kommission besteht aus acht Mitgliedern, darunter den Herren Dr R u p p i n und B e n Z e w i. 3. Eine Stndienkommission zwecks Errichtung von Banken für langfristigen Kredit. Die Kommission besteht aus dem zweiten Vorsitzenden des Appeilgerichtshofes. dem zweiten Vorsitzenden des landwirtschaftlichen Departements Herrn Tolkowski und Vertretern der christlichen und mohammedanischen Gemeinschaft. 5 4. Ein A 11 e r t iim e r d e p a r t e m e n t. bestehend aus dein Direktor und c'inem geschäftsführenden Inspektor. , Zusammentritt der jüdischen Konstituante. Die jüdische Konstituante, welche von der Militärverwaltung Verboten wurde, tritt mit Bewilligung des High Conunissioner in Oktober zusammen. Das finanzielle Ergebnis der Geula-Woche in Pa-»! . lästina. Der „Haolam“ schreibt im Artikel „In Palästina“ (N.r. 37. 2. Juli 1920): „Das Ergebnis der Geula-Woche beträgt ungefähr zweimalhirnderttausend Pfund. Aber das ist nicht das wesentliche. Wir hätten nie geahnt, daß in dieser Palästinenser .Volksmenge, deren Mehrzahl seit jeher aus „Nehmern“ (aus, Schnorrern)' besteht, ein tiefes I Nationalgefühl pulst. Ein starkes Gemeinschaftsempfindeu. das im Stillen, im Verborgenen webte, das mit der Zeit zu einem mächtigen Faktor im Lande werden könnte. Die Juden Palästinas haben diesmal die Probe bestanden und zeugten .vor aller Welt von ihren natürlichen, ‘gesunden Empfinden.“ Der Autor zitiert den ..Doar laian“ der unter anderem schreibt: „Dre Söhne Jerusalems erinnern sich nicht ähnlicher Tage, wo der heilige Enthusiasmus alle jüdischen Einwohner ausnahmslos erfaßt hätte Der Reiche, wie der Arme. Alt und Jung. Männer, wie Frauen. Greise und Kinder. Orthodoxe. Moderne. Konservative und Radikale. Es gab keinen Menschen, der die Bezeichnung „Jude“ trägt, der nicht mit allen Fasern seiner , Seele die Geula-Tage empfunden hätte, die ihm zu erleben beschieden waren,-Man gab viel. Es gaben Greise und Kinder, berichtet der „Doar“ weiter, es gaben Arme und Bedürftige. Die ärmste Volksschicht gab. sie gab mehr als sie konnte, sie ' gab ihre Seele 'und mit Recht sagte ein Redner, als er diese Vriksbegeisterirng sah: Wenn wir Palästina mit Amerika vergleichen, unsere Lebenshedingungen mit denen unserer dortigen Brüder, dann finden wir. daß sie die Kabzariim sind und wir die Millionäre, daß die kleine Beiträge geben, während wir die „Wohltäter des ewigen Volkes“ sind 'Der Verfasser schließt diese Ausführungen mit dem heiligen Wunsche: 0 daß die. Juden der gesamten Weit nur einen Teildessen fühlten, was die'Juden Palästinas in all ihrer Gedrücktheit und materiellen Armut empfinden.“ Esther. Tiberias — eine Gartenstadt. Es sind alle Vorbereitungen getrorien. um T i b e r i a s. der. schon im Altertum seiner heiße». Duellen wegen berühmten Badeort, der zu einem' Weltkurort entwickelt werden könnte, i« eine Gartenstadt umzuwandeln Das Kapital hiezu stellt die Gesellschaft „Achusath-bajith“ bei. welche Aktien ä 60 Pfund Sterling ausgegeben hat. Noch in diesem Winter soll mit dem Bau von etwa 50 Häusern, einigen Schulen, und einem Kindergarten begonnen werden. Ein neues jüdisches Stadtviertel in Hebron. Der Waad-hair von Hebron hat eine Aktiengesellschaft gegründet, um ein neues i ii d i - sches Stadtviertel für die nuuen Ansiedler zu erbauen. . Das neue Viertel soll vorläufig 50 Häuser umfassen und 1139h dem Plan von Tel- Aürio bei Jaffa angelegt Werden. / Bautätigkeit. Der Bau der Straße Zemacit—K ine- - r e t h - 7' i b e r i a s. der von der Zionistischen Kommission mit Bewilligung der Verwaltung in Angriff genommen wurde, hat begonnen. Die Arbeit gibt 300 Arbeitern Beschäftigung für einige ' Monate. Bei der Vorbereitung des Materiales für den Bau sind derzeit über 30 Arbeiter beschäftigt. Die Durchführung liegt in den Händen der Achd ii t h flau w o d a h. Die Zionistische Kommission. hat mit dem Bau von Häusern in E11 Gani m. Ksar Saba und Maehneli Jehuda begonnen Küstenschiffahrt. Die „Palest in-e Lighterage & Co.stal Navigation Co. Ltd.". Jaffa. 4je im Mai von der englischen Regierung bestätigt wurde, hat 10.000, aut je eivi ägyptisches Pfund lautende Aktien 'herausgegeben. * Aus Petach-Tikwah. Fiir de.i Bau von Straßen zu den Orangengärten und zur Kolonie Petach-Tikwah wurde eine -Anleihe von 22.500 Pfund . aufgenommen (7500 Pfund von der Ica und 15.000 Pfund von der Zionistischen Kommission.) Die Arbeit wird soiort aufgenommen und unter der Leitung, der Zionistischen Kommission durchgeführt. Die Ica hat weitere Darlehen von 35.000 Pfund an die Kolonisten für landwirtschaftliche Zwecke gegeben. Eine zionistische Schule für die Samaritaner in Sichern. Das Erziehungsdecartemerit der zionistischen ' Kommission eröffnetc mit Beginn des neuen Schuljahres in Sichern eine hebräische Schule fiir samaritanische Kinder. Die Leitung der Schule übernimmt David Miller, der eine Zeitlang Lehrer an der Ica-Schtile in Petch-Tikwah war. Den Religionsunterricht wird der s a in aritanische Hohepriester erteilen 25 Knaben und 15 Mädchen haben sich bereits eingeschrieben. Die Regelung der Zeit in Jerusalem. Das bisherige Chaos in den verschiedene« Uhrzeiten in Jerusalem wurde durch eine neue Einrichtung behoben Fortan wird das Observatorium in Kairo täglich um 12 Uhr 'mittags die genaue Zeit (Standard-Zeit für Aegypten und Palästina (telegraphisch in Jerusalem angeben. Eine nach dieser Zeit gerichtete Uhr wird in der Halle des Postamtes angebracht. Sabbath Nachmu in Jerusalem. Der palästinensische Mitarbeiter der „J. P. Z." berichtet: Der diesjährige 31.' Juli wurde in -Jerusalem als wirklicher „Sabbath Nachmu“ empfunden. Die Ankündigung, daß Sir Herbert Samuel an ■ diesem Samstage die große Synagoge besuchen wurde, elektrisierte die jüdische, Bevölkerung, -ln der Synagoge selbst wurden große Vorbereitungen getroffen. Der Besuch war nur gegen Eintrittskarten gestattet. Die Straßen, die Herbert Samuel mit seiner Begleitung. duni'iiter Oberst Storrs. Bentwich. Nurrock a. a., zu Fuß passierte, waren von einer, dichten Menge besetzt, die auf beiden Seiten Spalier bildete. Pünktlich 11m 8 Uhr betrat Samuel die Synagoge. Nach Verrichtung des Morgengebetes und Vorlesung des Thora-Abschnittes durch Rabbiner Fiiosoff in sephardisclfer Aussprache, wobei die verschiedenen Rabbiner zur Thora .iaüfgerufen“ wurden, wurde Samuel mit „Maphtir“ beehrt. Als er mit lauter Stimme den ersten Satz dlar Haphtorah „Tröste Dich mein Volk“ zu. verlesen begann, erglänzten Tränen in den Aügen aller Versammelten. Ate empfanden ' diese prophetischen Worte,, laut vom Munde des High-Cnmmissioners wiederholt, als wirkte heu

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