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Jüdische Zeitung · 1920-09-03 · 25 (3.9.1920) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
25 (3.9.1920)
Date
1920-09-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25 JÜDISCHE ZEITUNG Öeite 5 Pogromresolution. Die in. Karlsbad, versammelte jüdische Welthilfskonferenz hat mit Erschütterung. Schmerz und Zorn die Berichte über das Martyrium des jüdischen Volkes in Osteuropa 'vernommen und sich davon überzeugt, daß die Kulturwelt nur eine schwache Vorstellung von den ungeheuerlichen Katastrophen besitzt, welche das Judentum Osteuropas seit zwei Jahren unausgesetzt erduldet. Aus einer Reihe von Ländern, insbesondere aiis dem Lande fortwährender Gewalten und Grausamkeiten gegen die Juden Ungarn und aus der blutgetränkten Ukraine dringt zu uns der Ruf der gequälten jüdischen Millionenmassen, die Tag für Tag hingemordet und unmenschlichen Torturen una ' Bestialitäten ausgesetzt werden. Ueber hunderttausend Ermordete, unzählige Verwundete, Verkrüppelte, Geschändete, Mißhandelte und Beraubte sind eine furchtbare Anklage gegen ihre brutalen Peiniger im Osten und ihre Stützen in anderen Ländiern. Die jüdische Welthiliskonferenz hält es für ihre Pflicht, vor der. ganzen Kulturwelt einen flammenden Protest zu erheben gegen die offiziellen Mörder und fordert alle diejenigen auf, welche einen Funken von Menschlichkeit in sich ■bewahrt haben, die schuldigen Verbrecher, ihre Anführer, Initiatoren und Inspiratoren auf die Anklagebank zu bringen. Die jüdische Welthilfskonferenz wendet sich an alle maßgebenden politischen Faktoren mit dem Appell, Schritte zu unternehmen, welche dazu führen sollen, daß die Barbareien, diedie Schrecken der spanischen Inquisition übersteigen. endlich aufhören, daß die mörderischen Missetäter und Verbrecher die gebührenden Strafen treffen sollen und daß alle ihre direkten und indirekten Helfershelfer aus der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen werden sollen. . Mit unserem Proteste zugleich, ergeht unser ■ brüderlicher Gruß an alle jene unglückseligen Juden, die in der Hölle des grenzenlosen Hasses¬ und unbeschreiblicher Verfolgungen, in der Hölle des Mordes, von einer Panik erfaßt sind, wie sie ihresgleichen in der Geschichte nicht hat. Mögen sfe wissen, daß ihre draußen befindlichen Brüder nicht ruhen und nicht rasten werden, bis die Menschheit sich aufraffen wird, um sie vor dem Untergang zu retten. (Angenommen mit allen gegen eine Stimme.) •, In t.er t e r r i t o r ie 11 e s jüdisches; Hilfskomitee. Die jüdische Welthilfskonferenz beschließt, zum Zwecke der Stärkung, Systematisierung und Koordinierung der Tätigkeit sämtlicher für ' die Kriegs- und Pogrömopier wirkender Hilfsorganisationen des jüdischen Volkes ein Zentralorgan einzusetzen, welches folgenden Aufgaben gewidmet sein soll: 1. Schaffung eines Informationsinstitutes für sämtliche Angelegenheiten des Hilfswerkes zum. Zwecke des gegenseitigen Austausches der Erfah- ‘ rungen und Methoden in. der Hilfsarbeit. 2. Entwicklung einer umfassenden Propaganda für das Hilfswerk, insbesondere in den Ländern, in denen die Hilfsorganisationen bislang in unzureichendem Maße gewirkt haben. 3. Üntemehmung von Schritten, um aus den Oganisajionen Zentralstellen zu schaffen, zur a) Organisierung der Fürsorge für die durch den Krieg und-die Pogrome verwaisten Kinder. b) Zur Vornahme von Maßregeln für die Regelung der Aufgaben der Wanderung unter Berücksichtigung der in verschiedenen Ländern bestehenden Gesetze, c) Zur Organisierung von .medizinisch-sanitären Hitfsunternehmen. d) Zur Regelung der Geldüberweisungen aus den transozeanischen und anderen Ländern an die Angehörigen in Osteuropa. 4. Ergreifung der nötigen Schritte in Einklang mit den verschiedenen Hilfsorganisationen zur Koordinierung der Tätigkeit, behufs Verwirkhchung der von der Konferenz beschlossenen Resolutionen. Unter Hilfsorganisationen*, werden überall sowohl die Organisationen verstanden, die Geld sammeln, als auch die, die über die Gelder verfügen. 5. Vorbereitung der nächsten alljüdischen Hilfskonferenz. Es ist zu bilden ein Zentralorgan für das 29 Mitglieder von der Welthilfskonferenz zu wählen sind. Diese haben das Recht, weitere Mitglieder in unbeschränkter Anzahl mit zwei Drittel Majorität zu kooptieren. Dieses Zentralorgan wählt eine Exekutive von 9 Mitgliedern; der Sitz der Zentrale ist London. / Referate Anita Müller: Fürsorgemaßnahmen für die durch den Krieg und Pogromen geschädigten Kinder. I. Eiend und Pilicht der Gesellschaft II. Kinderelend als Teilerscheinung des allgemeinen Elends. Alle Maßnahmen, welche zur Bekämpfung des algemeinen Elends führen, mildern auch das Kinderelend. III. Kinderelend im allgemeinen; jüdisches Kinderelend. Das Kinderelend ist meist das Elend des proletarischen Kindes, Anders bei den Juden; jüdisches E-emd ist das Elend des Mittelstandes, das Elend unorganisierter, erwerbsunfähiger Massen. IV. Formen des Kinderelends. A. Kinderelend. welches bei den Juden nicht vorhanden ist: 1. Mißhandlung durch die Eltern. 2. Fabriksarbeiter-Kinder. 3. Kinderhandel. B. Besondere Probleme des Kinderelends bei den Juden: 1. Verfolgung und Zurücksetzung der v Juden im allgemeinen, 2. Benachteiligung der jüdischen Kinder : bei offiziellen- Aktionen. . 3. Schwierigkeiten der Versorgung orthodoxer Kinder. \ I 4. Benachteiligung bei der staatlichen Hinterbliebenenfürsorge jener Kinder, welche aus rituellen Ehen stammen. / C. Verschärfung--des Kinderelends durch den Krieg: 1. Einrücken des Vaters; Sorgen der Mutter. 2. Erwerbsarbeit der Mutter. 3. Hungerblockade und Lebensmittelnot. 4 Flucht oder Verschleppung der Eltern, 5-Invalidität oder Todesfall eines oder beider Eltern. V. Fürsorgemaßnahmen für die durch den Krieg und Pogrome geschädigten Kinder. A. Ziel der Fürsorge; 1. Kinder vor körperlichen, geistigen oder moralischen Schäden zu bewahren und gesunde, aufrechte und leistungsfähige Menschen erziehen. 2. Die Erziehung und Fürsorge der Kinder erfolgt aufjüdischer Grundlage. 3. Jede interkonfessionel e Fürsorge ist nach Möglichkeit auszuschließen. 4. Die Kinder sollen auch "in der öffentlichen Fürsorge dem Judentume mcht entfremdet werden. Anzustreben sind: , 5. Ersatzerziehung für jene Kinder, welche der Familienfürsorge gänzlich entbehren und -denen diese Familienfürsorge durch eine öfient'iche ersetzt werden muß. Diese. Fürsorge kommt vor allem für Kinder in-Betracht, denen die Eltern,gestorben sind und für die keine Angehörigen sorgen können. 6. Ergänzende Fürsorge für jene Kinder, bei welchen irgendeine Art von Familienfürsorge besteht, welche aber nicht hinreicht und durch Fürsorgemaßnahmen ergänzt werden muß. 7. Fürsorgeerziehung für verwahrloste und sittlich gefährdete Kinder. VI. Besonderes Problem bei Versorgung der Kriegswaisen. 1. " Kinder, welche vor dem Kriege' Fürsorge brauchten, stammten meist aus armen Familien. Durch den Krieg wurden zum größten Teile. Kinder verwaist, die in geordneten Verhältnissen gelebt hatten. 2. Große Zahl der zu versorgenden Kinder, für deren Versorgung nicht rechtzeitig und nicht genügend großzügige Organisationen gescharten werden konnten. VII. Mittel zur Bekämpfung des Kinderelends. 1. Internationale Regelung der Hilfe für Kinder. 2. Ausbau und Organisation des Vormundschaftswesen-: Einzelvormundschaft. Berufsvormundschaft, Samme'.vormundschaft. 3. Ausbau und Organisation-des Adoptionswesens. VIII. Schnelle und systematische Hille für Kinder. Schnelle Hilfe (systematische Hilfe für Kinder siehe Beilage 1). A. Gewährung von Wohnung, Nahrung, Kleidung und Unterricht an alle hilfsbedürftigen Kinder. B. Entfernung von Kindern aus verseuchten und gefährdeten Gegenden. C. Art der Unterbringung -der Kinder. I. Geschlossene Fürsorge: a) Waiseuheime, b) Kinderkolonien. . c) Kindersiedlungen. d) Kinderdörfer. II. Halboffene Fürsorge: Kinderfamilien. III. Ofiene Fürsorge: Unterbringung in Pflegesteüen. D. Organisation und Regelung -der Auslands- " hilfe. IX. Neue Formen der Auslandshilfe. 1. Organisation von Kinderzügen .and Kinderschitien, die verwaiste Kinder zu ihren Verwandten nach Amerika bringen. 2. Großzügig durchgeführte Adoption verwaister Kinder in Amerika, Südafrika, Kanada, Frankreich, Holland. England, Ita'ien etc. 3. Schaffung von Adoptionszentralen: a) in Ländern, welche Kinder adoptieren, b) ln Ländern, welche Kinder zur Adoption ins Ausland bringen wollen. 4. .Gründung von Kindersäedhmgen. welche^ Kinder in großer Zahl aufnehmen, in* Amerika, Kanada und vor allem in Palästina. 5. Kriegspatenschaften für die Kinder einzelner Orte durch Landsmannschaften in Amerika. X. Träger der Fürsorge, Aufbringung der Mittel. 1. Staat, Land. Gemeinde. 2. Kultusgemeinden und Privatorganisationen des eigenen Landes. 3. Ausländische Hilfsaktionen. 4. Selbsthilfe. 5. Sicherstei'ung von Fonds und Stiftungen zum Zwecke der Kinderfürsorge für die Dauer von 15 Jahren. XI. Schaffung einer* internationalen Stelle zur Regelung des Kinderschutzes und der Jugendfürsorge. * Die Welthilfszentrale. Freitag, den 13. August, fand in Anwesenheit von über 1000 Personen die Schlußsitzung der jüdischen Welthilfskonferenz in Karlsbad statt. Neben anderen Delegierten hielt Sokolow eine begeistert aufgenommene längere Rede, worauf Motzkin die Schlußansprache hielt. Es wurde ein 29gliedriges Zentral o r g a h der jüdischen W elthilfszent r a 1 e gewählt, in dem alle Länder vertreten sind. Dieser Zentralrat besteht aus folgenden Personen: Bramson. Churgin, Oberrabb. Dr. Chai-es. Oberrabb. Dr. Ehrenpreis, Farbstein, ,Dr. Heiin.iann. Jefroikin, Dr. Jocheimann. Elieser Kaplan. Dr. Krämer. Dr. Klumel. Dr. Bernhard Kahn, Dr. Klee, Lyon Kohn. Dr. Emil Margulies, Model Leon Motzkin. Anitta Müder. Rabb. Dr. Niemirower. Prof. Pick, Dr. Rachmielewitsch, Dr. Rosmarin, Dr. Salkind, Salzmann. Sir Stuard Samuel. Prof. Dr. Simonsen. Sliosberg. Minister Dr. Soloweitschik, Wladimir Temkin. Zum Präsidenten dieser jüdischen Welthilfszentrale wurde Sir Stuart Samuel bestimmt. Eine neunglicdrige Exekutive mit Sitz in London söll unter Vorsitz von Motzkin ihre Arbeiten sofort aufnehmen. Gegen die neuerlichen Judenpogrome in der Ukraine und Ungarn wurde ein flammender Protest erhoben. Judentum und Bolschewismus Von Fritz Rodeck. Immer und immer wieder sprechen gewisse Hetzblätter vom .jüdischen Bolschewismus“, von „Umsturzjuden“ und wollen so die Furcht weiter Kreise vor dem Bolschewismus ihren pogromantisemitischen Zwecken dienstbar machen. Betrachten wir die diesen Behauptungen zugrunde liegenden Tatsachen einmal näher, untersuchen wir das Verhältnis des Judentums zum Bolsche- N wismus. Der Bolschewismus ist eine soziale Bewegung und will als solche eint Anzahl von, Leitideenj verwirklichen, welche ihrem Wesen nach wenigstens teilweise aus dem Buch der Bücher, aus der heiligen Schrift stammen mögen. Aber man könnte diese Idee ebenso gut urchristlich nennen. Man iindet z. B. viele Gedankengänge Tolstois im Bolschewismus realisiert, beispielsweise den Gedanken, daß die Kultur und ihre Genüsse eines Menschen eine Sünde und verwerflich seien, solange andere nicht einmal ihre al'erprimitivsten Lebensbedürfnisse befriedigen können. Es ist nun mindestens inkonsequent von der christlichsozialen Presse, daß sie Tolstoi nicht auch einen „Umsturzjuden“ nennt. (Als „alten Tepp“ hat ihn der verstorbene Landesausschuß Bielohlavek ohnedies seinerzeit einmal in einer öffentlichen Sitzung bezeichnet.) In Wirklichkeit sind es gerade Anschauungen des Urchristentums, die man bei Tolstoj rindet, und wenn die christlich- * -soziale Presse andere Anschauungen hat, so ist das noch lange kein. Einwdnd geged Tolstoj. Zwischen Judentum und Bolschewismus bestehen tieie innere Gegensätze. Der Bolschewismus ist, wie bemerkt, eine soziale Bewegung, die grundsätzlich international und unreligiös ist, das Judentum dagegen ist eine religiös-nationale und erst in zweiter Linie auch, eine soziale Erscheinung. Die christlich-konservative Presse will es dem Judentum zum Vorwuri machen, daß der Bo'schewismus jüdische Führer habe. Diese Behauptung ist zunächst unrichtig. Die Juden mögen unter den Bolschewikenführern stark vertreten sein, doch das ergibt sich schon aus ihrer Stellung im russischen Volke, dessen Durchschniitsintelligenz und Bildung sie weit überragen. Trotzdem waren Sie auch unter den Bolschewikenführern immer in der Minderheit, alle Erzählungen über das Ueberwiegen der Juden unter den Bolschewiken beruhen auf ungenauen und rein zufälligen Beobachtungen. Daß es unter den Bolschewiken ebenso wie in jeder Partei von irgendwelcher sozialer Schattierung Juden gibt, ist unbestreitbar. Das ergibt sich aus der wirtschaftlichen und sozialen Zusammensetzung der Judenschaft, ebenso wie in jeder nationa'en Partei verschiedene soziale Richtungen vertreten sein können. Vor dem Kriege waren schätzungsweise wenigstens vier Fünftel aller Juden Kleinbürger, kleiner Mittelstand, der zwar in denkbar engsten Verhältnissen, aber doch nicht vollständig von heute auf morgen lebte Vom Rest waren der größere Teil Proletarier.' der kleinere Großkapitalisten. Durch den Krieg und seine Folgen, durch Pogrome u. a. m. sind nun gerade bei den Juden tiefgreifende soziale Verschiebungen eingetreten. Der jüdische Mittelstand, das Kleinbürgertum ist stark zusammengeschmolzen. Etwas zahlreicher dagegen sind die Großkapitalisten geworden, in stärkstem Maße aber hat sich das jüdische Proletariat vermehrt. Daß inio'ge dieser geänderten sozialen Schichtung die Juden auch im Bolschewismus vertreten sind; ist eben eine Folge der durch den Krieg bewirkten Verelendung breiter jüdischen Massen Und daraus will man dem Judentum einen Vorwurf machen? Es wurde früher bereits festgestellt, daß Bolschewismus.und Judentum zwei grundverschiedene Weltanschauungen sind, daß zwischen beiden tiefgehende und unüberbrückbare Gegensätze bestehen. Folgerichtig sind auch die jüdischen Bolschewiken nur ihrer Herkunft nach, selten in ihrem Namen, niemals in ihren Anschauungen mehr Juden. Im Gegenteil, scharfe Beobachter haben schon seit längerer Zeit unter den Bolschewiken eine ausgesprochen iudenfeindliche Unterströmung feststellen können. Nur. eine tendenziöse und unrichtige Darstel'ung kaun Zusammenhänge zwischen Judentum und Bolschewismus konstruieren, wobei den Autoren solcher Tendenzartikel im Unterbewußtsein immer eine tiefe Angst mitläuft, die Angst vor Unbekanntem, vor unlösbaren Rätseln. Wie uninformiert diese Kreise über das Judentum sind, hat sich z. B. in einigen Artikeln, wie über „Die weisen Aeltesten von Zion“, erwiesen. die auf jeden nur halbwegs vernünftig denkenden Menschen keinen anderen Eindruck

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