Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 21 (9.7.1920)
- Date
- 1920-07-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Kr. 21 jüDISCKE ZEITUNG die entweder gegen uns oder gleichgültig für unsere Bestrebunsen waren. Wir haben sehofit und sesiaubt. daß eine solche Möglichkeit kommen würde., wenn wir einen politischen Charakter für Palästina erhalten haben. DieseMöglichkeit ist nun da und wir hier — ich glaube. ich spreche im Sinne aller Zionisten in England, und nicht nur in England, sondern auch in der ganzen Welt fordern diese Juden, die abseits gestanden haben, auf. zu kommen und diese herrliche Gelegenheit, an dem Aufbau Palästinas mitzuarbeiten; zu ergreifen. Wir stellen keine Bedingungen mit Ausnahme' einer einzigen, das ist; es soll ein jüdisches nationales Heim werden Das ist die einzige Grundlage, auf der wir alle .uns treffen können. Es handelt sich nicht um einen Wohltätigkeitsbazar. Es handelt sich nicht um eine bloß religiöse Gemeinschaft. Es ist ein indisches nationales Heim, ein mannigfaltiger Bau. der alles bedeutet. die noch einen Splitter Judentum in ihren Herzen bewahrt haben, diese große Möglichkeit verstehen, kommen und helfen werden, das jüdische nationale Heim zu errichten. Dort ist Raum für alle Juden. Gerade vor dem Beschluß von San Remo. durchlebten Wir sehr dunkle Tage. Wir waren Zeugen. :wie jüdisches Blut in den Straßen von Jerusalem vergossen wurde. Ich werde nicht hier die ganze Geschichte wieder aufröllen. Es ist eine Untersuchungskommission dort, welche möglicherweise alle Tatsachen aufklären wird. Auch wir haben bereits uns er e eigenen Berichte fertiggesfelit; welche der Oeffevitlichkeit vorgelegt werden sollen. Ich selbst habe persönlich die ganze Sache durchlebt. Es waren dunkle und traurige Tage, aber sie wurden ganz weggewischt durch den Beschluß von San Remo. und durch die Einsetzünng einer neuen Verwaltung in Palästina. (Beifall.) Eine Sache bleibt noch übrig. Und ich möchte Sic bitten., meine Damen und Herren, mit mir..in allem Respekt an die Mandatarmacht zu appellieren, das Unrecht ungeschehen - zu machen, welches einem unserer besten Männer angetan wurde: Wladimir Jabotinski. (Lebhafter Beifall.) cs ist ein Fleck auf der britischen Gerechtigkeit, wenn dieser Manu einen Tag länger in dem Gefängnis von Akka verbleibt. Wir ersuchen die Mandatarmacht. Jabotinski und seine : Kollegen nunmehr in Freiheit zu setzen. Die Ereignisse in Jerusalem wurden von unseren Feinden organisiert. um der Welt zu beweisen. daß.Juden und Araber nicht Zusammenleben können. Dies ist unwahr! Ich habe Beweise in der Hand und. diese Beweise wurden der Mandatarmacht und dem Obersten Rat vorgelegt. Juden und Araber können und werden in Freundschaft miteinander leben Jenen radikalen Arabern, welche das Blutbad in Damaskus organisiert hab.en. sagen wir dasselbe, was wir den Leuten in Polen oder Rumänien oder Rußland gesagt haben: diese Methoden kennen wir und diese Met b o d e n sind bankerott. Wenn eine andere Nation glaubt, daß sie ihre Unabhängigkeit mit dem Blute der Juden aufbaue« kann, so ist sie in einem schweren Irrtum begriffen. Die arabische Nation hat Raum genug. Die Mittelpunkte der arabischen Kultur sind Damaskus. Bagdad und Mekka und ich hofie. daß dort eine große und blühende arabische Nation ersteht. Palästina wird ein jüdisches nationales Heim sein. Wir müssen es klar und oiien unseren Freunden und unseren Feinden sagen: wir Juden, die wir in Pogroms Erfahrung haben, werden auch durch ein Massaker in Jerusalem nicht abgeschreckt werden. Es ist unsere Bestimmung. nach Palästina zu gehen und wir werden hingehen und werden uns dort ansiedeln. Keine Macht der Erde wird uns von unserer Bestimmung abscbrecken. welche in den Analogen der Weltgeschichte verzeichnet ist und welche auch durch jüdisches Blut nicht ausgelöscht werden kann. Aber zugleich bieten wir die Hand der Freundschaft den Arabei«. die in Palästina sind. Wir wünschen mit ihnen zu leben und sie auf denselben Entwicklungslinien mitzunehmen, die ich Ihnen beschrieben habe: und ich glaube, daß die Mehrheit des arabischen Volkes, mit Ausnahme von ein paar Demagogen mit uns gehen will. Wir haben Beweise und ich glaube, es ist unsere Pflicht, alles zu versuchen, um diese Freundschaftsbande zu knüpfen, welche zwischen den beiden Völkern, den Juden und den Arabern bestehen sollen. Und wenn all dies gelingt, wenn die Entwicklung begonnen ist und wenn diese Freundschaft bestellt, dann wird Palästina von neuem aufleben und von den schneebedeckten Höhen des Herrnon bis zu den Sandwüsten von El Arisch, von den Bergen von Moab bis zum blauen Mittelmeer wird e i n Loblied aufsteigen, daß der Gott Israels seine Kinder wieder in das Gelobte Land gebracht hat. Warum keine Volksanleihe? Von Dr. Michael Ringel (Lemberg). ln den Kreisen der Leitung der zionistischen Organisation in London scheint man geneigt zu sein, den Gedanken einer Volksanleihe für das große Erlösungswerk in Palästina — faßen zu iassen. Man möchte, wie dies inj der Broschüre von Naiditsch „Volksmaaser“ ausgeführt wird, die für den Anfang nötige Summe von 25 Millionen Pfund Sterling durch Sammlungen, d. h. Schenkungen von einzelnen Juden, zusammenbringen. Warum? Werden wir auf dem Wege freiwilliger Gaben diese große Summe schneller oder leichter aufbringen. wie durch eine einmalige großzügige Kampagne für eine Volksanleihe für d i e Volksanleihe deT Geulah? Dies behauptet niemand. Aber man spricht sich gegen die Volksanleihe aus, weil wir — wie Naiditsch und andere betonen — in Crez Israel keine entsprechenden Werte haben, welche als Pfand für die Sicherheit der Anleihe bürgen könnten und weil wir keine regelmäßigen Einnahmen dort haben werden, weiche die regelmäßige Zahlung der Zinsen sichern könnte für die Besitzer der Titres. Wenn wir auch zugeben, daß beide Behauptungen in der jetzigen Sachlage der Wahrheit entsprechen. so muß doch henvorgehoben werde«, daß die Gegner der Volksanleihe einen Kardinal- Denkfehler begehen. Wir haben wohl nicht in Palästina.- aber dagegen in der ganzen Welt, überall im G.olus, wo Juden in Gemeinden wohnen, zwei Vermöge n s m a s s e n, die iür den jetzigen historischen, entscheidenden Moment zu unserem Erlösungswerk herangezogen werden können, werden müssen. Im Laufe der neunzehn Jahrhunderte der Zerstreuung hat das jüdische Volk m ledern Lande, in jeder Gemeinde errichtet: Stiftungen und Fonds für charitative und soziale Werke: es wurden Häuser und sonstige Immobilien erworben, es wurde außerdem ein Gemeindevermögen geschaffen. Wenn man diese Fonds und Stiftungen einerseits. das mobile und immobile Vermögen der Hunderte und Tausende jüdischer Gemeinden auf der ganzen Weltkugel anderseits statistisch erlaßt. so werden wir eine Vermögensmasse entdecken. die Hunderte Millionen Francs an Wert repräsentiert. Diese Vermögensmasse kann und soll die Garantie. das Pfand für unsere Volksanleihe bilden, bis zu jenem Momente, wo wir in Palästina durch Schaffung neuer Werte ökonomisch so stark werden, daß Palästina selber die Garantie übernehmen kann. Aber wie zahlen wir die Zinsen von der Anleihe in den ersten Jahren, bis Palästina selbst dies zu tun in die Lage kommt? Auf einem einfachen Wege. Wieder muß das Golus-Judentum mit seinen tausenden von Gemeinden eingreifen. Jede dieser Gemeinden hat seit Jahrhunderten das Recht Steuern einzuziehen. und dieses Recht basiert entweder auf staatlichen Gesetzen oder auf einer alten, geheiligten Ueberlieferung. Es müßte also eine «eue Steuer iür sämtliche jüdischen Gemeinden der Welt eine „Erlösung s s t e u e r“ auferlegt werden, die nach denselben Prinzipien überall eingehoben und einer Zentralkasse übergeben werden sollte, um in erster Reihe den Zinsendienst der Volksanleihe, eventuell auch die Amortisierung zu sichern. Dies ist der Kern meines Gedankens. Aber die Schwierigkeiten in der Durchführung? Es gibt zweifache: juristische (gesetzliche) und verwaltungstechnische. Es wird sich darum handeln, die wohlwollende Mitwirkung einerseits der Verwalter der Stiftungen und Fonds sowie der jüdischen Gemeinden und anderseits der Verwaltungsbehörden der einzelnen Staaten zu erhalten. Dies wird nicht schwer sein. Die Staaten mit größerer Judenbevölkerung sind an dem Gelingen des zionistischen Werkes mitiviteressiert. (weil sie dadurch die Judenfrage in ihrem Lande zu lösen hoffen). Zweitens ist nicht zu vergessen, wenn sie zustimmen. daß das jüdische Stiftungs- sowie das Gemeindevermögen belastet wird oder daß Steuern von den jüdischen Gemeinden auferlegt werden, die iür Zwecke bestimmt sind, in Palästina, d. h. außerhalb der Gemeinde und außerhalb des Landes — so geben ja die Staaten nichts aus ihrer Tasche — sondern sie gestatten nur. den Juden neue Lasten auf sich zu nehmen. Was hingegen die jüdischen Verwaltungen betrifft, so werden sie diesmal auf den Appell des Volkes nicht taub bleiben können und auch — meistens — ncht wollen. Zu stark ist die Strömung, zu mächtig die öffentliche jüdische Meinung. Herzl brauchte vor neunzehn Jahren um iür den Charter dem Sultan zu zahlen, zwei Millionen Pfund und konnte sie nicht erlangen. Im Jahre 1920 und nach San Remo wird sich dies nicht wiederholen! Diese Aktion bezüglich der Stiftungen wird noch einen sehr wichtigen Erfolg haben. Es sind viele, viele Stiftungen im Laufe, sogar der letzten 150 Jahren, ganz einfach in Vergessenheit geraten und drohen dem jüdischen Volke verloren zu gehe«! Ich möchte auf einige solcher aufmerksam machen. Der jetzt zerfallene österreichische Staat hat in seiner Verwaltung einen jüdischen Schulfonds. der seit Josef II. aus den jüdischen Koscherfleisch- und Lichtsteuern gebildet wurde. Dieser betrug schon im Jahre 1861 einige Millionen Kronen, ist durch Zinsen stark angewachsen, aber bis vor kurzem wurde er ganz einfach „vergessen“ und verheimlicht. ’ In Galizien gibt es kleinere aber zahlreiche Stiftungen, die auch vergessen worden und stillschweigend von den nichtiiidischen Instituten weggenommeu werden, wenn wir nicht wachsam sind. Alle jüdischen Fonds gehören dem jüdischen Volke! Wir müssen sie auf Grund einer genauen Statistik revindizieren! Insbesondere während der Katastrophen des Krieges und der Revolutionen, wo ganze Gemeinden und Verwaltungen verschwunden sind, insbesondere in Ost- und Zentraleuropa und mit ihnen die Dokumente und Archive, die das Gemeindevermögen betreuen und die Stiftungsvermögen. Wir müssen sie retten! Aber noch ein ungemein wichtiger Punkt ist zu berühren. Viele Stiftungsvermögen sind vorn Stifter zu Zwecken bestimmt worden, die heute nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten schon veraltet oder unnötig oder unmöglich zu erreichen sind. Jetzt ist es Zeit, eine sogenannte .Zweckrevision“ bei allen diesen Stiftungen vorzunehmen und im Einvernehmen mit den Staatsverwaltungen könnte der Zweck geändert und in irgendeiner Weise mit dem jetzigen Erlösungswerk in Verbindung gebracht werden. Ich nenne als Beispiel die Stiftungen des Baron Hirsch und viele andere, auf die ich hier einzugehen nicht den Platz habe. Diese Vermögen könnten eventuell sogar direkt fiir das Kolonisationswerk bestimmt werden. Der Gedanke der Volksanleihe muß die Grundform für die Geldbeschaffung sein. Daneben kann gesammelt werden. Aber wie? Keine kleinen Tropfen, keine sogenannte Selbstbesteuerung. Große Schenkungen werden von den jüdischen Finanzgewaltigen gegeben werden, nicht in der Form, daß sie in der großen „Sammelbüchse" verschwinden, sondern ein Jeder wird (und dies ist Psychologisch verständlich) seinen Namen verknüpfen wellen mit einem einzelnen kmkreten Werke Als das arme kleine Griechenland keine Selbständigkeit bekam und sie auszubauen begann, da war die griechische Diaspora in Kleinasien und an den übrigen Teilen der Mittelmeerküste viel reicher als das Vaterland. Und die reichen Söhne gaben der armen Mutter nach allen Kräften: Der eivie stiftete ein Museum, der andere Schulen, der dritte die Universität. ein vierter baute ein Panzerschiff, das nach ihm (Efvarofi) benannt wurde usw. Werden unsere reiche Söhne zuriiekstehen? Hoffentlich nicht. Auch sie werden einzelne große Werke schaffen: Schulen. Museen. Straßen. Wasserleitungen, Handelsschiffe usw. Aber das Gesamtwerk der Erlösung kann und soll durch einen einmaligen starken Kraftaufwand des ganzen Volkes geschaffen werden. Durch die Volksanleihe soll das indische Volk den Beweis erbringen, daß es Vertrauen hat zu sich selber. Palästina Zwischen Depression und Erwartung in Palästina Der Jerusalemer Korrespondent des London J. C. B. schreibt: Wir befinden uns wenige Wochen vor der ersehnten, von der Presse der ganzen Wieät besungenem Datum des 1. Juli, an weichem der große Wechsel in der hiesigen Verwaltung eintreteu soll. Am 22. Juni heißt es. verläßt Oberkoraroissär Sir Herbem Samuel mit seinem Stabe London und am 1. Juli 1920 tritt er sein Amt als Vizekönig von Palästina an. das er im Namen Sr. M. Regierung und unter ihren Anweisungen ausüben: wird, mit der bestimmten Absicht. Palästina Ln eine nationale Heimstätte des jüdischen Volkes zu verwandeln. Anderseits ist soeben die Geulah-Woche. die Woche der großen Opfer und finanziellen Anstrengungen vorüber. Noch ist das definitive Resultat in Palästina nicht bekannt, noch wissen wir gar nichts über die Größe der Beträge. die ini Auslände iür den Erlösungsiouds gesammelt worden sind. Aber anzuaiehmen ist, daß wir die großen Summen fiir den Beginn der Erschlfeßungsarbelten in Palästina erhalten werden. Die Aussichten stehen somit günstiger als noch vor wenigen Monaten iciin Jude zu hoifen wagte und man hätte allen Grund, zufrieden und ruhig zu sein. Leider ist dies aber nicht der Fall. Noch nie war der Zustand und die Seelenverfassung dar Palästinenser schlimmer als in diesem Augenblick. Noch nie hat man in der Presse des Landes solche pessimistische Artikel gelesen, wie dies jetzt geschieht. Noch nie. auch zur Zeit Dschemal Paschas nicht, hat man soviel Anlaß gehabt, auf öffentlichen Versammlungen Klage gegen die Verwaltung und1 die durch die bisherige Politik im Lande geschaffenen Verhältnisse zu führen, wie in den letzten paar Wochen. Man bedenke aber auch, was es iür die Palästinenser bedeutet, wenn Jabottnsky und seine Freunde von der Selbstwehr seit zwei Monaten im Gefängnis schmachten, ohne daß es bisher möglich gewesen wäre, auch nur die Revision dies Prozesses auszuwirken, obwoiü diese einen Augenblick gesichert zu sein schien. Daß diese heute ihre „Straie“ abbiißen. weil sie das Leben und die Ehre jüdischer Frauen und Kinder schützen wollten, während die Verbrecher zum großen Teil entwichen oder ireigesprochett worden sind. Daß sie. aus Verzweiflung über die Ungerechtigkeit, nunmehr mit dem Hungerstreik beginnen wollen. Daß seit Monaten und trotz allen Vorstellungen an allen erreichbaren Instanzen Mord1 und Raub in Galiläa an der Tagesordnung sind, kein Tag vergeht, ohne daß ein neuer Ueberiall gemeldet werde, wobei die jüdischen Kolonisten ungenügend oder gar nicht geschützt werden, ihr Hab und Gut an englischen Militärposten vorbei ins Ostjordanland wandert und die ertappten Verbrecher und Raubmörder, wenn überhaupt, zu lächerlichen Freiheitsstrafen verurteilt werden, anstatt daß mit starker Hand Ordnung gemacht werde. Daß ferner und infolge dieser Sachlage der ganze Jischub mitbeben, sich in zwei Lager, Verteidiger und Verteidigte, teilen muß, dam t das. was noch übrig geblieben, nicht ebenfalls vernichtet werde De:er Sachlage gegenüber nehmen sich die wenigen tatsächlichen oder m Aussicht stellenden For.H dritte auf diesem oder jenem