Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 20 (25.6.1920)
- Date
- 1920-06-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Öeite 3 meine Last allgemeiner Geldentwertung und Wertvemichtung durch die Folgen des Krieges; da ist die Notwendigkeit, einen sehr großen Geldbetrag ohne’ rechte Sicherheiten aufzubringen und eine Einwanderung zu organisieren in halbödem Lande, die. für ungeübte Juden, eine Aufgabe darstellt, weit schwerer, als sie der deutsche Generalstab, mit einer tollen Autorität und Macht hinter sich. Je lösen müßte. Da ist die unerhörte Verhetzung der Araber durch ihre Großgrundherren, deren Machtprobe wir gerade erleben. Und da äst die langsam gärende Welt des nahen Ostens 'überhaupt. der. von der bolschewistischen Idee bewegt, völlig neue Weltlagen schaffen kann, vor denen «in englisch garantierter. Vertrag hinfällig wird — ganz abgesehen vom Kampfwillen des nationalen Türkentu ms. Ist hier Jubel am Orte? Schauder, wenn ich nicht irre. In diese Welt der Wirklichkeiten tritt der Jude wie nackt: in der Hand nur: sein Müssen. Wir müssen, das ist unser einziges Heil. Der Zuspruch von Männern wie J. C. Smuts kann uns nur dankbar zu Ohren klingen, in ein ernstes und gefestigtes Herz. Die Hand des Herrn ist wieder über uns — wir spüren sie erschüttert, sie war so lange von uns fern, so glaubten wir Einsamen. Indem wir denen danken, die den Vertrag von San Remo zustande brachten, den britischen Staatsmännern und den jüdischen, fühlen wir fh uns das unausweichliche Diktum, alles an seine Verwirklichung setzen zu müssen. Wir .haben gottlob keine Wahl: „Gehe hin in das Land, dlas ich dir zeigen werde.“ _ Kongreß der Vereinigten jüdischen Parteien in Brünn Der Kongreß der Vereinigten jüdischen Parteien, welcher am 14. und 15. Juni in Brünn tagte, war vor die besondere Aufgabe gestellt, die endgültige politische Vertretung des nationalorganisierten Judentums in der Tschecho-Slowakei zu schaffen, und die Konstituierung der jüdischen Minderheit im Staate vorzunehmen. Der erste Kongreß, welcher im Jänner v. J-. in Prag stattfand, bedeutete die erste Willenskundgebung des tschechoslowakischen Judentums nach der Revolution Inzwischen hat der Ausbau der nationalen Organisation in der Republik bedeutende Fortschritte gemacht, allenthalben wurden lokale jüdische Volksräte begründet, welche in Landesvolksräten zusammengefaßt sind und die Juden der Slowakei, welche aus besonderen Gründen auf eine gesonderte Organisationsform Wert legen, haben den ersprießlich tätigen Volksverband in Preßburg geschaffen und auf der gemeinsamen Plattform der „Vereinigten jüdischen Parteien“ die Basis gefunden, um gemeinsam mit der Judenschaft aus Böhmen. Mähren und Schlesien auf einem jüdischen Programm i« den Wahlkampf einzuareifen. Dieser hat die Einmütigkeit des Judentums der Tschecho-Slowakef erwiesen und bedeutet durch die Aufbringung von 80.000 jüdischen Stimmen einen hoch einzuschätzenden moralischen Erfolg. Zufolge eines Wahlgesetzes, dessen Ungerechtigkeit darin besteht, daß es die Durchbringung eines Kandidaten von der Mindestzahl von 20.000 gültigen Stimmen in einem einzigen Wahlkreis abhängig macht und also die zerstreute jüdische Minderheit unberücksichtigt läßt ist jedoch der jüdischen Wahlwerbung der effektive Erfolg versagt geblieben, obzwar die Juden zufolge der aufgebrachten Stimmen auf gut vier Abgeordnete Anspruch hätten. Dieses Ergebnis ist umso schmerzlicher, als die jüdische Minderheit in der Tschecho-Slowakei als solche bereits in der Verfassung die gesetzliche Anerkennung erlangt hat. Nach dem betrüblichen Ausgang der Wahlen hat sich also der Kongreß als besonders notwendig erwiesen und sein bedeutendster Er- 2. Der geringe Bodenbedarf führt zu einer bedeutenden Herabminderung der Ansiedlüngskosten. 3. Die Zahl der Ansiedler kann auf ein Vielfaches der bis jetzt angenommenen Zahl gesteigert werden. 4. Die Arbeiterfrage wird eliminiert, - da bei der Kleinheit der einzelnen Parzelle keine Verwendung fremder Kräfte nötig ist. 5. Die Ueberführung der Juden aus den städtischen Berufen in die Landwirtschaft wird erleichtert da die gärtnerische Tätigkeit geringere Anforderungen an die physischen Leistungen stellt und der geistig individuellen Veranlagung größeren Spielraum gewährt. Dr. S o s k i n bespricht in deser Schrift auch die technischen Einzelheiten der Anlegung einer Siedlung wie auch der einzuführenden Wirtschaftsweise. Er bringt auch dabei den Entwurf einer solchen Kolonie, die den Vorzug hat. auf einem relativ kleinem Raume (etwa 300 Hektar) 500 Familien zu umfassen. Durch eine solche Bevölkerungsdichtigkeit werden die Kultus- und Gemeindekosten, die die Gemeindemitglieder selbst zu tragen haben, auf eine der Leistungsfähigkeit der Siedler entsprechende Höhe, herabgemindert. Die Wichtigkeit der von Dr. Soskin behandelten Probleme und die von ihm erwarteten Folgen seiner Siedlungsform sind von so eminenter Bedeutung für unslere Kolonisation, daß seine Schrift dem eingehenden Studium aller derer, die sich für die Palästinakolonisation interessieren, nicht dringend genug empfolhen werden kann. Eine hebräische, englische und jiddische Ausgabe des Werkes befinden sich in Vorbereitung. In Shanghai erscheint das von H. Bs r a redigierte zionistische Organ „Der jüdische Bote“ wieder. „ folg ist. daß es in Brünn gelungen ist. eine gemeinsame national-politische Orgaii i s a t i o n für die mährisch-böhmisch-schlesischen Juden einerseits und die slowakischen anderseits zu schatten Der Kongreß hat erwiesen, daß der Wille zum nationalen Eigenleben un.er den Juden der Tschecho-Slowakei ungeBrochen ist und. er erhäit seine besondere Bedeutung durch den Umstand, daß maßgebende Kreise der Regierung zugesngt haben, die auf dem Kongreß gewählte jüdische Vertretung als beglaubigten Faktor und Vertreter der jüdischen Minderheit anerkennen zu wollen Ar. dem Kongreß nahmen ungefähr 110 Delegierte aus allen Geigenden der Republik teil. Der Präsident des Prager Jüdischen Nationalrates. Dr. Singer, hielt ein groß angelegtes politisches Expose. Er. schildert vorerst die Geschichte der Entstehung des jüdischen Nationalrates, den er einen negatiorum gestor des jüdischen Volkes nennt. Hierauf beschäftigt er sich mit den Wahlen, bespricht ihren Erfolg, das ungerechte Wahlgesetz, die Abänderungsvorschläge und berichtet über die Audienz beim Präsidenten Masarvk in dieser Angelegenheit — Dr. Singer gibt hierauf ein Bild der gesamten Tätigkeit des Nationalrates mit einer imposanten Uebersicht aller Gebiete, auf denen der N. R. zu arbeiten hatte. Seine Rede wird nach der längeren Aufzählung der durchgeführten Interventionen von stürmischem Beifall unterbrochen. Hierauf berichtet er über die Flüchtlingsaktion des J. N. R„ insbesondere die Unterstützung und Repatriierung der Flüchtlinge. Er dankt dem Eisenbahn- und Finanzministerium für ihr Entgegenkommen. Er hebt die verdienstvolle Tätigkeit Prof. Engels h«rvor. Dr. Singer übergeht hierauf zur Besprechung des jüdischen Minoritätenschutzes über. Der jüdische Nationalrat ist ein Teil des Comites des delegations iuives in Paris, dem bekanntlich insbesondere die Durchsetzung der Minoritätsschutzklauseln in den Friedensverträgen zu danken ist. — Unser erstes kulturelles Postulat ist die jüdische Schule. Auf sie haben wir ein Recht durch den Friedensvertrag und die Verfassung: in diesem Sinne muß auch das Schulgeld der tschechoslowakischen Republik, das vor dem Friedensvertrag erlassen worden war und nur von sprachlichen Minderheiten spricht, abgeändert werden. Dr. Singer wendet sich hierauf der sozialen Arbeit des J. N. R. zu und bespricht die mensa academica. die Kinderheinrstättenaktion. sowie die Angelegenheit des jüdischen Studentenheimes. — Nachdem er noch Kultusgemeindefragen, das Staatsbürgerschaftsgesetz, die Tagespresse behandelt hat. kommt er auf die Kriegsgefangenaktion zu sprechen, die erfreuliche Fortschritte gemacht hat. „ .. Zum Schlüsse erwähnt Dr. Singer die freundschaftliche Zusammenarbeit mit den Organisationen in Brünn. Mähr.-Ostrau und Bratislava. Er gedenkt des Verständnisses, das Präsident Masarvk den nationaliüdischen. Bestrebungen tatkräftig entgegenbringfc (Die Versammlung erhebt sich aupplaudierend von ihren Sitzen.) Er schließt mit einem Appell zur Einigkeit (Langandauernder Beifall.) . „ , , , . Nach einem Referate Dr. Goldsteins über Organisation wurde das folgende Organisationsstatut beschlösse«: § 1; Zur Wahrung der .im Absatz 6 der Verfassungsurkunde festgelegten Minderheitsrechte der Juden sind für die Däuer.der am 18. und 25. April 1920 gewählten Nationalversammlung berufen: . . a) der Kongreß der Vereinigten jüdischen Parteien. b) die Exekutive der Vereinigten jüdischen Parteien in Böhmen. Mähren und Schlesien (der Jüdische Nationalrat in Prag). c) die Exekutive der Vereinigten Jüdischen Parteien in der Slowakei (der Volksverband der Juden für die Slowakei). Max Brod: Sozialismus im Zionismus. (Verlag R. Löwit. Wien. 1920.) Die Synthese zwischen Sozialismus und Zionismus ist eän Problem, daß noch nie als so aktuell empfunden wurde, wie heutzutage. Die Auflösung der bisherigen politischen Ordnung in großen Teilen von Europa und das brennende Verlangen nach einer Neuordnung und Umgestaltung der die Gesellschaft beherrschenden Kräfte, welches unter allen progressiv Gerichteten eine Spannung erzeugt, die weite jüdische Kreise ergriffen hat, denen die Sozialdemokratie durch ihre einseitige Betonung des Klassenkampf-Standpunktes und ihre Unterstellung des nationalen Moments unter marxistische Gesichtspunkte weder nach der Seite der jüdischen Wirtschaftsgliederung noch nach der allgemein-geistigen Einstellung Genüge bieten kann. Eine Brücke zwischen sozialistischen und nationaliüdischen zionistischen Auffassungen zu schlagen, ist der „Hapoel-Hazair“ bemüht, dessen außerpalästinensischer Anhang jedoch bisher ein ausgebautes und em volles Verlangen nach Aktivität befriedigendes Programm noch schuldig geblieben ist. Man greift also mit verständlicher Neugierde nach einem Buch, dessen Titel einen Wegweiser in der Frage verspricht, wie die beiden Strömungen auch in der Galuth in Einklang zu bringen wären. Leider entspricht der Titel den Erwartungen nicht, denn was Brod bietet, ist im Wesentlichen eine allerdings geistreiche Analyse der Popper- Lynkeusschen Theorien, welche Brod durch eine Lehre, die er „Mehr-Zeit“-Theorie nennt. ergänzen will. Für den sozial Interessierten enthält die Schrift manche klugen Bemerkungen, für den Zionisten, der reale Vorschläge erwartet, bietet sie bloß abstrakt-utopische Theorien, über die sich sprechen läßt, die jedoch ohne -aktuellen Wert sind. _r. d) Der Kongreß wählt eine Zentralexekutive der Vereinigten jüdischen- Parteien der ganzen Republik, zur Vertretung in allgemeinen jüdischen Fragen, speziell i« der Forderung der Revision des Wahlgesetzes. § 2. Der Kongreß der Vereinigten jüdischen Parteien wird fallweise, mindestens aber einmal im Kalenderjahre, zusammenberuferi und setzt sich zusammen: a) aus den Kandidaten, die auf den Listen der Vereinigten jüdischen Parteien für die Abgeordnetenkammer und den Senat kandidiert waren und durch ihre Wahl zur politischen Vertretung ihrer 79.262 Wähler berufen sind. b) aus den Bevollmächtigten der vereinigten jüdischen Parteien reso. deren Stellvertretern, die in allen Wahlkreisen nach §§ 19 und 11 der Wahlordnung bestellt wurden. c) aus ie fünf Vertretern aller iener Gruppen, die unter dem Namen Vereinigte jüdische Parteien zusammengeschlossen waren und die auf Grund von Parteiwahlen durch ihre Exekutive entsendet werden. § 3 Der Kongreß berät und beschließt, wie es möglich wäre, in Ermangelung einer parlamentarischen Vertretung den Vereinigten jüdischen Parteien Geltung zu verschaffen. § 4. Der Kongreß wird vom Alterspräsidenten eröffnet und wählt aus seiner Mitte das Präsidium. die Schriftführer und Arbeitskommissionen. § 5. Auf Verlangen von mindestens einem Viertel der zur Teilnahme berechtigten Personen hat die Exekutive die Verpflichtung, den Kongreß zu einer außerordentlichen Tagung einzuberufen und auf die Tagesordnung jene Programmpunkte zu setzen, die von den Antragstellern verlangt werden. Auf Antrag des Herrn Dr. Max Brod (Prag) wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: „Der am 14. Juni in Brünn tagende Kongreß der Vereinigten jüdischen Parteien protestiert im Namen von 80.000 jüdischen Wählern gegen die undemokratische Bestimmung des § 51 der Wahlordnung. welche die ganze jüdische Minorität von der parlamentarischen Vertretung ausschließt, wiewohl auf die von ihr abgegebenen Stimmen 4 Abgeordnete und 2 Senatoren entfallen wären. Der Kongreß verlangt die Revision dieser Bestimmung in dem Sinne, daß eine Partei, die in der ganzen Republik mindestens 50.000 Stimmen aufbringt, zum zweiten Skrutmium zugelassen wird.“' Aus dem Verhandlungen des zweiten Verhandlungstages des Kongresses ist besonders das Schulreferat hervorzuheben. welche Professor Dr. Engel hielt Der Redner schildert den Kampf, welchen der Jüdische Nationalrat um die Erhaltung der zahreichen bestehenden jüdischen Schulen in der Slowakei zu führen hatte, denen durch lange Zeit die völlige Sperrung drohte, und beklagt den Mangel an Verständnis, den die Schulfrage bei dem sozialistischen Unterrichtsminister gefundenhabe. Endlich sei der Anschlag auf die jüdischen Schulen in der Slowakei zuschanden geworden und fast alle jüdischen Lehrer wurden wieder in Dienst gestellt. Erfreulich sei die Begründung von Kursen für Lehrer zur Erlernung der slowakischen Sprache, deren Kentnis von den Behörden unbedingt gefordert wird. In Mähren sollen die jüdischen Schulen als Minoritätsschulen erklärt werden. In Munkacs sei die hebräische Volksschule bereits bewilligt worden. In Brünn solle mit dem nächsten Schuljahr ein jüdisches Reform-Realgymnasium eröffnet werden, ebenso eine Volksschule. auch in Mährisch-Ostrau werde Aehnlicbes geplant. Die versprochene Schulen q u e t e. welche schon hätte stattfinden und das gesamte jüdische Schulproblem verhandeln sollen, werde in der nächsten Zeit stattfinden müssen. Aber auf alle Fälle werde man aus eigener Kraft beginnen müssen, solange noch die aus dem Friedensvertrag resultierten Forderungen an den Staat nicht eskomptiert seien. In den Forderungen sei auch noch die Gründung einer jüdischen L e h r e r n r ä p a r a n d i e enthalten, welche das überaus fehlende Lehrermaterial ausbilden soll. Auch für jene Jugend werde gesorgt werden müssen, die fremd-nationale Schulen zu besuchen genötigt sein wird. Die Minoritätsforderung müsse auch auf das Bibliotheksgesetz angewendet werden, indem aus staatlichen Mitteln für eine jüdische Minderheitsbibliothek zu sorgen sein werde. Zum Schlüsse wurde eine Resolution angenommen, welche schäristens. gegen die Verschleppung der jüdischen Schulfrage durch die Regierung protestiert, die eheste positive Erledigung der durch den Friedensvertrag und die Anerkennung als ethnisch-nationale Minderheit übernommenen Verpflichtungen und die schleunigste Einberufung der seit langem zugesagten Schutenquete fordert. Die Frage der Staatsbürgerschaft, welche gegenwärtig in der Tschecho-Slowakei geregelt werden soll und für die Juden in der Slowakei besonders brennend ist. soll zum Studium einer eigenen Kommission überwiesen werden. Unter allgemeinem Beifall wurde ein Antrag angenommen, an den Vorkämpfer für die jüdiche. Sache in Oesterreich-, Abgeordneter Stricker, ein Begrüßungstelegramm zu entsenden und der „Wiener Morgenzeitung“ für ihre großen Verdienste um die Verbreitung des jüdischen Gedankens und ihre Verteidigung der bedrängten jüdischen Positionen vor der großen Oeffentlichkeit den wärmsten Dank des Kongresses auszudrücken. $ y i /