Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 19 (11.6.1920)
- Date
- 1920-06-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 19 nicht durch Unterbreitung irgendwelcher politischer Kalküls, sondern dadurch, daß er. im Bewußtsein. der Sachwalter eines ewigen Volkes zu sein, die srroße Perspektive der Geschichte aufrollte und mit der Wucht eines Mannes, der in unerschütterlicher Sicherheit über den schließlichen Erfolg der zionistischen Sache — jetzt oder in ferneren Tagen — die Briten auf das Urteil künftiger Zeiten verwies. Hierin offenbarte sich das Prophetische seiner Natur. Für ihn ist der Zionismus keine zeitlich bedingte Erscheinung, er ist ihm der Ausdruck eines ewigen Prozesses, der um die Erfüllung der Bestimmung des jüdischen Volkes geht, den dieses letzten Endes nicht verlieren kann, so lange es an seine Bestimmung glaubt. Diese Ueberzeugung ist es. die auf die Engländer wirkte. Er teilte ihnen seinen Glauben mit. den Glauben an die Zukunft des jüdischen Volkes, dessen Geist aus diesem Manne spricht, wie aus keinem zweiien. Nicht der politische, sondern der prophetische Zionist Weizmann hat den Hauntanteil am Erfolg. Ihm glaubt man es. daß er der Sachwalter des Volkes ist. Denn nicht «nur die jüdische Gegenwart mit ihrem Leiden und ihrem Sehnen tönt aus ihm. Vergangenheit und Zukunft, das Unvergängliche und Unzerstörbare des jüdischen Volkes glaubt man zu fühlen, wenn er Spricht In Palästina war Weizmann stets derjenige, dem gleicherweise Engländer und Juden vertrauten und der auch die Araber von der Lauterkeit seiner Absichten überzeugte. Als noch im letzten Moment sich der politische Himmel verdüsterte, war es Weizmann. der mit Sokolow — dem Manne, dem ein nicht minder großer Anteil an dem Enderfolg gebührt, weil 'er ein noch schwierigeres Feld als Weizmann zu bearbeiten hatte — nach San Remo eilte und dort die denkwürdigen Entschlüsse provozierte. . Chaim Weizmann ist kein Mann der Eitelkeit und der Ruhmsucht. Wäre er es. dann hätte er. wie er nicht tat. seine Person in den Vordergrund rücken können und ein fortwährender Kultus mit ihr wäre ihm sicher gewesen. Er wünscht nichts anderes, als bald wieder in sein Laboratorium zurückkehren zu dürfen, allerdings in eines, das in der hebräischen Universität in Jerusalem errichtet wird, dem seine besondere Liebe gehört und dej er nebender politischen Arbeit seine Kraft widmet. Trotz seiner Abneigung gegen das Feiern seiner Person glaube ich dennoch, daß die zionistische Organisation wie das jüdische Volk ihrer Dankbarkeit gegenüber dem großen Führer in einer Weise Ausdruck geben müssen, die würdig ist seiner wirklich unvergänglichen historischen Verdunste. Sokolow. Nahum Sokolows Name wair in der hebräischen Literatur schon lange berühmt als er in die zionistische Bewegung eimtnat Er war vor allem Hanptschriftleiter und später Herausgeber der von SlonimsRi begründeten ersten und durch. Jahrzehnte auch einzigen hebräischen Tageszeitung Rußlands, der Warschauer „Hazefirah“. Sokolow Schrieb auch die täglichen Leitartikel ■und zeigte sich darin nicht nur als glänzender hebräischer Publizist sondern' er setzte dsie Leser durch seine Universalität und sein 'stupendfes Wissen in Staunen. Sokolow ist ein seltenes geistiges Phänomen Es gibt in Philosophie. Geschichte. Literatur usw. aller Nationen keine irgendwie namhafte Erscheinung, die er nicht kennt. Sein Wissen erstreckt sich aber nicht nur auf die Wesenszüge der Erscheinungen, er kennt auch die kleinsten Details. Schon injüngeren Jahren hat er durch Reisen alle europäischen Länder und Völker sowie Ihre namhafteren Persönlichkeiten kennen gelernt und ist imstande, sich in acht Sprachen (hebräisch, jiddisch, polnisch, russisch, deutsch, englisch, französisch, italienisch) gleich fließend und gewandt auszudrücken. Er war ein Vorkämpfer der Haskalah gewesen, abetr sein Blatt und. seine hebräischen Schriften zeigten nicht die Schattenseiten der Itaskalfahpeniode, in der man meist versucht hatte, der russischen Judenheit moderne Bildung förmlich gewaltsam einzutrichtern, statt zu erkennen, daß es einer Erneuerung des jüdischen Geisteslebens von innen heraus bedürfe. Zahlreich sind die hebräischen Broschüren. Artikel und! Erzählungen, die Sokolow neben seiner angestrengten publizistischen Tätigkeit veröffentlichte. Durch diese erlangte er einen bedeutenden Einfluß in der hebräischen Bewegung und sein Name wurde in ihr stets mit besonderer Anerkennung genannt. Dem Zionismus Herzls stand Sokolow anfangs skeptisch gegenüber, nach dem ersten Kongreß schloß er sich aber der Organisation au. In dieser wirkte er vor allem für die hebräische Sprach- und Kulturbewegung. Auf den meisten Kongressen hielt er die Referate darüber. Unter Wolffsohn war er durch einige Jahre Generalsekretär dter Bewegung und eine Zeit lang auch Leiter der „W e 11“. Sokolow war und ist keine Kampfnatur, sein konziliantes Wesen und sein mehr auf Erkenntnis der Zusammenhänge. als auf schai fes Herausarbeiten von Prinzipien gerichtetes Denken ließen ihn in der Wolifsohn-Aera. im Gegensatz zu seinen Freunden, lange nicht in diem heftigen Widerstreit der Meinungen Partei ergreifen. Er suchte vielmehr immer auszug'eichen und die Einigkeit in der Bewegung herzustellen. Schließlich wurde ihm aber doch die Haltung der Leitung unerträglich. Er schied aus Köln und übernahm wieder die „Hazefirah“, die den Kampf gegen die Leitung mitmachte. Er veröffentlichte auch 1910 eine Broschüre!, in der er. ohne jede persönliche Polemik, wie sie seiner versöhnlichen Natur fern lag, versuchte, darzulegen, warum der Kurs der Leitung ein verfehlter sei. Diese wenig bekannte Broschüre war voll von fernen, geistreichen und treffenden Bemerkungen, aus denen hervorgeht, daß Sokolow. ebenso wie die Opposition, radikalnational dachte. Die Anerkennung eines einheitlichen Volkes ist die Voraussetzung des- Zionismus. „Zionismus ist jüdisches Volksleben nach der Zukunft gerichtet: „Wir dürfen nicht vergessen, daß der Zionismus nicht dazu da ist um eine Gruppe in der Judenschaft zu bilden, sondern die Judenschaft für einen großen Zweck zu organisieren1.“ Die Quelle der Widerstandskraft gegen den Galuth muß im Innern des Volkes sprudeln, in der allgemeinen Ueberzeugung von der Notwendigkeit der Aufgabe, und dem Ge&amtwfllen, sie um jeden Preis durchzuführen. Diese Sätze, denen noch zahlreiche andere gleicher Prägnanz hinzugefügt werden können, zeigen, daß Sokolow die prinzipiellen Grundlagen des Zionismus in einer Schärfe erfaßt hat, die ihm. der als Litorat. Redner und Kulturphilosoph galt, die Parteitheoretiker gar nicht zugemutet hätten. » Bei der Neugestaltung dter Leitung am zehnten Kongreß wurde Nahum Sokolow ins Engere Aktionskomitee gewählt. Es war eine besonders glückliche Wahl, wie sich heute sagen läßt. Denn so große Verdienste sich Sokolow auch um die meujüdlische Bewegung bis zum Kriege erworben hatte, sie werden überstrahlt von dem, was er in den letzten Jahren geleistet hat. Sokolows feine politische Witterung. seine ungewöhnliche diplomatische Geschicklichkeit, sein erstaunliches Wissen, seine Klugheit und Menschenkenntnis haben ihn zu dem politischen Unterhändler des Zionismus in der welthistorischen Epoche des Krieges gemacht Sokolows hohe Geistigkeit und sein würdig-vornehmes Auftreten, das bei aller Bescheidenheit doch von Zielsicherheit und innerer Festigkeit zeugt vermochten, daß er. wo immer er sich bewegte, sofort mit den führenden Männern in Beziehung kommen konnte. Sokolow hat so die Verbindung mit den Verschiedensten Regierungen an geknüpft, er hat dien leitenden Staatsmännern der Entente hohe Achtung für die Bewegung und für seine Penson abgewannen. Zeuge dafür sind die Worte, die Balf our und Pichon in ihren Vorreden zu Sokolows Werk „History of Zionismus" schrieben. Sokolow hatte den schwierigsten Teil dar diplomatischen Arbeit zu bewältigen, er hatte mit Mächten, die dem Zionismus nicht von vornherein günstig gesinnt waren — wie Frankreich und die Kurie — zu verhandeln. Nicht nur für Palästina, sondern auch für die nationalen Minder heit sr echte hatte er zu kämpfen, er hat der jüdischen Delegation in Paris die Wege ebnen müssen. Ein Beweis für seine erstaunliche Arbeitskraft ist es. daß er in den Jahren einer aufreibenden diplomatischen Tätigkeit, die ihn zu fortwährenden Reisen zwang, noch die Muße hatte, auch literarisch für den Zionismus einzutreten. Seine zweibändige „History of Zionismus“, die namentlich dazu bestimmt ist, die Dokumente der prozionistischen Haltung der Westmächte seit dem Jahre 1600 zusammenzutragen, ist die Frucht eines erstaunlichen Geistes. Ueber 300 Ouelienwerke. ferner eine große Zahl von Akten und Dokumenten sind zu diesem fast 1000 Seiten umfassenden Buch, das seinen Zweck voll und ganz erfüllt hat. benützt worden. Weizmann. mit seinem stürmischen Temperament. dessen Feuerseele man selbst durch die ruhige Klarheit durchspürt, mit der er gewöhnlich spricht, und Sokolow. mit seiner überlegenen Klugheit, seiner universellen Bildung, seiner Kunst der Menschenbehandlung, haben einander aufs glücklichste ergänzt. Bessere Führer als es diese dem jüdischen Volke sind, hat keine andere Nation aufzuweisen. Man mag wie immer über den Anteil denken, den große Persönlichkeiten an dem Verlaufe der Geschichte haben, sehr wahrscheinlich ist es nicht, daß ohne diese Männer das jüdische Volk erreicht hätte, was diese beiden großen Führer ihm errungen haben. Adolf Böhm. Organisationsfragen i. Zionistische Jugend. Ein zionistischer Jugendverein dementiert die üblen Gerüchte, die über seine Tätigkeit im Umlauf sind — so zu lesen ln einer der letzten Nummern der „Jüdischen Zeitung“. Es ist wohl unbekannt geblieben, was die Gerüchte besagen. Es liegt auch kein Anlaß vor, der Unschuldsbeteuerung keinen Glauben zu schenken. Dessenungeachtet kann ich mich der Beunruhigung nicht erwehren, die mich ob solcher mir zuteil gewordener Beruhigung beschleicht. Zumindest gibt es also Verleumdungen und auch Verleumder. Und fürwahr, es könnte noch viel schlimmer bestellt sein angesichts des Chaos, das gegenwärtig in der Organisation dter zionistischen Jugend in Wien herrscht. Ziel- und planlos schießen jetzt unzählige Vereine empor wie Pilze nach dem Regen. In den meisten Fällen ist das Leitmotiv der Gründung: der Drang nach irgendwelcher, meinetwegen zionistischer Betätigung. Als Mittel hiefür bedient man sich dter-Verans i a 11 u n g e öl Das ist alles. Noch ist aber die Schilderung nicht zuende. Es stellt sich nämlich bald heraus, daß viele keine Gelegenheit hatten, an dieser „yenanstaltenden“ Aktivität „führend“ teilzuhaben und däs Resultat ist ein neuer Verein. Eine der letzten Neugründungen dieser Art war sogar von der Offenherzigkeit der Gründer ausgegangen, die das Gebiet ihrer Tätigkeit ausschließlich in Veranstaltungen, allerdings zugunsten wichtiger Institutionen, suchten. Es fragt sich nur. ob sich die hiefür aufzuhringende Kraft und Zeit durch die einzubringenden Summen irgendwie Einfälle Es ist betrübend, zu sehen, wie oft streng religiöse Jaden die schönsten ethischen Gesetze des Judentums für das Verhalten zu den Mitmenschen außeracht lassen, die andere weniger religiöse Juden und Niciitiuden als ganz selbstverständlich tagtäglich ausüben. Personen, die alle zeremoniellen Vorschriften mit minutiöser Genauigkeit einhaltcn und nicht verabsäumen, bei jeder derselben Gott in einem Segc-nssnruch dafür zu danken, daß er unser Volk durch seine Gebote geheiligt habe, gehen achtlos über viele der schönsten und wichtigsten Mizwoth hinweg. Vielleicht ist da unseren Weisen, die die Textierung der SegeussDrüche festsetzten, ein Versehen in der Richtung unterlaufen, daß sie für derartige Gebote nicht ebenfalls Segenssnrüche vorschrieben. und es wäre gar nicht absurd, einen Synhedrion im neuen Jerusalem den Vorschlag zu unterbreiten, auch Segenssprüche vorzuschreiben, die zu sprechen wären, wenn man im Straßenbahnwagen einer alten oder kranken Person Platz macht oder wenn man sich ein gutes Geschäft im Hinblick auf das Wucherverbot entgehen läßt, wenn man seine arische Bürokollegin trotz ihrer Einladung nicht ins Theater begleitet und dergleichen mehr.- * Wie gut haben es doch die Tschechen verstanden. alle Welt zur Anerkennung des nationalen Namens ihres Landes zu zwingen, so daß heute niemand mehr von Böhmen oder gar von Tschechien spricht, trotzdem die Bezeichnung Tschecho-Slowakei ziemlich schleppend und unbequem ist. Wir könnten viel von ihnen Jemen und es wäre nunmehr an der Zeit, unser Land bei seinem nationalen Namen und nicht mehr bei dem ihm durch die Römer nach unseren Erzfeinden, den Philistern, gegebenen zu nennen. Bei einigem Willen würde sich ganz leicht der Name ..Erez Israel“ einbürgern, und wenn wir ihn bei uns einmal eingeführt haben, wird er auch von den .anderen Völkern und im offiziellen Verkehr .angewendet werden müssen. Klingt er doch gewiß •mindestens ebenso schön wie die Bezeichnung ..Tschecho-Slowakei“ und hat auch mindestens ebensoviel Berechtigung! Diese Anregung wurde schon vor zwanzig Jahren in der ..Welt“ gegeben und war damals vielleicht weniger aktuell. Jetzt aber, nach San Remo. ist es ein Gebot unserer nationalen Ehre, unserem Land den ihm gebührenden Namen zu geben. * Herr H o f b a u e r. ein Führer der Trenr.ungsorthodoxen. hat sich in einer Versammlung zu der Behauptung verstiegen, die Nachricht von San Remo sei ein Wahlmanöver der Zionisten. Gebe Gott, daß die beunruhigenden Nachrichten aus Erez Israel nichts anderes seien als ein Wahlmanöver des Herrn Hofbauer! L. Moses. Kunst und Literatur Der Jude. Eine Monatsschrift. Herausgegeben von Dr- Martin Bub er. Erscheint in seinem neuen Jahrgang im Jüdischen Verlag, Berlin, an den alle Abonnementbestellmigen zu richten sind. Der Umfang der Monatsschrift wird trotz der überaus großen Schwierigkeiten bei der Papierbeschaffung und Herstellung, bedeutend erweitert und erfährt eine Umgestaltung. Insbesondere .wird die Zeitschrift durch Einführung' einer sämtliche Gebiete des jüdischen und allgemeinen Lebens umfassenden Umschau an Aktualität. Vollständigkeit und Weite des Horizontes gewinnen. Das erste Heft des fünften Jahrganges ist soeben erschienen und hat folgenden Inhalt: Martin B u b e r: In später Stunde. Michael Jizchaki: Der 24. April. Theodor Her zls Verhandlungen mit dem türkischen Sultan (Ein Brief an Dr. O. Kokesch und ein ausführlicher Geheimbrief an das Zionistische Aktionskomitee). Max Brod: Heidentum. Christentum. Judentum. Moritz B i 1 e s k i: Das Kompromiß des deutschen Judentums. Gustav Mayer: Ferdinand Lassale und die jüdische Reformbewegung (mit einem bisher ’ unveröffentlichten Brief des ISiährigen Lassalle über die Reformierung des Judentums). S. J. Agnon: Die Geschichte des Rabbi Gadiel dem Kinde. Robert W e 11 s c h: Die Prager Konferenz. Josef Sprinzak: Trumpeldor. — Uttischau: Siegmund Kaznelson: Politik (Politische Chronik. — Staat und Nation). Nachum Goldmann: Zionismus und nationale Bewegung. Adolf Böhm: Kolonisation. Elias Auerbach: Rassenkunde.. Elias Hurwicz: Völkerpsychologie. Erwin Kohn: Jüdisches Gewerbe in Wien. — Pressemeldungen. Das Einzelheft Mk. 5.50. Kc. 6.50. Kc. u. poln. Mk. 14.—. David S. Silberbusch: Kethabhim Nibeharim. (A u s g e w ä h 11 e Schriften.) 1. Band. Verlag ..Literaturfreunde“. Wien 1920. — Von'den Schriftstellern der Uebergangsperiode in der neuhebräischen Literatur nimmt David S. Silberbusch eine ganz hervorragende Stellung ein. Er ist neben Brandstätter einer der wenigen Erzählertalente, deren Werke ' auch den modernen hebräischen Leser durch Stil und Inhalt zu fesseln vermögen.