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Jüdische Zeitung · 1920-06-11 · 19 (11.6.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
19 (11.6.1920)
Date
1920-06-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelexemplar K 2. XIV. Jahrgang Nr. 19 Naüonal-jüdifches Onfian Redaktion and Administration: Will II., TaborstraBe I Fernsprecher Nr. 44038 B. 43319 Mir der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien, Freitag, den II. Juni 1920 3«zi|*»rels: Vierteljährig 13 K ganzj. 50 K, Einzelnummer 2 3. , Postsparkauenkonto 133.404 Anonyme Kampfmethoöen Die Agitation für 'die bevorstehenden Kultusgemeindewahlen geht weiter, ohne ihren Charakter im mindesten geändert zu haben. Das jüdischaiationaie Wahlkomitee entfaltet eine überaus rührige Propaganda, die auch nach der Seite ihrer jüdisch-erziehlichen Wirkung sehr begrüßenswert äst Tag für Tag finden in den verschiedenen Wiener Bezirken Versammlungen und Vorträge statt, welche sich eines starken Besuches erfreuen und den zionistischen Rednern dankbare Gelegenheit geben, nicht nur die auch den Gegnern selbst in die Augen springenden Schäden der bisherigen heillosen Wirtschaft, welche einige dem jüdischen Leben und Empfinden völlig entfremdete Kahalgrößen zum Schaden der jüdischen Gesamtheit entfalten, eine Wirtschaft, welche die Gemeinde an den Rand des moralischen und sogar des materiellen Bankerotts gebracht hat und wenn sie weiter bestünde, geeignet wäre, den ganzen Bestand der Wiener jüdischen Gemeinschaft zu bedrohen, aufzudecken, sondern auch vor einem, durch die Schuld der Wiener Kultusgemeinde mit der Kenntnis der jüdischen Probleme völlig unvertrauten jüdischen Publikum ein positives Programm zu entwickeln, welches den Herren in der Seitenstettengasse völlig fehlt Dieser wertvoll positiven Arbeit von unserer Seite, welche die volle 0Öffentlichkeit sucht und die weitesten Kreise heranzuziehen bestrebt ist, welche den Gegnern alle bisher ängstlich von jenen gemiedene Gelegenheit gibt ihr sogenanntes Programm zu entwickeln und vor der 0 Öffentlichkeit der Wähler ihre Einwände zu erheben, steht die Wahlpropaganda der „Nlchtiüdischnationalen^ 'gegenüber; 'füri'deteir’Eesamte Bestrebungen schon die Art ihrer Agitation überaus charakteristisch ist. Dieses Komitee, dessen Seele der berüchtigte Wahlmacher Fleischer ist und das den Namen eines alten, von abgestandenen „liberalen“ Ideen beherrschten und dem wahren Judentum fremd gegenüb erstehenden Professors und bekannten Augenarztes mißbraucht, dem selbst man in politischer Hinsicht erst den Star stechen müßte, arbeitet konsequent unter dem Ausschluß der Oeffentlichkeit, bringt den Mut nicht auf, sich zu einer öffentlichen Versammlung aufzuraffen und vergewissert sich vor der Veranstaltung seiner Konventikel mit peinlicher Genauigkeit, ob die dazu Eingeladenen auch genügend „verläßlich“ erscheinen. Dafür wird umso eifriger im Verborgenen gewühlt und die skrupellosesten Methoden sind gerade gut genug und kein Mittel der Demagogie ’ zu schlecht, um den Wiener Assimilanten vor dem unabwendbaren Ansturm der Jüdischnationalen gruseln zu machen. Was von jener Seite an die allerdings von vomeherein sehr eingeschränkte Oeffentlichkeit dringt, sind ein paar publizistische Ablagerungen in einem den „Nichtiüdischnationalen" zur Verfügung stehenden Blättchen, in weichem der einstige Zionist Dr. Krenberger, mit dem man drüben Staat machen will, den Jüdischnationalen schulmeisterliche Zensuren, austeilt und wie eine alte Gouvernante den guten Ton predigt. Für die schmutzigen und skrupellosen Methoden jener Gruppe ist nichts charakteristischer als ein von einem Unbekannten verfaßter Artikel, der den geschmackvollen Titel führt: Stricker, Kunschak & Comp., in welchem der Feigling die Unverfrorenheit hat, die auf Erhöhung der jüdischen Würde, auf Durchsetzung der wirklichen Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung und auf Anerkennung unserer berechtigten Forderungen und unserer national-kulturellen Minderheit gerichteten Bestrebungen des Abgeordneten Stricker, des einzigen vor der jüdischen und nichtiüdischen Oeffentlichkeit beglaubigten Vertreters der österreichischen Judenschaft — denn wer wollte die Wiener Kultusgemeindevertretung im Ernst dafür halten, sie, die anscheinend selbst diesen Anspruch gar nicht erhebt — mit der antisemitischen Hetze der Christlichsozialen und ihres Häuptlings Kunschak in gleiche Linie zu rücken. Das einzige Motiv, weiches jenes Grüppeben bewegt, ist feige Furcht, die Angst vor etwa eintretenden und für sie persönlich unangenehmen Folgen eines Bekenntnisses zur jüdischen Solidarität ihr einziges Programm. So erscheint dieser Gesellschaft schon die Erklärung, daß die Juden der ganzen Welt ein einheitliches Volk bilden und die daraus folgende Solidarität mit den Ostjuden als eine Gefahr für die Wiener Judenheit Es soll also die Spezialität eines besonderen „Wiener“ Judentums konstruiert werden und diesen Wiener Juden, nach deren Stammbaum und Herkunft dann natürlich nicht geforscht werden durfte, die Möglichkeit zu Gebote stehen, alles, was nicht zu diesem Wiener Judentum gehört, einfach abzuschütteln. Die hinterlistige Propaganda bedient sich im richtigen Empfinden, daß sie die Oeffentlichkeit zu scheuen hat, umso ausgiebiger des Mittels anonymer Flugblätter, welche den jüdischen Wählern ins Haus zugeschickt werden, und die soviel Entstellungen wie Worte enthalten. Nach diesen Wischen ist es die jüdischnationale Bewegung, welche die Grundlagen der jüdischen Religion bedroht, sie bedroht aber auch die staatsbürgerliche, wirtschaftliche und soziale Stellung der Juden, die persönliche Freiheit jedes Einzelnen, den Bestand der Kultusgemeinde und ist natürlich — auf jener Seite muß man das am besten wissen — eine Verfälschung der zionistischen Idee. Wie tief das Judentum jener Leute sitzt, beweist das Hauptargument, das sie ausspielen: Der drohende Massenaustritt vieler Hunderte von Juden aus dem Judentum als Antwort auf den, wie man auch drüben wissen muß, von niemandem versuchten „Zwang“ in einen iüdischnationalen Kataster, Daß jene Leute, welche ein einheitliches jüdisches Volk nicht kennen wollen, und ihres eigenen Nachwuchses'gar nicht sicher sind, uns über den'wäh-' ren Charakter der zionistischen Idee belehren zu wpllen wagen, ist mehr als grotesk, aber als Argument allzu abgebraucht als daß es noch einer Widerlegung bedürfte. So sieht eine Propaganda aus. welche die Leitung einer der größten jüdischen Gemeinden des Kontinents behaupten möchte, und das sind ihre Propagandamittel. Ihr letzter Schlager ist der Kampf gegen die „fremden“ Elemente in der Kultusgemeinde. Also das jüdische Wien den jüdischen Wienern! Nicht das Verhältnis zum Judentum soll bestimmend sein für die Würdigkeit eines Mandatars, sondern sein Heimatschein und allenfalls noch sein Steuerzettel. Mit solchen Gesichtspunkten macht man heutzutage jüdische Wahlpropaganda! Aber die ganze Demagogie, die ganze Flut von Unflat und Verleumdungen wird den paar Hetzern nichts nützen. Die jüdische Bevölkerung Wiens beginnt zu erkennen, daß es um Bestand oder Untergang ihrer Gemeinde geht. Der nationale Gedanke des zionistischen Judentums, der heute das gesamte Judentum repräsentiert ist mit größeren Widerständen fertig geworden als daß uns die anonyme Hetze eines kläglichen Grüppchens bange machen könnte. Daß die Wiener jüdische Gemeinde zionistisch werden muß, ist eine derartige Selbstverständlichkeit geworden, daß an ihr kein Einsichtiger länger zu zweifeln vermag. p_ Unsere Führer Weizmann. Die zionistische Oeffentlichkeit hat in irüheren Jahren von Chaim Weizmann nicht viel gewußt. Er galt als ein hoch befähigter und tüchtiger Zionist, als einer der. Führer der Opposition gegen Wolfsohn. Auch in der Zeit, als das Aktionskomitee noch in Berlin war. gab es für Weizmann nicht viel Gelegenheit. Aktivität zu entfalten. ln England selbst war durch die Spannung zwischen der Organisation und dem „Order of Ancient Maccabeans“. dem Weizmann Vorstand, keine fruchtbare Atmosphäre für ein großzügigeres Wirken Weizmanns vorhanden. Und doch wußten jene, welche dem inneren Getriebe des Parteilebens näher standen, sehr genau, was sie von diesem bescheidenen und liebenswürdigen Maime. dessen schlichtes Auftreten sich wohltuend von dem anderer Führer abhob. die immer die große Geste und das große Wort bereit hatten, zu halten hätten. Das erstemal hörte ich von Weizmann — ich kannte ihn damals noch nicht näher — am s. Kcui'.'rcli. Niemals nachher habe ich auf irgendeiner zionistischen Tagung einen so überwältigenden Eindruck von einer Persönlichkeit erhalten, wie schon damals von Weizmann. Ihm war ais Generalredner die Aufgabe zugefallen, den Standpunkt des „synthetischen“ Zionismus gegenüber den „rein politischen“ Zionisten zu vertreten. Der Inhalt der Rede allein, so glänzend er auch war. hätte ienen starken Eindruck nicht hervorrufen können. Er war das „Wie" des Sprechens, das iene Rede zu einem unvergeßlichen Erlebnis machte. Jeder Gedanke schien nicht bloß gedacht und gesprochen, sondern wie aufgestiegen aus einer unergründlichen Tiefe, es war. als ob hier nicht eine bestimmte Person spreche, sondern wie wenn eine zwingende Macht sich des Redners als Instrument bediene, aus ihm spreche. Wenn es von den Propheten heißt, der Geist sei über sie gekommen und habe aus ihnen geredet, so war dies genau so bei jener Rede Weizmanns der Fall. Die prophetische Macht in Weizmann. die bei dem sonst so schlichten Mann sich stets in großen Momenten zeigt, war es. die auf die Staatsmänner und Politiker so stark gewirkt hat. Chaim Weizmann, der schon in seiner Jugend in Rußland ein eifriger Chowewe-Zionist und von Achad Haara stark beeiniiußt war. gehörte in seiner Berliner Studienzeit in den neunziger Jahren dem wissenschaftlichen Verein russisch-jüdischer Studenten an. der dort von Motzkin und Lurle begründet worden war. Er wurde später Mitglied der d e m o krr a t i s c h - z i o n istischen Fraktion, die schon zu Zeiten des 5. Kongresses (1901) den „synthetischen“ Zionismus vertrat. Mit Buber und Fei weLzusammen legte er diesem Kongreß das Proiekt der Gründung einer jüdischen Hochschule in Palästina vor. Knapp danach wurde er Professor der Chemie in Manchester. Der Zionismus in England hatte damals noch keine große Bedeutung. Weizmann sammelte eine Schar Gleichgesinnter um sich, die sich zu dem schon erwähnten Orden vereinigten. Schon zur Zeit der Ugandaverhandlungen hatte er Gelegenheit, mit englischen Staatsmännern über " den Zionismus zu sprechen. Er selbst hat erzählt, wie er schon damals Balfour dre unerschütterliche Palästinasehnsucht der Juden in einer Weise erklärt hatte, daß dieser die Ueberzeugung erhielt, daß darin eine Krait von sieghaiter Gewalt liege. Während der Aera Wolfsohns war Weizmann in den Sitzungen des E. A. C. und auf den Kongressen der Hauptsprecher der Opposition. Unermüdlich wiederholte er den .Politikern“ gegenüber. daß ein politischer Erfolg nur dann möglich sein werde, wenn reale Stützpunkte in Palästina vorhanden sein würden. Niemals hat Weizmann gegen die Politik gesprochen, immer hat er die Arbeit in Palästina als Voraussetzung der politischen Arbeit proklamiert. Als durch den Krieg eine neue Situation geschaffen wurde, da war es Weizmann klar, welchen Weg er zu gehen hatte. Es wäre aber unrichtig. zu meinen, daß er bei der englischen Regierung irgendeine besondere Disposition für den Zionismus gefunden hätte. Er selbst hatte in der letzten Aktionskomiteesitzung erzählt, wie er im Gegenteil nur lauter Schwierigkeiten vorfand. Die Ugaijdaverhandlungen waren längst vergessen. In einem Vertrag mit Frankreich war Palästina in Interessensphären geteilt gewesen: Galiläa fiel in die französische. Judäa in die englische Sphäre. Die assimilatorischen Juden hatten in dem Vizekönig von Indien. Lord Montague. eine mächtige Stütze gegen den Zionismus. Allen Hindernissen zum Trotz gelang es Weizmann. die Verbindung mit der englischen Regierung herzusteilen. Dabei war es ihm von großem Nutzen, daß er sich eine Schar iüngerer. tatkräftiger Elemente erzogen hatte, darunter vor allem den Rechtsanwalt. Oekonomen und befähigten Journalisten H. Sacher, der ihm wertvolle Dienste leisten konnte. Weizmann hat keine diplomatischen Winkelzüge benützt Er wirkte stets durch die rücksichtslose Offenheit, mit der er sprach und dadurch erwarb er sich das Vertrauen der Staatsmänner. Er verhehlte auch nicht, daß der Zionismus eine Weltbewegung sei und daß auch die Zionisten ln den „feindlichen“ Ländern mitzureisen hätten. Weizmann hat auch niemals die zionistische Forderung aus Gründen der Opportunität verkleinert, um einen Erfolg zu erzielen. Bekannt ist. daß er vor der Friedenskonferenz, als L a n s i n g die durch das Auftreten. Silvain Levis verfahrene Situation retten wollte und Weizmann iragte. was er unter „Heimstätte“ verstehe, antwortete: „Palästina soll so jüdisch sein, wie England englisch“. In der Zeit des militärischen Vormarsches der britischen Truppen in Palästina waren es aber nicht die Minister, sondern die Militärs, die das maßgebende Wort zu sprechen hatten. Weizmann gelang es. Aüenby. der durchaus nicht prozionistisch war. vom Zionismus überhaupt nichts wußte, im entscheidenden Moment zum Freunde der Sache zu machen. Dies gelang ihm nicht durch irgendwelche diplomatischen Künste.

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